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Ein ununterbrochenes Kommen und Gehen herrschte in dem alten Hause der Johannisstraße. Jetzt, um die Mittagszeit, wurde der Speiseraum fast gestürmt. Für wenig Geld bekamen hier die ewig hungrigen jungen Menschen eine kräftige Mahlzeit. Und wenn es auch nicht gerade so schmeckte wie daheim bei der Mutter, so war man doch froh, sich einmal am Tag richtig satt essen zu können. Studentenleben von heute ist wahrlich kein leichtes Leben. Wo ist die Sorgenlosigkeit geblieben, der fröhliche Leichtsinn, der früher untrennbar verbunden war mit dem Begriff „Student“? „Durchhalten! Fertig werden!“ — das ist der Rhythmus, der heute den gewaltigen Bau der Universität durchpulst. Fertig werden! Nicht mehr den Eltern auf der Tasche liegen, die oft genug das Geld für das Studium ihres Kindes nur mit den schwersten Opfern aufbringen können. Nicht mehr von Tee und trockenen Semmeln leben müssen, wenn der Monat sich seinem Ende nähert und man selbst das Geld für das Mittagessen in der Studentenspeisung nicht mehr hat. Aber Durchhalten! — bis zum Examen. Der wissenschaftlichen Arbeit treu bleiben. Arzt werden, um der Menschheit helfen zu können. Recht studieren, um später Recht zu sprechen. Selbst lernen, viel lernen, um andere einst lehren zu können!
Und dann macht man das Examen, dann ist man glücklich fertig, hat sich mit größten Opfern an Kraft und Geld durchgearbeitet bis zum Abschluß — und was ist dann? Gering die Aussicht auf irgendeine Anstellung, gering die Bezahlung, wenn man so glücklich war, etwas zu bekommen. Jahrelange, trostlose Wartezeit für die meisten.
Es steckt ein ungeheurer Idealismus in dieser studierenden Jugend von heute, die trotz der trüben Zukunftsaussichten weiterarbeitet, weiterhungert, weiterstrebt. Durchhalten! Fertig werden!
Agnete schob sich zwischen ein paar Kommilitonen hindurch, nickte hier und da. Es waren Studenten, die sie von den Hörsälen und Kollegs kannte. Ein Klappern von Tellern, Geruch von Kohl und Suppe schlug ihr aus dem niedrigen Eßsaal entgegen.
„Tag, Fräulein Reyersdorff“, sagte ein blonder junger Mann hinter ihr — er fuhr nachts eine Taxe, um am Tage studieren zu können — „na, beehren Sie uns auch einmal wieder? Wen suchen Sie denn?“
„Wolfgang, Wolfgang Rautenberg, ach, ich sehe ihn schon.“
Agnete steuerte zwischen ein paar Studentinnen hindurch, die ihren Teller mit der Mittagssuppe vorsichtig durch den menschenvollen Raum trugen.
Aus einer Ecke hinter einem weißgescheuerten Tisch winkte Wolf Rautenberg.
„Hallo, Agnete!“ schrie er über den summenden Lärm hinweg und hielt seine Hand wie einen Wegweiser hoch.
„Tag, Wölfchen.“
Agnete schob sich neben ihn auf die Bank. Ein Student rückte zur Seite.
„Tag, Agnete, wie geht’s? Hast du schon gegessen, oder soll ich dir etwas von dem köstlichen Mahl besorgen? Herrlicher Lunch, sage ich dir. Ganz neues Gericht, Weißkohl mit Fleisch. Das heißt, fürs Fleisch hätten wir eigentlich das Mikroskop mitbringen müssen. Mit unbewaffneten Augen vermochte ich wenig davon zu entdecken.“
„Bist du schon fertig, Wolfgang, oder geht’s erst los?“
„Nee, danke“, Wolf schüttelte sich. „Für den ersten Hunger reicht’s, und für den zweiten möchte ich hier nicht noch mal. Ich weiß nicht, euer Essen, das ist — —“
„Na, wie ist es denn, du Materialist?“
„Preußisch ist es“, sagte Wolfgang mit tiefster Verachtung. „Meiner Ansicht nach beginnt die Trennung zwischen Süd- und Norddeutschland nicht beim Main, sondern bei der Kohlsuppe.“
Er sah mit tiefstem Widerwillen auf seinen Nachbarn, der geräuschvoll das Esssen auslöffelte.
