Oder würden sie es doch wagen? Der Hof lag abgeschieden. Er könnte sich heiser schreien, und nur die Kühe würden ihn hören.
Sein Zorn vertrieb die Schläfrigkeit. So einfach ließ er sich nicht abschlachten. Außerdem war es nicht das erste Mal, dass er in Lebensgefahr schwebte. Im Lauf der Jahre hatte er einiges mitgemacht. Sie sollten ja nicht glauben, er sei leichte Beute. Er wusste sehr gut, wie man sich aus der Bredouille befreite. Er würde . . . Tja, was? Die ganze Nacht wach bleiben und sich nichts anmerken lassen? Zu riskant. Vielleicht unternahmen sie doch einen Versuch. Er würde ihnen nicht viel entgegenzusetzen haben. Sie waren zu zweit, außerdem war Leif jünger und stärker als er.
Sein Blick wanderte zum Fenster. Das war die einzige Möglichkeit. Doch wie sollte er die Stadt erreichen? An seinen Mantel kam er nicht heran. Der hing unten an der Garderobe. Die Tasche konnte er selbstverständlich hier lassen, aber seine wertvolle Aktenmappe musste er mitnehmen. Er sollte zusehen, dass er endlich fortkam, ehe die da draußen die Geduld verloren. Mit wackligen Beinen stand er auf, nahm den Stuhl, auf dem er gesessen hatte, und klemmte die Rückenlehne vorsichtig unter die Türklinke. Dann löste er die Fensterhaken. Mit angehaltenem Atem schob er langsam das Fenster auf. Es quietschte und jammerte wie ein rolliger Kater. Er fluchte lautlos, während seine Augen wie gebannt auf die Klinke starrten. Doch sie bewegte sich nicht. Vielleicht dachten sie, er wolle nur lüften. Es war bitterkalt draußen, vermutlich um die null Grad. Er öffnete die Reisetasche, zog einen Wollpullover heraus und zwängte ihn sich über sein Hemd. Im Versuch, seine Flucht vorzubereiten, stopfte er wahllos Toilettenartikel und Unterwäsche in Jacken- und Hosentaschen. Seinen Rasierapparat presste er in die Brusttasche. Schließlich gab er dem diffusen Bedürfnis nach, für jede Gelegenheit gewappnet zu sein, und knüllte ein sauberes Hemd unter den Pullover. Als er die Tasche wieder schließen wollte, fiel sein Blick auf das gerahmte Foto seiner verstorbenen Frau. Es war zu groß, um es sich in die Tasche zu stecken. Auch konnte er es nicht mehr in die schmale Aktenmappe quetschen, die bereits bis zum Bersten mit Papieren gefüllt war. Zurücklassen aber konnte er es auch nicht. Das wäre so, als würde er sie seinen Feinden ausliefern. Er drückte es sich gemeinsam mit der Mappe an die Brust, als er seine waghalsige Klettertour begann. Er befand sich nicht sehr hoch über dem Boden, vielleicht ein bis anderthalb Meter, doch ein Sprung, der für einen jüngeren Mann eine Kleinigkeit gewesen wäre, barg in seinem Alter ein gewisses Risiko.
Nach ein paar umständlichen Verrenkungen gelang es ihm, die Beine über das Fensterbrett zu hieven. Er beugte sich vor, stieß sich mit den Fersen ab, schätzte jedoch sein Gewicht falsch ein. Mit einem Krachen, das im ganzen Haus zu hören sein musste, schabte er mit dem Rücken an der Wand entlang, ehe ihm das Fensterblech einen Schlag in den Nacken versetzte. Für einen Moment war der Schmerz so intensiv, dass er sich verloren glaubte. Auf allen vieren fand er sich in etwas wieder, das wie ein frisch angelegtes, von einer dünnen, harten Frostschicht überzogenes Beet aussah. Doch sein Überlebenstrieb war stärker als der Schmerz. Mit Kräften, die er sich selbst nicht zugetraut hätte, schnappte er sich die Aktenmappe und seine gerahmte Ehefrau, rappelte sich auf und begann in Richtung des großen Wegs davonzulaufen.
Mehrmals musste er sich zwingen, stehen zu bleiben und zu lauschen. Seine überreizte Fantasie gaukelte ihm Geräusche vor, die von Verfolgung und einem Hinterhalt kündeten. Sie stattete seine imaginären Mörder mit übermenschlicher List und Schnelligkeit aus. Für einen Augenblick sah er Gertrud mit einer Waffe hinter einem Baum lauern, während ihm Leif mit blutdürstender Miene bereits dicht auf den Fersen war.
