„Was hältst du von den drei Musikanten, Edelgard?“ fragte Oberförsters Töchterchen voll heimlicher Wichtigkeit. „Der erste, den sie Florian nannten, war ja nachlässiger gekleidet, aber der grosse, so wunderhübsche Mensch mit den dunkeln Augen, sieht doch tatsächlich nicht wie ein Vagant aus!“
Die Angeredete blickte nachdenklich auf eine entzückende Rose nieder, deren purpurglühender Kelch selbst im Zwielicht noch aus dem dunkeln Laub leuchtete.
„Das sind sie auch fraglos nicht. Du weisst, Nanna, dass ich mich für alles Geheimnisvolle interessiere und schon als Kind gern Rätsel geraten habe!“
„Ich merkte dir schon an, dass du die Fremden unbemerkt beobachtest! Du sprachst sogar mit Valentin über sie?“
„Das sahst du?“ — Ein ganz feines Rot stieg — diesmal von Nanna der Dämmerung halber nicht bemerkt — in die Wangen des jungen Mädchens. „Kennst du nicht das alte Sprichwort: ‚Zeige mir, wie du isst, — dann sag’ ich dir, wer du bist!‘“
„Und ob ich es kenne!“
„Siehst du, Kindchen, mit diesem Schlüssel wollte ich die Kinderstube der drei Unbekannten unvermerkt aufschliessen. Der alte Valentin war nur in besten Familien bedienstet und ist dadurch Menschenkenner geworden. Ich interessierte ihn für die drei jungen Leute; zuerst sprach er von ihnen als: die fremden Männer, als er mir dann Rapport erstattete, nannte er sie: die jungen Herren! — Das war mir fürs erste massgebend. ‚Ihre Art und Weise zu soupieren,‘ sagte er, ‚war mir erstaunlich, ich hatte sie nicht erwartet. Der Grösste und Robusteste von ihnen, der das Piston bläst, ass etwas hastig und gleichgültig, Feinschmecker war er nicht, aber Speisen, wie die Hasenpastete, schienen ihm nicht fremd zu sein. Der andre, Kleine, mit dem lustigen, spitznasigen Vogelgesicht, ist nicht unmanierlich, aber äusserst ungeniert, lobt und tadelt ohne Rücksicht, was immerhin eine gewisse Sicherheit des Benehmens zur Grundlage hat. Er legte trotz seines etwas fahrigen Wesens das Mundtuch nach dem Essen nicht ängstlich oder penibel, sondern wie ein Ergebnis guter Dressur, zusammen, was bestätigt, dass er in seinem Elternhause an Servietten und Ordnung gewöhnt ist!‘“
„Grossartig! Solch eine Beobachtungsgabe hätte ich dem Alten gar nicht zugetraut! Nun, und der dritte?“
Edelgard ordnete die Blumen in ihrem Korb: „Von dem sagte er nur das eine Wort — Gentleman!“
„Und das sagt alles?“
„Ja!“
„Wie sie wohl heissen?“
Fräulein von Heimdall zuckte die Achseln.
„Fort ziehn die Gestalten, wer sagt dir, wohin?“ rezitierte sie; „das wird für uns wohl ein ungelöstes Rätsel bleiben, denn weder ich noch du werden sie danach fragen!“
„Aber Valentin könnte forschen!“
„Wer will sie zwingen, etwas zu sagen, was sie verschweigen wollen? — Sind sie, wie Papa meint, heruntergekommene oder verbummelte Genies — was für wunderliche Existenzen gibt es heutzutage nicht in aller Welt! —, so würden sie ihre wahren Namen sicher nicht in den Dorfschenken preisgeben, und haben sie nur in zwingender Notlage einen Beruf erwählt, weil sich keine standesgemässe Anstellung fand — ich meine, dass sie, durch ein ehemals vielleicht nur als Sport ausgebildetes musikalisches Talent unterstützt, nun als Wandermusikanten von Dorf zu Dorf ziehen, so spricht dies auch für meine Ansicht, dass sie nicht verbummelt sind!“ — Menschen, die moralisch so tief gesunken sind, streifen in der Regel recht gewaltsam alles ab, was in ihrem Äussern und Wesen noch an bessere Zeiten, gleich einem Vorwurf, erinnern könnte!“
„Sie nehmen ja auch kein Geld für ihre Leistungen, sondern bitten nur um Kost und Logis!“
„Und bestätigen auch dadurch die Richtigkeit meiner Ansicht. Ich bin sehr gespannt, sie spielen zu hören ... und zu sehen!“
„Man ruft uns!“
