„Ja, das war er wohl“, sagte Printheer und sah auf Agnetes versonnenes Gesicht.
„Nun, Fräulein Reyersdorff, meine Dankesschuld an Ihrem Vater besteht für mich weiter — Ihnen gegenüber. Für Sie würde er diesen Dank nicht zurückweisen, soweit kannte ich ihn auch. Würden Sie mir vielleicht einmal von sich in kurzen Umrissen erzählen? Sie wissen nun: Ich frage aus bestimmten Gründen. Wie sind Ihre pekuniären Verhältnisse jetzt?“
„Ich bin bis jetzt durchgekommen, Herr Konsul. Aber nun sieht es etwas sehr schwierig aus.“
„Hat Ihnen Ihr Vater gar nichts hinterlassen?“
„Nur das kleine Anwesen, das er sich in der Werksiedlung erworben hatte.“
„Wollen Sie das Haus behalten?“
„Ich weiß es noch nicht. Mein Beruf wird mich ja nie mehr dauernd in die Heimat zurückführen. So wird das Haus ein Luxus sein, den ich mir nicht mehr leisten kann. Freilich“, fügte Agnete leiser hinzu, „ich hänge an ihm.“
„Nun, Fräulein Reyersdorff, Sie brauchen ja heut und morgen noch keine Entschlüsse zu fassen. Würden Sie vielleicht die Sorge dafür mir später überlassen, auch einen eventuellen Verkauf?“
„Gern, wenn Sie so gütig sein wollen.“
„Dann schicken Sie mir, bitte, alle diesbezüglichen Schriftstücke und Urkunden über Kauf und Belastung sowie den Hypothekenbrief an mein Büro. Sie werden dann bald von mir hören. — Aber nun wüßte ich gern noch etwas über Ihr Leben. Sie haben einen Beruf?“
„Ja, ich habe Medizin studiert.“
„Wie weit sind Sie denn?“
„Ich bin fertig.“
„Ganz fertig? Sie sehen ja noch so jung aus.“
Hier lächelte Agnete zum ersten Male. Es war nur ein ganz schneller Hauch eines Lächelns, der über ihr Gesicht ging, aber er erhellte es wunderbar.
Printheers Augen schossen wie ein Blitz über sie hin.
Eine Schönheit war ja dieses Mädchen. Nur froher und unbelasteter müßte es aussehen.
„Haben Sie auch schon Ihr praktisches Jahr gemacht? Womöglich auch schon den Doktor? Ja? Oh, dann bitte ich um Entschuldigung, daß ich Sie nicht mit Ihrem Titel angeredet habe. Nun, Fräulein Doktor, wollen Sie mir jetzt noch anvertrauen, wie Sie sich die Zukunft vorgestellt haben?“
„Wie ich mir die Zukunft vorgestellt habe? Ach Gott, Herr Konsul, Vorstellungen von der Zukunft kann man sich unter den heutigen Verhältnissen nicht mehr machen. Man muß ja alles beiseitestellen an eigenen Wünschen, um sich nur überhaupt durchzuschlagen. Bezahlte Assistentenstellungen zu bekommen ist unmöglich, wenn man nicht besondere Beziehungen hat —“
„Protektion ist heut in allen Berufen notwendig, Fräulein Reyersdorff.“
„— ja, und Vertretungen sind kaum noch zu haben. Für eine selbständige Niederlassung fehlen mir alle Mittel, ganz abgesehen davon, daß mir meine Ausbildung noch lange nicht genügen würde. Ich habe schon versucht, alles mögliche zu bekommen. Aber es ist für eine Akademikerin viel schwerer als für einen anderen Menschen, eine Stellung zu finden. Man kommt nicht einmal als Dienstmädchen unter. Der Arbeitsnachweis hat mir ein paar Stellen nachgewiesen. Aber die Leute haben sofort nein gesagt. Man kann doch eine Ärztin nicht ans Waschfaß stellen oder an den Aufwischeimer, hieß es.“ Printheer sagte lächelnd, und wieder streifte sein Blick schnell über Agnete hin:
„Das kann ich mir vorstellen, daß Sie als Dienstmädchen nicht gerade an Ihrem richtigen Platze sind.“
„Auch als Stenotypistin habe ich mich schon beworben, aber auch vergebens.“
„Stenotypistin? Das ist Unsinn, Fräulein Reyersdorff. Wir haben in der Wirtschaft so viel tüchtige und geschulte Bürokräfte, die auf der Straße liegen, daß wir nicht noch ungeschulte einstellen können.“ Agnete zuckte die Schultern:
„Sie haben ja recht, Herr Konsul. Aber —“ Sie schwieg bedrückt.
„Und was würden Sie beginnen, Fräulein Reyersdorff, wenn Sie reich wären?“
„Reich? Ich ersehne Reichtum nicht, Herr Konsul.
