»Aha . . .«
»Es wurde mir da drüben zu einsam. Ich hatte das Gefühl, dass ich zurückmusste«, sagte er ausweichend.
Ihr unbarmherziger Blick war an seiner Kleidung hängen geblieben, die sie schweigend musterte.
»Ich dachte, es wäre schön, dich . . . und den Hof wieder zu sehen, nach . . . all these years. Du siehst gut aus.«
»Ich kann nicht klagen.«
»Du wirkst wirklich keinen Tag älter als fünfzig«, legte er sich ins Zeug.
»Du schon«, entgegnete sie spitz.
»Ja, ja, die Zeit . . . time takes its toll « , sagte er gutmütig.
»Bist du verheiratet?«, fragte sie unvermittelt.
»Ich bin . . . widower, meine Frau ist gestorben.«
»Hm, du willst sicher eine Tasse Kaffee«, sagte sie ohne jede Herzlichkeit und ging zum Herd.
»Ja, das wäre schön«, sagte er mit neuer Hoffnung. »Ich habe seit dem Flughafen in Kopenhagen nichts in den Magen bekommen.« Er hoffte, diese Auskunft würde ein wenig Essbares auf den Tisch zaubern, doch sie schien seinen Wink nicht verstehen zu wollen. Während sie mit der Kaffeemaschine beschäftigt war, schaltete sich der Mann, der die Tür geöffnet hatte, in das Gespräch ein.
»Du bist also mit dem Flugzeug direkt aus Amerika gekommen?«, erkundigte er sich.
Max drehte den Kopf und dachte, er sollte seine Bemühungen darauf konzentrieren, den Sohn des Hauses für sich zu gewinnen.
»Ja, stell dir vor«, sagte er lächelnd. »Gestern war ich noch in New York, und heute bin ich auf Röshult. ’52 war das Reisen noch eine ganz andere Sache. Da hing ich zwei Wochen lang über dem Klo oder der Reling, um mich zu übergeben. Dass ich dich sofort wiedererkannt habe! Du bist Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Das habe ich schon damals gesehen, bevor ich . . . obwohl du ja erst zwölf warst.«
Das Gesicht des Bruders verfinsterte sich, und Max bereute, den Vater überhaupt ins Spiel gebracht zu haben. »Was macht denn Birger eigentlich?«, fragte er ausweichend. »Geht’s ihm gut? Wohnt er hier in der Nähe?«
Gertrud stand am Küchentisch und klapperte mit den Kaffeetassen. Ohne aufzublicken sagte sie: »Der wohnt in Malmö. Wir sehen ihn nur selten.«
Sie verzog den Mund, der bittere Unterton war ihm nicht entgangen. Offenbar war auch dies ein heikles Thema. Doch er war noch nicht bereit, vom eingeschlagenen Weg abzuweichen, und obwohl sein Lächeln bereits krampfhafte Züge trug, fragte er forsch: »Mit dem Hof alles in Ordnung?«
Sie warf eine Packung Kekse auf den Tisch. »Wir kommen über die Runden.«
»Ihr habt mit der Aussaat begonnen?«
Keine Antwort.
Plötzlich fühlte er sich mutlos. Er war nicht willkommen und fühlte sich ihrer Feindseligkeit hilflos ausgeliefert. Unaufgefordert ließ er sich auf einen der Küchenstühle sinken und schaute sich suchend nach einem Vorwand um, die sinnlose Plauderei fortzusetzen. Er stellte fest, dass alles vorhanden war, was zu einer modernen Einrichtung gehörte. Weder die Küche noch der Traktor vor der Tür deuteten auf finanzielle Schwierigkeiten hin. »Hier hat sich in der Zwischenzeit ja einiges getan«, sagte er vorsichtig. »Alles sieht so gepflegt aus.«
Als auch auf diese Bemerkung niemand einging, fragte er Leif: »Bewirtschaftest du den Hof ganz allein oder hast du Unterstützung?«
Leif nahm ebenfalls auf einem der Stühle Platz und legte seine kräftigen, behaarten Unterarme auf die Tischplatte. Ohne seinen Gast eines Blickes zu würdigen, wandte er sich der dunklen Fensterscheibe zu.
»Ich habe keine Hilfe und ich brauche auch keine. Ich habe die Produktion ziemlich runtergefahren, und mit dem Mastvieh komme ich schon allein zurecht. Für die Heuernte stelle ich ein paar Leute ein.«
» Really? Mastvieh?«, wiederholte Max interessiert. »Lohnt sich das denn?«
Der andere warf ihm einen misstrauischen Blick zu. »Wieso?«
Max gab auf. Aus denen war nichts herauszukriegen. Er wünschte sich weit, weit fort, doch nun musste er die Suppe auch auslöffeln, die er sich eingebrockt hatte. Da konnte er genauso gut gleich zur Sache kommen und es hinter sich bringen. Alles andere als unerschrocken betrat er vermintes Gelände.
