Wenn sie in der dunklen Stube sass und spielte, dachte Frau Bai fast stets an ihr Elternhaus. Sie waren viele Geschwister gewesen und hatten daheim stets viel Abwechslung gehabt.
Sie war die jüngste von allen. Als der Vater noch lebte, war sie noch so klein, dass sie bei Tische kaum an den Teller reichen konnte.
Der Vater sass auf dem Sofa in Hemdärmeln, und um den Tisch herum standen alle Kinder und langten nach dem Essen.
„Gerade stehen, Kinder,“ sagte der Vater. Er sass mit seinem breiten Rücken vornüber gebeugt da, die Arme weit über den Tisch gelegt.
Die Mutter ging hin und her, holte und brachte das Essen ...
Draussen in der Küche assen alle Lehrjungen aus der Werkstatt an dem langen Tisch. Sie kicherten und zankten sich, dass man es durch die Tür hören konnte, und plötzlich gerieten sie aneinander, dass man glauben konnte, das Haus stürze zusammen: „Was macht ihr für einen Spektakel?“ rief der Vater und schlug drinnen in der Stube auf den Tisch.
Draussen in der Küche wurde es ganz still; nur ein leises Tappen eines einzelnen, der nach dem Gefecht etwas unter dem Tisch suchte.
„Kreuzdonnerwetter!“ rief der Vater.
Nach dem Mittag schlief er eine Stunde auf dem Sofa. Er erwachte auf den Glockenschlag:
„Jetzt hat man wohl ausreichend über das Wohl des Staates nachgedacht,“ sagte er und trank seinen Kaffee, ehe er nach der Werkstatt ging. — —
Als der Vater starb, wurde es freilich ganz anders. Katinka kam in ein Institut mit den Töchtern von Konsul Lasson und Bürgermeisters Fanny. Und sie wurde auch zu Konsuls eingeladen ... Die anderen Geschwister kamen alle fort, sie blieb allein bei der Mutter.
Diese Jahre waren Katinkas beste Zeit dort in der kleinen Stadt, wo sie alle kannte und alle sie kannten. Des Nachmittags sassen die Mutter und sie im Wohnzimmer jede an ihrem Fenster auf dem Fenstertritt — die Mutter hatte das Fenster mit dem „Spion“ — Katinka stickte weiss oder las.
Die Sonne fiel in hellen Streifen durch die Blumen am Fenster über den weissen Fussboden ...
Katinka las aus der Leihbibliothek viele Romane von vornehmen Leuten und auch Gedichte, die sie in ein Buch abschrieb.
„Tinka,“ sagte die Mutter ... „da kommt Ida Levy. Sieh nur, sie hat den gelben Hut auf!“
Katinka sah auf. „Sie geht zur Klavierstunde,“ sagte sie.
Ida Levy ging vorüber. Da wurde geguckt und genickt und mit den Fingern gefragt, ob sie zum Halbzehnuhrzug kämen.
„Es ist doch grässlich, wie Ida Levy ihre Hacken schief tritt,“ sagte Tinka, die ihr nachsah.
„Das hat sie von ihrer Mutter.“
Einer nach dem andern geht vorüber, der Gutsverwalter und die beiden Leutnants, der Gerichtsschreiber und der Doktor. Sie grüssen, und von oben nickt man ihnen zu und macht eine Bemerkung über jeden.
Sie wissen, wohin jeder geht und was er da will.
Sie kennen jedes Kleid und jede Blume auf einem Hut. Und sie machen jeden Tag dieselben Bemerkungen über dieselben Dinge.
Minna Helms geht vorüber und nickt.
„Hast du Minna Helms gesehen?“ fragt die Mutter.
Ja.“ Und Katinka sieht ihr nach und schneidet Grimassen in der Sonne.
„Sie hat auch bald einen neuen Mantel verdient,“ sagt sie.
„Die Ärmste — wo soll sie den her bekommen?“ Die Mutter sieht in den Spion ... „Ja — miserabel sieht er aus,“ sagt sie. „Ich glaube auch, sie könnten ihn neu umsäumen. Aber es ist wohl so, wie Frau Noes sagt — Frau Helms hat nur wenig, aber sie tut auch wenig.“
„Wenn doch der Gerichtsschreiber Ernst machen wollte,“ sagte Tinka.
Die Uhr wurde fünf, und die jungen Mädchen holten einander zu einem Spaziergang ab, und zu zweien gingen sie die Strasse auf und nieder und begegneten sich und blieben in Gruppen stehen und lachten und schwatzten und trennten sich wieder ...
