Viel mehr.
Sie hatte nicht nur von ihrem Ehemann geträumt, sondern ihn gespürt, wie nur sie es dank ihrer einzigartigen intimen Bindung konnte. War Sarek am Leben? Hatte er es irgendwie geschafft, die seltsame Barriere oder Leere zu überwinden, die ihn von diesem Universum trennte, wie Spock erklärt hatte? So schnell, wie die Gedanken aufkamen, fühlte Amanda, wie Zweifel sich breitmachten. Vielleicht litt sie unter einer seltsamen Nebenwirkung der Beruhigungsmittel, die Dr. McCoy ihr verabreicht hatte. Sie würde ihn fragen müssen.
Amanda gab den Versuch auf, sich an ihre Traumbilder zu erinnern, stand auf und verließ den Schlafbereich. Bis auf das ständige Dröhnen der mächtigen Impulstriebwerke der Enterprise war es still im Raum und zum ersten Mal bereute sie es, darum gebeten zu haben, in Ruhe gelassen zu werden.
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, ertönte der Türsummer.
»Herein«, rief Amanda. Die Tür glitt zur Seite und gab den Blick auf Dr. Leonard McCoy frei. Er trug eine weniger formelle, kurzärmelige Version der Sternenflottenuniform und hatte einen Trikorder dabei.
»Mrs. Sarek«, grüßte der leitende medizinische Offizier des Schiffs.
Lächelnd antwortete Amanda: »Hallo, Doktor. Ist das ein Hausbesuch?«
McCoys Gesichtsausdruck hellte sich auf, aber nur ein bisschen, und Amanda spürte, dass der Doktor nur eine höfliche Fassade zur Schau trug. »Ich dachte, ich sollte vorbeikommen und sehen, wie es Ihnen geht. In eine Sprechanlage zu jammern finde ich etwas unpersönlich. Ich hoffe, ich störe Sie nicht.«
Amanda trat von der Tür zurück und bat McCoy herein. »Überhaupt nicht. Ich kann ohnehin nicht schlafen.«
Der Arzt betrat den Raum und runzelte die Stirn. »Haben Sie Probleme? Ich kann Ihnen etwas anderes verschreiben.«
»Nein, das wird nicht nötig sein. Um genau zu sein, denke ich, dass ich von nun an ohne zusätzliche Hilfe auskommen werde.« Sie bedeutete ihm, in einem der Sessel Platz zu nehmen, die um einen kleinen Tisch in der Sitzecke ihres Zimmers standen. »Ich sollte mich wahrscheinlich anziehen, anstatt in meinem Schlafanzug rumzusitzen«, sagte sie und spielte mit den Falten ihres Morgenmantels.
McCoys Grinsen wurde breiter, als er sich neben den angebotenen Sessel stellte. »Um ehrlich zu sein, wenn es um vulkanische Mode geht, kann ich nicht zwischen einem zeremoniellen Gewand und einem Bademantel unterscheiden.« Dann änderte sich sein Gesichtsausdruck. »Was nicht heißt, dass Sie nicht salonfähig aussehen, Ma’am. Entschuldigen Sie meine Manieren.«
Der Kommentar brachte sie zum Lachen. Auf dieses Vergnügen verzichtete sie zu Hause oft, aber in der Gesellschaft ihrer Mitmenschen gönnte sie es sich. »Falls es Sie tröstet, ich kann die meiste Zeit auch keinen Unterschied feststellen.«
Zum ersten Mal schien McCoy seine erzwungene Fassade abzulegen und sich ein echtes Lachen zu gestatten. Nach einem Moment sagte er: »Wow, das habe ich gebraucht. Vielen Dank, Lady Amanda.«
»Bitte, nur Amanda. Ich versuche, nicht so förmlich zu sein, es sei denn, die Umstände erfordern es.« Sie erkannte, dass McCoy als wahrer Gentleman so lange stehen bleiben würde, bis sie Platz genommen hatte, ging zu einem Sessel ihm gegenüber und setzte sich hin.
»Nur wenn Sie mich Leonard nennen«, entgegnete der Arzt. Er setzte sich und legte den Trikorder auf seinen Schoß.
Amanda nickte. »Abgemacht.«
»Wie fühlen Sie sich?«
Sie hielt einen Moment inne, um über die Frage nachzudenken. Ihre Schnitt- und Schürfwunden waren behandelt und verheilt, und die Rippen-, Arm- und Beinfrakturen, die sie erlitten hatte, waren wieder zusammengewachsen. Die Verletzungen verursachten keine Schmerzen mehr. Die einzigen greifbaren Beweise für die Wunden, die sie während des heftigen Angriffs der Romulaner auf die Universität von New Athens erlitten hatte, waren versengte Strähnen ihres grauen Haars und ein dumpfer Schmerz von den zahlreichen Prellungen. Aber selbst dieser verblasste bereits und sie hatte weitere Medikamente gegen die Beschwerden abgelehnt.
