» Mev« , sagte Koveq und brachte sein bat’leth in eine Trageposition, die deutlich machte, dass er weder angreifen noch verteidigen wollte.
Visla sah ihn mit finsterer Miene an. »Ich habe Ihnen nicht befohlen aufzuhören.«
»Ich weiß, Commander. Aber als Kampfausbildungsoffizier des Schiffs ist das mein Vorrecht. Diese Übung ist beendet.«
»Warum?« Sie wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. »Sie waren dabei, zu gewinnen.«
»Beim Training geht es nicht um Sieg oder Niederlage, Commander«, erklärte Koveq mit ruhiger Stimme. »Es geht ums Lernen.«
Visla knurrte verärgert und schüttelte den Kopf. »Sie klingen wie ein Vulkanier, wenn Sie so reden.«
»Trotz ihrer lästigen Neigung, unaufhörlich über Nichtigkeiten zu schwafeln, sind Vulkanier in den Kampfkünsten recht versiert.« Koveq durchquerte den Raum und hielt vor der Bank an, die im rechten Winkel zur schrägen Stirnwand des Trainingsraums stand. Er nahm sich ein Handtuch und begann, sein Trainings- bat’leth abzuwischen. »Ich habe einige ihrer waffenlosen Kampfdisziplinen studiert. Da gibt es einiges zu lernen und zu bewundern.«
Zorn wallte in Visla auf und sie hielt ihre Waffenattrappe hoch. »Bevor ich einen Weg finde, Sie mit diesem Spielzeug zu töten … Was hat dieser Unsinn, den Sie von sich geben, mit irgendetwas zu tun?«
Koveq legte das bat’leth auf die Bank und drehte sich zu ihr um. »Die Vulkanier sind Meister darin, ihren Geist neuen Ideen und neuen Vorgehensweisen gegenüber zu öffnen. Aus diesem Grund können sie sich fast jeder Situation anpassen, auch im Kampf. Diese Einstellung erleichtert ihnen das Lernen und verleiht ihnen die Fähigkeit, sich jeder Herausforderung zu stellen. Um zu lernen, muss man sich gedanklich auf die jeweilige Aufgabe einstellen. Sie sind mit den Gedanken woanders, Commander.«
Visla öffnete den Mund, um zu antworten, doch sie hielt sich zurück. Mehrere Herzschläge vergingen, dann trat sie einen Schritt zurück, atmete tief ein und ließ das hölzerne bat’leth aus der Hand fallen. Die Waffe schlug klappernd auf die Metallplatten des Decks. Zum ersten Mal, seit sie den Trainingsraum betreten hatte, lächelte sie und stieß dann sogar ein leises Lachen aus.
»Ihnen ist klar, dass nicht einmal mein Erster Offizier so mit mir reden darf, und ihn mag ich wenigstens.«
Der Waffenoffizier lachte schallend. »Ja, aber ich bin der Hüter Ihres Gewissens, Commander. Das ist eine Verantwortung, die ich nicht auf die leichte Schulter nehme. Sie sind offensichtlich beunruhigt und das beeinträchtigt Ihre Konzentration.«
Obwohl Visla seinen Rat schätzte, gab es Zeiten, da hätte sie Koveq wegen seines ruhigen, unerschütterlichen Auftretens am liebsten mit dem Gesicht gegen das nächste Schott gerammt oder ihn einfach aus einem der Torpedorohre des Schiffs gefeuert. Wenn er so mit ihr redete, wurde sie nur noch wütender, weil sie wusste, dass er die Quelle ihrer Wut ganz genau kannte.
»Sie wissen, dass ich es hasse, wenn Sie in Rätseln sprechen«, sagte sie und griff nach dem bat’leth , das sie fallen gelassen hatte. Dann brachte sie es an seinen Platz bei den anderen Trainingswaffen auf dem Lagergestell an der hinteren Wand zurück. »Sagen Sie, was Sie zu sagen haben, Lieutenant.«
Koveq stellte sich neben sie und legte seine Waffe ebenfalls auf das Gestell. »Sie sind hin- und hergerissen. Sie sind dankbar, dass Ihr Sohn lebt. Dennoch haben Sie das Gefühl, dass ihm, genau wie Ihnen selbst, durch Mächte, auf die er keinen Einfluss hatte, seine Ehre genommen wurde. Sie befürchten, dass er zu einem bloßen Diener des Reichs degradiert wird, der dazu bestimmt ist, im Verborgenen zu dienen, ohne Hoffnung auf einen Aufstieg, eine Belobigung, eine Belohnung oder auch nur ein bisschen Respekt.«
Visla spannte bei den Worten ihres treuen Freundes den Kiefer an, drehte sich um und schlug gegen die Wand. Natürlich richtete die Wucht des Schlags keinen Schaden an der Metallverkleidung an, aber sie spürte den befriedigenden Schmerz in ihrer Hand auch durch den schweren, schützenden Lederhandschuh hindurch. Trotzdem rief der Schlag ein dumpfes Echo in der Wand hervor und sie stellte sich vor, wie der Klang durch das gesamte Schiff hallte. Dann lachte sie über die Absurdität eines solchen Gedankens.