Aber des Abends nach dem Tee zum Halbzehnuhrzug waren die Mütter mit, und es ging stiller zu auf dem Wege nach dem Bahnhof.
„Katinka,“ rief die Mutter, die mit Frau Levy voranging, und drehte sich um: „Herr Bai ... er hat also heute abend keinen Dienst ...“
Herr Bai ging vorüber und grüsste. Und Katinka nickte und wurde rot, denn die Freundinnen neckten sie stets mit Herrn Bai ...
„Dann will er wohl hin und Kegel spielen,“ sagte Frau Levy.
Des Sonntags gingen sie in die Kirche zum Hauptgottesdienst. Alle waren festlich gekleidet, und sie sangen, dass es an den Gewölben widerhallte, während die Sonne durch die grossen Chorfenster hereinschien. In der Kirche neben Thora Berg zu sitzen war wirklich eine Qual.
Sie trieb die ganze Zeit, solange der Prediger auf der Kanzel war, Allotria, bald kniff sie einen, bald spottete sie über den alten Prediger ...
Ja, Thora Berg war bei allen Torheiten die Anführerin.
Abends flog ein Regen von Sand und kleinen Steinen gegen Tinkas Fenster ...
Und sie hörten ein Lärmen und Lachen die ganze Strasse entlang.
„Das ist Thora, die aus der Gesellschaft kommt,“ sagte Tinka. „Sie sind bei Bürgermeisters gewesen.“
Thora eilte die Strasse entlang nach Hause, wie die wilde Jagd, alle jungen Herren hinter ihr her. Die ganze Stadt konnte es hören, wenn Thora Berg aus einer Gesellschaft heimkehrte.
Katinka war Thora Berg die liebste. Sie bewunderte sie und liess die Augen nicht von ihr, wenn sie zusammen waren. Zwanzigmal täglich sagte sie daheim:
„Das hat Thora gesagt ...“
Eigentlichen Verkehr hatten sie nicht miteinander, aber nachmittags, wenn sie spazieren gingen, oder draussen im Pavillon, wo die Abonnementskonzerte der Militärkapelle an jedem zweiten Mittwoch stattfanden — da sprachen sie miteinander. Tinka bekam immer einen ganz roten Kopf, wenn sie sich begegneten ... Im Pavillon hatte sie auch die erste Bekanntschaft mit Bai gemacht ... Er hatte gleich am ersten Abend am meisten mit ihr getanzt.
Und wenn sie Schlittschuh liefen, forderte er sie immer zum Laufen auf. Es war, als flögen sie, fast als trüge er sie ... Er kam auch zu ihnen ins Haus ...
Alle Freundinnen neckten sie, und auf Gesellschaften beim Zettelschreiben und beim Personenraten bekam sie immer Bai, und dann entstand immer ein allgemeines Gekicher.
Und daheim sprach die Mutter unablässig von ihm.
Dann kam die Brautzeit, und sie hatte immer jemanden, mit dem sie gehen konnte, am Sonntag zur Kirche und im Winter, wenn Schauspieler da waren, ins Theater, und immer ... Und als Bai eine Anstellung erhielt, kam die eilige Zeit mit der Aussteuer und der Einrichtung und all dem. Die Freundinnen halfen ihr beim Namensticken und beim Nähen.
Es war Sommer, und sie sassen alle oben in der Laube. Die Nähmaschine rasselte. Eine kniffte die Säume, eine andere befestigte Enden. Und die Freundinnen neckten sie und lachten, und plötzlich sprangen sie auf, liefen in den Garten hinaus und rannten unter Lärm und Lachen, wild wie eine Herde Füllen, um den Rasenplatz.
Tinka war die stillste von ihnen.
Das war ein Geflüster unter den Freundinnen in allen Ecken, und es fanden Zusammenkünfte bei Levys statt, wo sie den Teppich stickten, auf dem Tinka als Braut vor dem Altar stehen sollte — und Singübungen für Gesänge, die im Chor gesungen werden sollten.
Dann kam der Tag und die Trauung in der geschmückten Kirche — sie war ganz voll von Menschen, Gesicht an Gesicht. Oben bei der Orgel standen alle die jungen Mädchen. Tinka nickte hinauf, dankte und weinte von neuem. Sie hatte die ganze Zeit geweint wie eine Wasserleitung.
Und dann kamen sie hierher in die Stille.
Im Anfang ihrer Ehe war Tinka stets schreckhaft und ängstlich, als ob jemand sie überfallen wolle.
Da war so vieles, was sie sich nicht gedacht hatte, und Bai war so gewaltsam in vielem, wobei sie selber fast nur litt und duldete, eingeschüchtert und unsicher, wie sie war...
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