Völlig durchgeschwitzt erreichte er den großen, asphaltierten Weg. Jeder Atemzug schmerzte in seiner Brust, doch aus Angst, seinen Elan einzubüßen, lief er in nahezu unvermindertem Tempo weiter in Richtung Stadt. Jetzt nahm sich der Weg wie ein versteinerter Fluss aus, der sich durch die stumme, schwarze Landschaft schlängelte. Eine schmale Mondsichel wurde von der gefrorenen Feuchtigkeit reflektiert und versilberte den Fluss mit zahllosen glitzernden Kristallen. Es war glatt. Vorsichtig hielt er sich am Rand, wo der Asphalt in Kies überging. Er fiel in gleichmäßigen Trott. Zumindest seine Übelkeit und seinen Schluckauf war er losgeworden.
Nach ein paar Kilometern sah er in der Ferne ein Auto, das ebenfalls in Richtung Stadt unterwegs war. Unschlüssig blieb er stehen und wartete auf das anschwellende Motorengeräusch, sah die Scheinwerfer auf sich zukommen, ehe sie ihm in einer gleißenden Lichtexplosion die Sicht raubten. Da wurde er plötzlich von Panik gepackt. Überzeugt davon, dass es Leif war, der hinter dem Steuer saß, warf er sich in den Graben. Das Auto donnerte an ihm vorbei.
Nun begann er ernsthaft zu frieren. Null Grad war eine allzu optimistische Schätzung gewesen, vermutlich waren es mindestens fünf Grad minus. Sein Ellbogen hatte beim Sprung in den Graben einen Schlag abbekommen, und sein verletztes Knie bereitete ihm Probleme. Er musste langsamer laufen. Der Weg, der sich vor ihm auftat, schien ihm jetzt wie eine tiefe, schwarze Kluft, die einen dichten Fichtenwald teilte. Er hatte Fichtenwälder von jeher verabscheut. Als Kind war er wie ein verschrecktes Kaninchen davongejagt, wenn er spätabends oder an einem Wintermorgen gezwungen war, ihn allein zu durchqueren. Die Erinnerung beschwor neue Ängste herauf. Alles und jeder konnte sich unter den starren, fransigen Ästen verbergen. Kalte, glänzende Augen mochten ihm folgen, doch er hatte keine Kraft mehr zu laufen.
Es pfiff und rasselte in seiner Luftröhre, während er in der trostlosen Gewissheit weitertrottete, dass die Kälte ihm schließlich den Garaus machen würde. Morgen früh würde irgendwer einen erfrorenen Kerl am Straßenrand finden. Eine Aktenmappe und ein gerahmtes Foto im Schoß und die Taschen voll mit Unterwäsche. Man würde annehmen, er habe unter einem Anfall plötzlicher Verwirrung gelitten oder sei chronisch senil gewesen. Welche andere Erklärung konnte es schon geben, wenn ein alter Mann bei Frost ohne Mantel durch die Gegend irrte?
Leif und Gertrud würden diese Annahme bestätigen. Vielleicht würde sich Gertrud daran erinnern, dass seine Mutter einst für viel Aufsehen gesorgt hatte, als auch sie hin und wieder orientierungslos durch den Wald geirrt war. Eine solche Gemeinheit war ihr ohne weiteres zuzutrauen. Doch der Gedanke an den großen Gefallen, den er ihnen tat, wenn er einfach am Straßenrand verendete, erweckte seine Lebensgeister zu einem wilden Zorn, der seinen Gliedern neue Kraft verlieh. Überlebte er diese Nacht, dann sollten sie spüren, was es hieß, sich mit Max Rösling anzulegen.
Er musste mehrere Kilometer zurückgelegt haben, als der Wald rechter Hand plötzlich aufhörte und ein einsames Licht in ein paar hundert Metern Entfernung eine menschliche Behausung verriet. Eine Woge ungetrübter Freude durchlief ihn. Ohne zu zögern wählte er eine kleine Abzweigung nach rechts und hinkte erwartungsvoll der wunderbaren Lampe entgegen, die Rettung verhieß wie eine Oase in der Wüste.
Es handelte sich um eine ganz gewöhnliche Außenlampe, die den Platz vor einem Stall erleuchtete. Doch hinter dem Stall befand sich das Wohnhaus, das natürlich in tiefer Stille in völliger Dunkelheit lag. Er drückte die Klingel neben der Haustür, worauf sofort ein infernalischer Lärm im Haus losbrach. Er zog rasch seine Hand zurück und wollte schon fliehen, besann sich aber. Wachhunde hörte er schließlich nicht zum ersten Mal.
Es dauerte jedoch eine ganze Weile, bis es ihm trotz des Hundegebells gelang, das tröstliche Geräusch von Schritten auf der Treppe wahrzunehmen, gefolgt vom Klirren eines Schlüsselbunds und menschlichen Stimmen.
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