Du und ich, wir sind beide dickköpfig. Wir beugen uns nie. Wir kapitulieren nie .
Dieser alte Eimer mochte seine Glanzzeiten lange hinter sich haben, aber die I.K.S. Qo’Daqh besaß immer noch ein gewisses Maß an Schneid und Stolz. Der Schlachtkreuzer der D5-Klasse war ein Relikt, eine veraltete Todesfalle und hätte schon eine Generation vor Vislas Geburt verschrottet werden müssen, aber er besaß eine Geschichte voller Ruhm und Schande. Letzteres war natürlich alles, was zählte, zusammen mit der Schmach, die er und das Klingonische Reich während einer Jahrzehnte zuvor geführten und verlorenen Schlacht erlitten hatten. Wie die Schlacht war auch der Kommandant dieses unseligen Feldzugs, Vislas Großvater, aus den offiziellen Aufzeichnungen mehr oder weniger getilgt worden, und niemand, den sie kannte, hatte je laut über diesen schändlichen Tag gesprochen. Er selbst hatte nie ein Wort darüber verloren und es vorgezogen, die Last der Demütigung bis zu seinem Lebensende stillschweigend zu schultern.
Unter fast allen anderen Umständen hätte man die Qo’Daqh zerstört, aber irgendwo hatte jemand entschieden, dass sie noch einen gewissen Wert besaß. Sie war genau wie diejenigen, die sie bemannt hatten, in Ungnade gefallen. Sie durfte nie mehr etwas anderes als die niedersten Aufgaben verrichten und es war ihr verwehrt, irgendetwas zu vollbringen, um ihre Ehre und ihr Vermächtnis wiederzuherstellen. Alle, die an Bord dienen mussten, wussten, dass sie im Ansehen des Reichs ganz unten standen, und das galt besonders für den Klingonen, der dazu verdammt wurde, den Sessel des Captains einzunehmen. Dies war die Strafe für Vislas Unverfrorenheit, in ein Haus hineingeboren zu werden, das das Reich entehrt hatte.
»Mein Sohn war bereits dazu verdammt, mir auf dem Pfad der Schande zu folgen«, sagte sie und ging vom Waffenregal zu dem groben Leinentuch, das sie auf eine Bank in der Nähe gelegt hatte. »Es war sein Pech, mich als Mutter zu haben. Seine Schande hat sich jetzt nur vergrößert.«
Visla hatte nicht geschlafen, seit sie am Vorabend die Nachricht erhalten hatte, dass die I.K.S. HoS’leth – der Kreuzer, dem ihr Sohn K’tovel zugeteilt war – im Kampf gegen ein romulanisches Schiff in der Nähe des Planeten Centaurus zerstört worden war. Der Ort der Schlacht war interessant, da dort Friedensgespräche zwischen Gesandten der Föderation und des Klingonischen Rechs stattfanden. Die HoS’leth hatte unter dem Kommando des bekannten klingonischen Generals Kovor mit der unwahrscheinlichen Unterstützung eines Raumschiffs der Föderation, der U.S.S. Enterprise , gegen das romulanische Schiff gekämpft. Einzelheiten der Begegnung waren nicht bekannt gegeben worden. Doch Prang, der klingonische Attaché, der Ratsmitglied Gorkon während der Friedensgespräche in Centaurus zugeteilt war, hatte Visla erzählt, dass die Konfrontation die Folge einer wichtigen Entdeckung auf Usilde, einer abgelegenen Welt im Libros-Sternsystem, war. Mehr Informationen hatte Prang nicht preisgegeben. Visla mutmaßte aber, dass das, was man auf diesem Planeten gefunden hatte, wohl für die Romulaner, die Klingonen und die Föderation gleichermaßen von großem Interesse war.
Außerdem hatte jemand diese Entdeckung für wertvoll genug gehalten, um General Kovor dazu zu bewegen, sich mit James Kirk, dem Captain des Föderationsschiffs, zu verbünden. Nach dem, was Visla über die jüngsten Gefechte des Erdlings mit anderen klingonischen Schiffen gelesen hatte, konnte sie das kaum glauben. Diese Begegnungen hatten ihm sowohl die Verachtung als auch den widerwilligen Respekt des Hohen Rats eingebracht. Zahlreiche Schiffskommandanten hatten bereits den Wunsch geäußert, sich mit dem menschlichen Captain auf einen Kampf einzulassen, um zu sehen, ob die Berichte über seine taktischen Fähigkeiten und seine Listigkeit der Wahrheit entsprachen. Visla dagegen vermutete, dass die Berichte beschönigt worden waren, um die Inkompetenz der Klingonen zu verschleiern, die durch Kirk eine Niederlage erlitten hatten.
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