Was jedoch blieb, waren ihre Erinnerungen.
»Ich kenne diesen Blick«, stellte McCoy fest. »Er kommt ziemlich häufig bei Menschen vor, die eine so traumatische Erfahrung durchlebt haben wie Sie auf Centaurus.«
»So etwas habe ich wahrlich noch nicht gesehen.« Jeder Erinnerungssplitter stach auf ihre Psyche ein und verursachte schmerzhafte Schocks oder Erkenntnisse, die sie mit derselben Wucht erschütterten und verwirrten wie die Bombardements, denen sie und so viele andere während des Angriffs ausgesetzt gewesen waren. Das Entsetzen hatte sie gepackt und weigerte sich, loszulassen. Unterstrichen wurde es durch wiederholte Plasmastöße, die ihr den Atem aus den Lungen trieben, während ihr Körper mit Granatsplittern und Steinen gespickt wurde. Die Geräusche von berstendem Glas, gequältem Metall und die Schreie der Verletzten drangen an ihre Ohren und in ihren Geist. Nicht einmal wenn sie die Augen schloss, konnte sie die Bilder der wogenden Trümmerwolken oder einstürzenden Gebäude fernhalten und auch die verstreut herumliegenden, geschundenen und blutenden Körper wurden nicht ausgeblendet. Zu diesen Opfern gehörte auch ihr geliebter Ehemann Sarek, der sein Leben riskiert hatte, um eine Delegation klingonischer Botschafter aus einem Studentenwohnheim der Universität zu retten, kurz bevor dieses in Schutt und Asche gelegt worden war.
Und dann wurde er mir weggenommen .
»Amanda?«, fragte McCoy.
Sie räusperte sich und sagte: »Ich kann immer noch alles hören und sehen. Ich erinnere mich, dass ich neben Sarek stand und mich umsah, weil ich wissen wollte, ob es Hilfe oder ein weiterer Angriff war, was da auf uns zukam.« Sie erinnerte sich, wie Sarek trotz seiner eigenen Verletzungen in bester vulkanischer Manier stoisch und stark geblieben war, während er sich um sie gekümmert hatte. Dann hatte die Bewusstlosigkeit ihn übermannt. Sogar ihre Kehle schien vom Staub ausgetrocknet zu sein und durch ihre wiederholten Hilferufe zu schmerzen. Sie sah immer noch Joanna McCoy, die gekommen war, um ihr mit Sarek zu helfen. Kurz darauf war das gleißende Licht aus dem Nichts erschienen, das ihren Mann und die junge Frau eingehüllt hatte, als ob es beide aus dem Leben ausradieren würde.
»Als ich Sarek und Ihre Tochter verschwinden sah«, erzählte Amanda, »war ich vollkommen überfordert. Der Gedanke, dass er mir ohne Vorwarnung weggenommen worden war, war zu viel für mich«. Sie war in Ohnmacht gefallen. Für diese Reaktion war sie jetzt dankbar. Vieles von ihrer restlichen Zeit auf Centaurus erschien ihr verschwommen, einschließlich der Erstbehandlung ihrer Wunden durch die Triageteams. Eine Erinnerung, an die sie sich klammerte, war das Bild, wie Spock aus der Menge der Verletzten und ihrer Versorger auf sie zukam. In diesem Moment hatten sich der Schock, die Trauer, der Schmerz und die Verzweiflung, die in ihr tobten, in einer ungehemmten Zurschaustellung roher Emotionen entladen. Spock hatte den Ausbruch auf eine Art und Weise gemeistert, die seinen Vater stolz gemacht hätte, vorausgesetzt, Sarek hätte so etwas je zugegeben. Doch es waren die nächsten Worte ihres Sohnes, so einfach und doch so kraftvoll, die ihr neue Hoffnung gegeben hatten.
Sarek könnte noch leben, Mutter .
Amanda verinnerlichte diese Worte und wiederholte sie immer wieder in ihren Gedanken. Spock hatte ihr erklärt, dass Sarek und Joanna sowie zahlreiche andere Personen dem gleichen Phänomen ausgesetzt worden waren und dass sie nicht tot seien. Sie wären in ein eigenständiges Paralleluniversum transportiert worden. Ob man sie zurückholen konnte, war unklar, aber die Enterprise hatte sich diesem Ziel verschrieben. Seit dem Abflug des Raumschiffs von Centaurus hatten ihr Sohn und andere Besatzungsmitglieder unermüdlich daran gearbeitet, einen Weg zu finden, ihren Mann und die anderen zu retten. Amanda konnte jetzt nur noch abwarten und hoffen.
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