„Der Kandidat ist soeben auch noch erschienen! Ich höre seine Stimme!“
„Eure Forstpraktikanten auch!“
„Die Eleven haben sich in Wichs geworfen!“
Edelgard lachte: „Wohl, so kann der Guss beginnen!“
„Nanna!“
„Sie rufen mich!“
„Nein, mich!“
„Dich?“
Fräulein von Heimdall schüttelte jäh das Köpfchen. „Wie schwer hält es doch, sich von Altgewohntem loszureissen! Ich bin nämlich, so wie du, als Nanna geboren!“
„Darum nennt dein Vater dich noch manchmal so?“
„Und ich höre darauf immer noch besser als auf Edelgard!“
„Warum taufte man dich um?“
„Weil meine Stiefmutter Nadja hiess und ‚Nanna‘ gerufen ward. Ihr Vater war lange Jahre Konsul in Russland, sie wurde auch dort geboren und hat bis zu ihrem Tod nie recht begriffen, dass sie eigentlich keine Tatarin war!“
„Und dein Name musste dem ihren weichen?“
„Selbstverständlich! Ich war ja noch ein Kind. Alle Verwandten und Bekannten fanden auch Edelgard, welchen Namen man unter den andern meines Taufscheins erwählte, ebenso hübsch! — Aber es ist seltsam, wenn ich auch für Fremde den neuen Namen führe, so blieb ich für die meinen voll echter Treue und Beharrlichkeit dennoch Nanna.“
„Vielleicht ist es auch hier gut, dass das Schlossfräulein tatsächlich eine ‚Edel‘dame ist, sonst gäbe es vielleicht Verwechslungen zwischen uns!“
„Durch was und wie? — Ich wüsste nichts, wodurch solch eine Verwechslung verhängnisvoll werden könnte!“
Oberförsters Einzige blieb stehen und legte voll schelmischen Übermutes die Hände auf die Schultern des Geburtstagskindes.
„Liebchen! Hand aufs Herz! Wenn nun jener schwarzäugige Gentleman sich als ein Paganini oder Sarasate, bzw. als einer deren Ruhmesnachfolger mit modernem Sonnennamen am Kunsthimmel entpuppt, und er komponiert einen ‚Sehnsuchtswalzer‘, neu nach Chopin, und betitelt ihn ‚zur Erinnerung an Idesfelde, der goldhaarigen getreuen Nanna gewidmet‘. — Glaubst du nicht, dass wir uns gegenseitig die Augen auskratzten, wem von uns diese Huldigung gilt?“
„Nun ... der getreuen, wie du sagst!“ Die kleine Mainau bekam immer rötere Bäckchen, teils von der Bowle, teils von der Aufregung, in der sie dieser himmlisch schöne Tag versetzte.
„Ich will dir mal etwas sagen, Namensschwesterchen!“ kicherte sie. „Wenn junge Mädels sich langweilen, träumen sie Romane, und wenn sie in der Einsamkeit sind, verlieben sie sich. — Gleichviel in wen! — Wir sind nun alle beide auf dem besten Weg, uns in den schönen Unbekannten, den fiedelnden Zigeuner von der Landstrasse, zu verlieben —“
„Du bist verrückt!“ fuhr Edelgard ganz erschrocken auf.
„Noch nicht, hoffe es auch nicht zu werden. Na, und siehst du, wer nun dem Geheimnisvollen treu bleibt —“
„Dem widmet er als Lorbeergekrönter den Sehnsuchtswalzer?“
„Du lachst und doch klingt deine Stimme so wunderlich!“
„Warum nennt dich deine Mutter eigentlich so oft ‚kleiner Schmetterling‘?“
Nanna blickte verdutzt auf, sagte aber ganz ehrlich und treuherzig: „Weil sie behauptet, ich hätte zu nichts rechte Ausdauer, das ‚Sitzefleisch‘ fehle mir noch und mein Wesen sei noch fahrig und wechselwendig wie Aprilwetter!“
„Schmetterlinge sind Falter! Und du gabst soeben dem schönen Geheimnisvollen den ‚Sonnen namen‘ am Himmel der Kunst? — Hast doch neulich in der Stadt den ‚Zigeunerbaron‘ gehört?“
Das Waldmägdelein lachte hell auf. „Ach so:
Ein Falter flog ums Licht —
an der Flamme blieb er hängen —
und Rettung gab es nicht!“
„Du fandest es damals so dämlich von dem Falter, sich derart in Gefahr zu begeben —“
„Hm ... ehrlich gestanden, finde ich es auch noch! Das dumme Ding musste doch merken, wie’s heiss kam, dass es sich elend versengen müsse!“
„Und fügtest damals noch hinzu: ‚Wenn ich merke, dass etwas sengerig wird, dann gebe ich Fersengeld!‘“
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