Florian schnitt eine leichte Grimasse. Den feinen Zug von Schwermut und Missstimmung kannte er schon an dem Freund.
„Du weisst doch, Mensch, dass Sterne hoch stehen! Vom Dachkämmerchen sind sie manchmal schneller und gewaltiger erreicht worden als aus der eleganten Parterrewohnung des Rezitalisten!“
„Bohême!“
„Es liegt ja schon im Namen — ‚Erdgeschoss‘, was so tief an der Erde klebt, wie will denn das den Parnass erreichen?“
Balder schüttelte wehmütig den Kopf, seine dunkeln Augen in dem feinen interessanten Gesicht verschleierten sich, als blicke er nach innen.
„Mir deucht aber manchmal, wenn der Pegasus gut gefüttert wird und in einem Marstall anstatt in einem Katen steht, so ist er besser bei Kraft und wagt den kühnen Sprung in das ‚Gewisse‘ leichter und sicherer, als ein müder, abgetriebener Klepper den Salto mortale auf den Parnass empor! — Wie viele mögen vor der Zeit erlahmen und abstürzen, ohne dass es überhaupt beachtet wird!“
„Und Ross und Reiter sah ich niemals wieder!“
Florian machte eine schnelle Handbewegung, als wische er etwas Unsympathisches weg.
„So lasst sie! Was geht es uns an! Wenn man nur fünf Heller in der Tasche hat, kann man nicht damit das Elend einer ganzen Welt lösen!“
„Leichtsinn, dein Name heisst Florian!“
„Dann kann er sich bei Allvater für diesen schönen Taufschein bedanken! Was haben wir mit trüben Zukunftsbildern zu tun? — Seht doch umher, in all das Sonnengold hinein! Greift zu! Steckt euch Herz, Sinn und Taschen voll, und behauptet noch, ihr wäret arm!“
„Quatschkopf! Bezahle mal deine Rechnungen mit dieser fremdländischen Währung!“
„Junge, Junge! Solche Sonnenstrahlen filtriert und auf Flaschen gezogen, und während Regenperioden oder zur kalten Winterszeit unter Selbstkostenpreis verkauft —! Potz Kuckuck! Was kostet Europa!“
„Gut! So wollen wir drei den Flug zur Sonne wagen!“
„Lichtfalter!“
„Es gibt so viele verschiedene Arten von Licht!“
„Stimmt! Ein jeder wählt wohl instinktiv dasjenige zum Endziel und Höhepunkt alles Glücksbegriffes, das ihm am sympathischsten ist!“
Balder blickte sinnend zu der glühroten Sonne hinüber, die sich dem Horizont neigte und des dunkeln Waldes Wipfelkonturen mit breitem Purpur säumte.
„Ein Falter flog zum Licht —
An der Flamme blieb er hangen!“
summte er leise vor sich hin.
Wieder lachte Florian beinah übermütig auf: „Dann hat er ja, was er will! Die seligste Vereinigung mit ihr! Das wäre so ein Glücksinbegriff für mich! Bei all den Tausenden von reizenden Mädels ist es doch für einen so leicht begeisterten Musensohn wie mich sehr begreiflich, dass ich alle acht Tage eine ‚neue Flamme‘ habe, die mein Herz in Gluten versetzt! Neulich erst so eine kleine Millionärstochter! Du meine Güte! dachte ich, wenn du an dieser Flamme mittels goldnen Eheringes hängenbleiben könntest!“
Lautes Gelächter.
Heinrich packte den Sprecher energisch am Rockkragen und zog ihn von seinem Ruhesitz empor: „Du Windhund und heiraten! Fürerst will ich mal deiner sehr geehrten Frau Soloma zuliebe scharf aufpassen, ob das Licht, dem du zustrebst, kein Irrlicht ist! Und nun aufs neue gestartet, meine Herren! Bis wir das Gasthaus gefunden und mit dem jeweiligen Drachenwächter verhandelt haben, vergeht auch noch geraume Zeit!“
„Also ... auf!“
Balder sprang empor und strich sorgsam jedwede Spur seines Natursitzes, Hälmchen, Moos und Erdteilchen, von seinem einfachen aber sehr kleidsamen Sportanzug.
