Die Pfarrerstochter ging nie mehr in die Kirche, wenn der Kaplan predigte, seit sie ihn an einem Sonntag während des Vaterunsers auf der Kanzel fast zum Lachen gebracht hatte.
„Fräulein Jensen rennt, als sässen ihr Raketen an einer gewissen Stelle,“ sagte der Kaplan.
Fräulein Jensen war noch immer voran.
„Aber Andersen!“ — Fräulein Linde lachte laut auf, „jetzt sind Sie holbergsch.“
Sie kamen an den Pfarrhof, den ersten Hof im Dorfe, und die Pfarrerstochter und der Kaplan verabschiedeten sich an der Gartenpforte.
„Adieu — Fräulein Jensen,“ rief Fräulein Linde den Weg entlang. Ein Piepsen antwortete ihr.
„Wie war er?“ fragte der Kaplan drinnen im Garten. Sein Ton war hier ein ganz anderer.
„Mein Gott,“ sagte Fräulein Linde, „ein ganz netter Landmann.“
Schweigend gingen sie nebeneinander durch den Garten.
„Hm!“ sagte Fräulein Ida — die Familie Abel hatte jetzt Fräulein Jensen erreicht, die auf einer trocknen Stelle stand und auf sie wartete — „das soll einer glauben, dass er gekommen war, um mir guten Tag zu sagen.“
Sie gingen wieder eine Strecke, dann sagte Fräulein Jensen:
„Es gibt so viele Arten Menschen.“
„Ja ...“ sagte Frau Abel.
„Ich lege keinen Wert darauf, mit der Familie Linde zusammenzutreffen,“ sagte Fräulein Jensen ... „ich gehe ihr am liebsten aus dem Wege.“
Fräulein Jensen ging seit acht Tagen „aus dem Wege“, seit der Pastor das gesagt hatte ...
„Frau Abel,“ sagte Fräulein Jensen ... „was vermag eine alleinstehende Frau? Ich habe es dem Pastor gesagt: ‚Herr Pastor,‘ sagte ich, ‚Sie interessieren sich für die Freischule ... deshalb schicken die Eltern ihre Kinder in die Freischule.‘
Und was antwortete er mir — Frau Abel? ... Ich spreche nicht mehr mit Pastor Linde über die Legatangelegenheit. Der Gemeinderat hat meinem Institut (Fräulein Jensen sagte Institot) die Hälfte der Unterstützung entzogen. Ich werde weiter meine Pflicht tun — selbst wenn sie mir die letzte Hälfte auch noch nehmen. — Ich spreche nicht mehr mit Pastor Linde über die Legatangelegenheit.“
Die drei Damen waren in den kleinen Weg eingebogen, der zu dem „Gehöft“ führte, einem alten weissen Gebäude mit zwei Seitenflügeln.
Die Witwe Abel wohnte im Flügel rechts, Fräulein Jensens Institut befand sich links.
„Dass man sie nun beide wieder hat,“ sagte die Witwe, sie verabschiedeten sich auf dem Hofe.
„Meine Güte!“ sagte Ida, die Jüngste, als sie ins Haus getreten waren, „wie saht ihr auf dem Bahnhof aus — man musste sich ja schämen.“
„Ich möchte wissen, wie man aussehen soll,“ sagte Luise, die Älteste, die vor dem Spiegel den Schleier abband, „wenn du die Kleider mitgenommen hast.“
Die Witwe zog Latschen an. Es waren keine Sohlen unter ihren Stiefeln. —
Fräulein Jensen hatte endlich den Schlüssel aus ihrer Tasche herausbekommen und aufgeschlossen. Drinnen im Zimmer bellte ihr Mops ihr ein paarmal mürrisch entgegen, blieb aber ruhig in seinem Korb liegen.
Fräulein Jensen legte Hut und Mantel ab und setzte sich in eine Ecke, um zu weinen.
Sie weinte immer, wenn sie allein war, seit Pastor Linde das gesagt hatte.
„Sie interessieren sich für die Freischule, Herr Pastor,“ hatte sie gesagt, „deshalb schicken die Eltern ihre Kinder dahin.“
„Ich will Ihnen sagen, Fräulein Jensen, weshalb die Eltern ihre Kinder in die Freischule schicken: weil Fräulein Sörensen ihre Sache versteht.“ Das hatte der Pastor geantwortet.
Fräulein Jensen hatte diese Worte nur der Frau des Gastwirts anvertraut. „Und was vermag eine alleinstehende Frau, Madam Madsen?“ hatte sie hinzugefügt — „Die einzige Waffe des Weibes sind Tränen.“ — —
Fräulein Jensen sass in ihrer Ecke und weinte. Es fing an dunkel zu werden, und schliesslich stand sie auf und ging in die Küche hinaus.