Die Wünsche, die ich ans Leben habe, sind bescheiden. Aber wenn ich nur die geringsten Mittel hätte, dann würde ich rein wissenschaftlich arbeiten wollen.“
„Denken Sie an ein Spezialgebiet?“
Agnetes blasses Gesicht belebte sich. Ihre Stimme bekam Wärme und Klang.
„O ja, Herr Konsul, Krebsforschung. Meine Doktorarbeit handelte von derartigen Problemen. Ich wäre glücklich, wenn ich auf diesem Gebiet weiterarbeiten könnte. Aber — das sind Wünsche. Es geht eben nicht.“
Printheer überlegte kurz:
„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Fräulein Doktor. Vielleicht ist es möglich, etwas für Sie zu tun. Jedenfalls stehe ich immer zu Ihrer Verfügung, wenn Sie etwas von mir wünschen. Bitte, wenden Sie sich immer direkt an meinen Privatsekretär Doktor Dörnberg. Das erspart Ihnen den Instanzenweg.“
Er sah auf seine Uhr. Agnete erhob sich sofort. „Ich danke Ihnen, Herr Konsul.“
„Noch nichts zu danken, Fräulein Doktor. Hoffentlich bald auf Wiedersehen.“
Printheer ließ Agnete vor sich durchs Zimmer gehen. Sie sah nicht den Blick, mit dem er sie prüfte, ihre große, schmale Gestalt mit dem federnden Gang, die stolze, entschlossene Haltung des Kopfes, um den sich das blonde Haar wie ein Helm schloß, das ganze Strenge und Unberührte ihrer Erscheinung. Etwas Dianenhaftes war in der Art, wie ihre Füße ausschritten. Unwillkürlich schlossen sich seine Augen zusammen. Der schmallippige Mund, der in so starkem Gegensatz zu dem großflächigen Gesicht stand, schob sich vor. Agnete fühlte, ohne ihn zu sehen, diesen prüfenden Blick in ihrem Rücken. Beunruhigt drehte sie sich um, sah aber in ein verbindlich lächelndes, beherrschtes Gesicht. Printheer öffnete ihr selbst die Tür zu dem Sekretariatszimmer. An dem erstaunten Aufsehen der Sekretärinnen drin spürte Agnete, daß diese Höflichkeit Printheers etwas Ungewöhnliches war. Noch einmal fühlte sie seine Hand mit dem festen zupackenden Druck, sah, wie seine große, dunkle Gestalt in dem hellen Lichtviereck stand, das von den großen Fenstern her bis zur Tür fiel.
Und schon riß der Privatsekretär die Tür zum Korridor vor Agnete auf.
Konsul Printheer sah Agnetes schwarze, schmale Silhouette um die Ecke biegen. Schon in der Tür zu seinem Arbeitszimmer wandte er sich um:
„Legen Sie Akten an: Dr. med. Agnete Reyersdorff.“
Agnete stand auf der Straße. Der feuchte Märzwind warf sich ihr in wilden Stößen entgegen und nahm ihr fast den Atem. Merkwürdig, daß ihr diese erste, ungewohnte Weichheit der Frühlingsluft jetzt erst zum Bewußtsein kam. Heute früh hatte sie in ihrer Aufregung nichts von allem gespürt. Und jetzt fühlte sie eine Unruhe in sich, stärker eigentlich als vor dem Besuch bei Printheer. Niemals hätte sie geglaubt, daß der Vater eine Beziehung zu einem Manne wie Printheer gehabt hätte, niemals geglaubt, daß sie selbst je in eine Beziehung zu ihm treten würde. Vielleicht würde er doch einen Weg für sie wissen? Er hatte es ja angedeutet. Aber wie vielen, die zu einem Manne wie Printheer kamen, mochte wohl Ähnliches gesagt werden! Wie vielen etwas versprochen werden, ohne daß das Versprechen je eingelöst wurde. Vermutlich war es dies Unsichere, was sie so bedrängte. Heute früh noch, ehe diese Karte von Printheer ihr aus der Heimat nachgesandt worden war, hatte sie ihr Leben überschauen können, hatte gewußt, daß sie ganz allein auf sich gestellt war und auf das, was die Studentenhilfe ihr an Arbeit übermittelte. Jetzt war alles vage geworden — und doch hatte im Grunde sich nichts geändert. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätte diesen Besuch bei Printheer nicht gemacht. Man hätte sich nicht noch durch solche Dinge in falsche Erwartungen hineinziehen lassen sollen.
Agnete fühlte sich plötzlich sehr allein. Sie hatte das Bedürfnis, mit einem Menschen zu sprechen; darum nahm sie eine Elektrische und fuhr nach dem Studentenhaus in der Johannisstraße. Um diese Zeit würde sie Wolfgang treffen.
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