„Alles, was Sie gesehen haben, haben meine Architekten sehr gut ausgesucht. Man weiß genau, wie ein Mann wie ich wohnen muß. Man weiß es viel besser als ich selbst. Glauben Sie, daß ich eine Ahnung davon habe? Für mich wäre es wirklich gleich, ob ich in einem Schlosse wohne oder nicht. Es ist doch alles nur Kulisse. Aber man hat der Welt so lange eingeredet, daß zu ‚einem Printheer‘ Kulissen wie die hier gehören, daß die Welt es schließlich glaubte und forderte. Und ich mache mit. Ich tue, als ob ich es selbst glaubte. Es gibt bestimmte Formen des Lebens, die einem aufgezwungen werden, sie mögen einem im Grunde so unwichtig sein wie nur möglich.“
„Wer könnte Ihnen etwas aufzwingen?“ Mit leidenschaftlicher Frage senkte Agnete ihre Augen in die Printheers. Der lächelte. Was lag alles in diesem Lächeln: Zärtlichkeit, Überlegenheit, Spott und Wehmut.
„Sie, Kind, Sie glauben wohl auch, solche Menschen wie ich, sind der Herrgott, der alles lenken kann nach seinem Willen? Ach nein, was wir lenken, ist doch nur das Äußere. Aber wir vermögen ebensowenig wie der ärmste Mensch das Innere zu gestalten, das bißchen, was jeder braucht, das bißchen Glück.“
„Sind Sie nicht glücklich?“ wollte Agnete fragen. Aber ein angstvolles Mitleid, gemischt mit Schrekken über die Enthüllung einer Mannesseele hinderte sie daran. Printheer vollendete für sie.
„Das ist ein seltsames Gespräch zwischen uns, Fräulein Reyersdorff, seltsam und unbeabsichtigt. Es kam nun so. Aber warum soll in meinem Privatleben nicht auch einmal etwas Unberechnetes sein? Ich habe seit Jahren zu keinem Menschen gesprochen wie zu Ihnen. Ich würde es auch keinem andern sagen. Wissen Sie, daß ich Sie beneide?“
Ihre Augen fragten.
„Ja, ja, beneide. Wie Sie vorhin mit dieser schönen Leidenschaft von Ihrer Wissenschaft erzählten, da war etwas wie Neid in mir. Sie haben ein Ziel, dem Sie entgegengehen. Sie vermögen, wenn die äußeren Hemmnisse beseitigt sind, sich abzuschließen, um diesem Ziele zu leben. Ihre Arbeit ist in der Stille. Ich werde vom Leben hin und her gezerrt. Hunderte von Unternehmungen brauchen meinen Kopf, Tausende von Menschen meine Gedanken. Konzentration auf eine Aufgabe ist nicht möglich. Jede Aufgabe bringt immer neue hervor. Sie denken, ich bin der Meister. Nein, die Arbeit meistert mich. Ich glaube, niemand in all meinen Betrieben ist im letzten so unfrei.“
„Aber Sie können sich doch frei machen! Es kostet Sie doch nur einen Entschluß, und Sie können sich zurückziehen auf das, was Ihnen wirklich im Herzen liegt. Irgend etwas wird das doch sein?“
Wieder hatte Agnetes Gesicht dies leidenschaftlich Aufgewühlte, das ihre Züge leuchtender machte, den grauen Augen den beseelten Glanz gab.
„O ja, es gäbe vielleicht so einiges, was mir wertvoll wäre. Aber ich darf keine Zeit dafür haben. Wenn ich mich zurückziehe, wenn ich auch nur eines der Werke stillege, was glauben Sie, was dann geschieht? Ich bin ja nicht ein Mensch für mich. Ich bin ein Begriff, mit dem die Wirtschaft der Welt rechnet. Ich bin nicht Erik Printheer. Ich bin ganz einfach die Firma Printheer. Wenn Printheer A.-G. auch nur eines seiner Unternehmungen liquidiert, so gibt das einen Sturm an den Börsen. Einen Sturm, der Glück und Sicherheit von Hunderttausenden kleiner Sparer hinwegfegt, ganze Kategorien von Arbeitern brotlos macht, Hunger bringt, Erbitterung, Mord, Selbstmord. Wie in einem Expreßzug bin ich der Führer. Selbst wenn es auf den Abgrund geht, der Führer kann nicht abspringen. Er muß bleiben, ob er will oder nicht. Können Sie das verstehen?“
Agnete nickte. Sie konnte Printheer nicht ansehen. Erbarmen war in ihr für ihn. Angst war in ihr für sich selbst. In was für ein Leben war sie da hineingerissen worden? Zu welchem Zweck? Zu welchem Ende? Sie wußte es nicht. Sie wußte nur, daß Printheers Vertrauen ein Band war, das sie fesselte.
„Nun, und Sie sagen nichts?“ hörte sie die schwere Stimme fragen.
Agnete raffte sich auf. Man mußte Angst und Mitleid abschütteln und den eigentümlichen Bann.
„Und doch, Herr Konsul, irgendein Fehler ist da. Einen Ruhepunkt muß es auch für Sie geben. Sie können nicht, wie in einem Expreßzug, um Ihr Bild zu gebrauchen, durch Ihr eigenes Leben jagen. Auch ein Expreßzug hat Stationen. Hält. So müssen Sie auch einmal Station machen, zu sich selbst kommen.“
Vielleicht will ich auch nicht zu mir selbst kommen?“ Es war eine Frage, aber sie verlangte keine Antwort.
Agnete antwortete auch nicht. Sie senkte den Kopf sehr tief, als hätte Printheers schwere Frage eine Last auf sie selbst gelegt. Stumm erhob sie sich.
„Ich möchte nach Hause“, sagte sie hilflos.
„Wie Sie wünschen. Aber ich sehe Sie wieder, Fräulein Reyersdorff. Bald?“
Printheer beugte seinen Kopf über ihre Hand.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.