Sie zündete einen kleinen Petroleumkocher an und setzte Wasser zum Tee auf. Dann legte sie ein Tischtuch über eine Ecke des Küchentisches und setzte Brot und Butter neben den einzigen Teller.
Aber während sie dies tat, verfiel sie immer wieder in Grübeleien und dachte aufs neue an die Worte des Pastors.
Der Mops war ihr gefolgt und hatte sich vor seinen leeren Napf auf ein Kissen gelegt.
Fräulein Jensen nahm den Napf und füllte ihn mit Weissbrot, das in warmem Wasser aufgeweicht war. Der Mops bekam den Teller und machte sich daran, das Futter zu verzehren, fast ohne sich zu rühren.
Fräulein Jensen hatte ein einsames Licht angezündet. Sie trank ihren Tee und ass ein Stück Schwarzbrot mit Butter dazu — sie schnitt es mit dem Messer in zierliche, kleine Würfel. Als sie den Tee getrunken hatte, ging Fräulein Jensen zu Bett. Sie nahm den Mops auf den Arm und legte ihn am Fussende auf das Federbett. Dann nahm sie das Schulprotokoll und legte es auf den Tisch vor dem Bett.
Sie verschloss die Tür und leuchtete mit dem Licht in alle Ecken und unter das Bett.
Dann entkleidete sie sich, kämmte ihre Zöpfe und hängte sie an den Spiegel.
Der Mops schlief bereits und schnarchte auf dem Federbett.
Fräulein Jensen schlief nicht gut, seit Pastor Linde jene Worte gesagt hatte.
Frau Bai ging auf dem Wege zur Station zurück. Sie öffnete die Pforte und trat auf den Perron. Dieser war ganz leer und so still, dass man die beiden Telegraphendrähte summen hörte.
Frau Bai setzte sich auf die Bank vor der Tür, die Hände im Schoss, und blickte über die Felder hin. Frau Bai blieb gerne so sitzen, wo sie einen Stuhl oder eine Bank oder eine Treppenstufe fand.
Sie blickte über die Felder hin, über die grossen Flächen Acker und die Wiesen dahinter. Der Himmel war hoch und lichtblau. Da war kein Ruhepunkt für das Auge ausser der Filialkirche, und diese sah man mit ihrem gezackten Turm am äussersten Rande der flachen Felder.
Frau Bai fröstelte und erhob sich. Sie ging zum Gartenzaun und blickte hinüber, öffnete die Pforte und trat ein. Der Garten war ein dreieckiger Streif längs der Bahn, vorn befand sich der Küchengarten, und in der hintersten Spitze war ein Rasenplatz mit einigen hochstämmigen Rosen vor der Laube unter dem Holunder.
Sie besah die Rosen, sie fand noch ein paar Knospen. Sie hatten diesen Sommer wirklich treulich geblüht.
Aber nun mussten sie bald zugedeckt werden ...
Wie die Blätter schon fielen ... aber hier war ja auch gar kein Schutz.
Frau Bai verliess den Garten wieder und ging am Perron entlang in den kleinen Hof hinter dem Bretterzaun. Sie rief das Mädchen, sie wollte den Tauben Futter geben.
Sie bekam das Korn in einer irdenen Schale und begann die Tauben zu locken und die Körner auf die Steine zu streuen.
Sie mochte Tauben so gern, von Kind an. In dem grossen Hause daheim in dem Provinzstädtchen waren Unmengen gewesen ... Wie hatten sie um den Taubenschlag über der Werkstattür umhergeschwärmt ... Es war, als höre man ein Girren und Gurren, wenn man nur an das Haus daheim dachte. An das alte Haus — denn später, als der Vater starb, verkauften sie Werkstatt und alles und zogen um.
Die Tauben flatterten zu Frau Bai herab und pickten die Körner auf.
„Marie,“ sagte Frau Bai, „sieh nur, wie bös die Gefleckte ist.“
Marie erschien in der Küchentür und sprach über die Tauben. Frau Bai leerte die Futterschale. „Ein paar müssen nun zu Bais L’hombreabend geschlachtet werden,“ sagte sie.
Sie ging die Treppe hinauf. „Wie früh es jetzt dunkel wird,“ sagte sie, indem sie hineinging.
Im Zimmer war es dämmerig und warm, wenn man von draussen kam. Frau Bai setzte sich ans Klavier und spielte.
Sie spielte nie ausser in der Dämmerung und stets dieselben drei, vier Melodien, sentimentale kleine Lieder, die sie schleppend und langsam spielte, alle mit demselben Vortrag, so dass sie alle einander glichen.
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