Er war gegenüber allen lebhaften Vorstellungen Florians, sich in ein möglichstes Vagantenkostüm zu werfen, standhaft geblieben und erklärte: „Ich bin weder Vagant noch Bummler! Ich kann auch an meinem äussern Menschen nichts ertragen, was mir unsympathisch ist! Mein Anzug ist einer der billigsten und einfachsten, aber man fürchtet sich nicht vor mir, wenn man mir auf der Landstrasse begegnet.“ — Und wieder hatte Florian in seiner unbekümmerten Weise gescherzt: „So ein wenig Rowdy spielen, macht mir keinerlei Skrupel! Ob ein wenig mehr oder weniger verbummeltes Genie, wer kann den Schicksalssturm, falls er tatsächlich daherbläst, mit einem Plätthemd auffangen?“
So pfiff er auch jetzt wiederum einen landläufigen Gassenhauer und regte sich nicht im mindesten darüber auf, dass er die nächste Umgebung des Ebereschenbaums, auf der er geruht, mit sich spazieren führte.
Heinrich schüttelte sich kurz und energisch wie ein Pudel, der aus dem Regen kommt, und schritt rüstig fürbass.
„Hoffentlich trifft man in jetziger Reisezeit nicht unverhofft Bekannte aus der Stadt!“ sagte Balder und dachte mit leicht gefurchter Stirn daran, dass er keine Zigarette mehr besass, um zu rauchen.
Sich eine kleine kurze Stummelpfeife anzustecken wie Heinrich, deuchte ihm ein Verbrechen gegen seine Tradition, und resigniert an einem grünen Stengel zu knabbern, wie Florian es im Ulk tat, wenn er eine Importe zu rauchen gedachte, dazu war er zu wenig Zyniker!
„Lass doch gute Bekannte kommen!“ amüsierte sich der angehende Flötenvirtuose inkognito. „Wenn sie überall hinausschmeissen, dass wir nicht haben, wo unser Haupt über Nacht niederlegen, dann sind solch getreue Nachbarn aus der Residenz sehr angenehm! Ich pumpe sie sofort an!“
„Auch die jungen Damen, auf die es Balder bei seiner Befürchtung hauptsächlich ankommt!“
Florian schwippte mit kecken Fingern sein verwittertes Filzhütchen von einem Ohr auf das andre, dass sein rötlichblondes Kraushaar grotesk darunter hervorquoll.
„Aber natürlich! Die am ersten!
‚Und wenn ich denn mit Pumpen
den Anfang machen muss —
lass, Liebchen, dich nicht lumpen
und pump mir einen Kuss!‘ —
Ihr sollt mal sehen, wie bald ich ein Krösus bin! — Mag die Operette ‚Don Cäsar‘ auch alt sein — diese Münze, um die ich bettele, hat bei dem schönen Geschlecht stets die höchste Valuta!“
Da musste selbst Balder lachen.
Man schritt tüchtig aus, und wenn in der klaren Abendluft auch anfänglich das Dörfchen näher erschienen war, als es in dem Flachland tatsächlich lag, so war es für die drei jungen Wandrer doch in nicht allzu langer Zeit erreicht. Mit ihnen zugleich schwankten die vollen Erntewagen vom Feld herzu. Die kleinen Häuser lagen still und verlassen, da die meisten Leute noch auf dem Feld arbeiteten oder das Abendessen für die Heimkehrenden zu richten hatten.
Nur ein paar wütende Spitze und sonstige Dorfköter undefinierbaren Stammbaums kläfften wie die Wahnsinnigen vor Wut den Fremdlingen entgegen, und ein paar kleine Kinder, die am Gartenstaket spielten, versuchten tiefsinnig zu beschwichtigen: „Töv man, oll Swinskurl! Sei sie ja nich de Postbote!“
An dem Schild, woran man sonst den Rum, gleichwie an einer Schale, zu erkennen pflegt, herrschte in dieser Gegend sichtbarer Mangel, und nur ein schmaler Tisch vor der Haustür, auf dem Krug und Gläser standen, markierte das Gasthaus.
Die jungen Musiker traten näher, und ihr Schritt hallte auf den Steinfliessen. Die Wohnküche, ein grosser Raum mit Rauchfang und offenem Feuerherd, stand einsam und verwaist.
Ein paar Hühner stoben kreischend auf und gackerten zur Hoftür hinaus, während zwei Ziegenlämmchen mit grotesken Sprüngen aus dem offenen, seitlichen Stalltor kamen und bockbeinig vor den Fremdlingen Stellung nahmen.
Nach mehrmaligem „Hallo!“ erschien eine alte Frau seitlich vom Garten her. Sie war äusserst überrascht, dass sie man gar keinen Wagen hatte poltern und knallen gehört, denn Gäste, die zu Fuss daher kamen, schienen hierorts beinah unbekannt.
Heinrich war der Sprecher, wie stets. Er konnte sich auf plattdeutsch verständlich machen und hielt dem alten Mutting eine längere Ansprache, in der er ihr auseinandersetzte, dass sie drei durchaus anständige und achtbare Musikanten aus der Stadt seien.
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