„Weißt du was, Wölfchen, ich lade dich ein zu einer Tasse Kaffee und Kuchen. Wie wäre es damit? Aber nicht hier. Drüben bei Dobrin am Tiergarten. Mir ist so nach Tiergarten und einem guten Kaffee.“
„Welchen reichen Mann hast du totgeschlagen?“ fragte Wolfgang mißtrauisch. „Jetzt? Hast du den Kalender im Kopf, meine Teure? Siebenundzwanzigster. Oder hast du die Studentenhilfe ausgeraubt? Kaffee und Kuchen bei Dobrin? Verwegener Gedanke!“
„Ach, man muß auch einmal verwegene Gedanken haben, Wolfgang. Mit der Vorsicht kommt man auch nicht weiter. Wer weiß, vielleicht geht’s einem bald mal besser.“
„Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf“, zitierte Wolfgang und schob rücksichtslos ein paar Kommilitonen beiseite.
„Einen Augenblick.“
Agnete blieb gewohnheitsmäßig vor dem schwarzen Brett mit den Arbeitsvakanzen stehen.
„Keine Schreibmaschinenarbeiten, nichts zu machen.“
Ihr Gesicht war schon wieder bedrückt.
„Was ist denn mit dir, Agnete?“
Wolfgang sah sie von der Seite an: „Du bist ja so ungleich. Ist dir etwas Unangenehmes passiert? Erzähl’ doch schon, Mädchen.“
Er schob seinen Arm in den ihren.
„Unangenehmes eigentlich nicht. Bloß etwas Merkwürdiges. Und darum habe ich dich ja abgeholt, weil ich selbst mich nicht so ganz zurechtfinde. Eine komische Sache, die mir da passiert ist.“
Während sie beide durch den Tiergarten gingen, erzählte Agnete.
Wolfgang blieb mitten auf dem Wege stehen.
„Was“, sagt er, „Printheer, der große Printheer? Printheer, die Kohle, das Eisen, die Bergwerke, der Mammon? Wie kommt der Glanz in deine niedere Hütte?“
„Das weiß ich eben nicht, Wolf. Warum hat er mich kommen lassen? Nur so aus Dankbarkeit für meinen Vater? So was gibt’s doch eigentlich nicht.“ Wolfgang bemerkte philosophisch:
„Es gibt nichts, liebe Agnete, was es nicht gibt. Vielleicht will er dich zur Universalerbin einsetzen?“
„Du bist verdreht. Mit dir kann man auch kein vernünftiges Wort über solche Angelegenheit reden.“ Wolfgang machte ein halb ernstes, halb spöttisches Gesicht:
„Gib doch zu, Agnete, bei einer solch mysteriösen Aufforderung kann man sich alles mögliche denken. Da bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten, was dabei herauskommt.“
Plötzlich sagte er nachdenklich:
„Du, Agnete, kannte dich der Printheer eigentlich schon vorher?“
„Nein. Warum fragst du denn?“
„Ach, nur so.“
Aber das Übermütige und etwas Freche seines Jungengesichts war überschattet. Er ging ganz gegen seine Gewohnheit schweigsam neben Agnete her. Agnete, selbst in ihren unruhigen Gedanken versunken, spürte nichts davon.
Wolfgang Rautenberg sah von der Seite ihr Gesicht. Wie schön es war in seiner herben Fügung. Wie schön die kluge Stirn und, im Gegensatz dazu, der zarte, unerweckte Mund. Er bemerkte es wohl, wie die Blicke der ihnen entgegenkommenden Männer das geliebte Mädchen neben ihm begehrlich streiften. Zärtlichkeit durchrann ihn erneut. Wie sehr war er an Agnete gebunden. Viel mehr als er verriet und sie wußte. Es war gut, daß man den etwas rauhen Ton kameradschaftlicher Herzlichkeit hatte. Und mit ihm ließ sich vieles verbergen an Sehnsucht, Wünschen. Solange Agnete unangerührt von der Liebe durchs Leben ging, war eine hoffnungslose Neigung erträglich. Man mußte nur die Zähne zusammenbeißen. Agnete sah in ihm nichts anderes als den Freund und Arbeitsgenossen. Bisher aber hatte sie auch noch niemals mehr in irgendeinem anderen Mann gesehen. Wenn sie einmal erwachte, dann würde es schwer für ihn sein.
*
Vor Printheer lag eine Mappe mit dem Vermerk: „Agnete Reyersdorff.“ Er las nochmals die Informationen. Sie ergänzten das Bild, das Agnete ihm von ihrem bisherigen Leben gegeben. Armut, Arbeit, Studium, Hunger und Versuche, durch Arbeit aller Art sich obenzuhalten. Aber eines hatte sie ihm nicht gesagt. Hier stand es: Doktorexamen summa cum laude bestanden. Thema der Doktorarbeit: „Moderne Krebsprobleme.“ Besondere Bemerkung: „Wegen hervorragender Ergebnisse wurde diese Arbeit auf Kosten der Fakultät gedruckt und in den Annalen für Krebsforschung publiziert.“
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