»Ist doch wohl kein Wunder, dass ich mich für die finanzielle Lage des Hofs interessiere. Soweit ich weiß, bin ich an ihm beteiligt, und so hielt ich es für an der Zeit, mein Erbe einzufordern.«
Das schockierte Schweigen, das darauf folgte, wurde erst wieder vom geschäftigen Gurgeln der Kaffeemaschine gebrochen. Er spürte mehr, als dass er sah, wie Mutter und Sohn verstohlene Blicke tauschten. Vermutlich sollte er sich auf eine heftige Auseinandersetzung gefasst machen, und diese ließ auch nicht lange auf sich warten. Während Gertrud schweigend die Tassen füllte, erhob sich ihr Sohn und lehnte sich über den Tisch. Auf dem wettergegerbten Gesicht schimmerten rote Flecken. Seine dunklen Augen funkelten gefährlich.
In einem Ton, der furchtbare Erinnerungen wachrief, zischte er durch die Zähne: »Hier wird nichts aufgeteilt. Der Hof wird zusammengehalten. Darauf haben wir uns geeinigt.«
Max sank tiefer in den Stuhl. Es schien ihm, als wäre sein Vater plötzlich auferstanden. Er nahm all seinen verbliebenen Mut zusammen und versuchte einen kühlen Kopf zu bewahren, indem er sich vergegenwärtigte, dass der Mann, der vor ihm stand, zwölf Jahre jünger war als er selbst.
»Was heißt hier wir? «,stieß er hervor. »Ich bin nie gefragt worden.«
Nun kam Gertrud ihrem Sohn zur Hilfe. Als hätte er das nötig gehabt.
»Ausgerechnet du sprichst von Erbe?«, fuhr sie ihn an. »Hast du überhaupt keine Scham im Leib?«
Max lächelte gequält und fragte mit klopfendem Herzen: »Was weißt du schon von Scham?«
So, nun kämpften sie jedenfalls mit offenem Visier, und alle wussten, woran sie waren. Max stärkte sich rasch mit einem Schluck brühheißen Kaffees.
Um allen Ansprüchen von vornherein einen Riegel vorzuschieben, verkündete Leif: »Du hast alle Rechte verloren, als du dich davongemacht hast.«
»Schon möglich, dass ihr dieser Meinung seid«, entgegnete Max mit bebender Stimme. Er war bemüht, die Diskussion auf einem sachlichen Niveau zu halten. »Doch zufällig habe ich das Gesetz auf meiner Seite.«
Leif rang sich ein höhnisches Lachen ab, aber es klang mehr wie ein Knurren.
»Welches Gesetz? Das möchte ich sehen. An deiner Stelle würde ich das Wort ›Gesetz‹ lieber nicht in den Mund nehmen.«
»Du bist wirklich unverschämt!«, warf Gertrud gehässig ein. »Kommst einfach hierher und redest von Geld, nach allem, was du getan hast. Ich wundere mich, dass du dich überhaupt nach Hause traust.«
Max’ gute Vorsätze begannen zu schwinden. »Ihr könnt mich nicht einschüchtern«, sagte er gepresst. »Ich habe keinen Grund, vor irgendetwas Angst zu haben. Und meine Rechte kenne ich genau.«
Leif schlug mit der Faust auf den Tisch, worauf der Kaffee aller drei Tassen überschwappte.
»Keinen Schimmer hast du!«, schrie er. »Die Zeiten haben sich geändert. Jedenfalls hier in Schweden.«
Auch Max schlug mit der Faust auf den Tisch, ohne allerdings Leifs Kunststück mit den Kaffeetassen zu wiederholen.
»Glaubst du etwa, ich hätte all die Jahre auf einer einsamen Insel verbracht? Natürlich weiß ich, dass die Zeiten sich geändert haben. Aber was hat das mit dieser Sache hier zu tun? Ich bin verdammt noch mal ebenso der Sohn des Alten wie du. God damn it! «
Nun lehnte sich Gertrud über den Tisch und machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Beruhigt euch, alle beide!«, sagte sie gebieterisch. Sie wandte sich an Max und fuhr vorwurfsvoll fort: »Du verstehst doch wohl, dass wir . . . nicht gerade begeistert sind, wenn du hier plötzlich auftauchst, so mir nichts, dir nichts, und vom Erbe sprichst, nach all den Jahren. Sonst hast du es ja nie für nötig gehalten, mal von dir hören zu lassen.«
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