Sie erböten sich, den Gästen in dem Krug die schönsten Sachen aufzuspielen, denn so ein bisschen Musik erfreue doch eines jeden Menschen Herz! — Geld verlangten sie nicht dafür, nur ein ordentliches Abendessen und ein Nachtlager, zur Not auch in der Scheune, auf Stroh!
Während dieser Reden pflegte Balder meist abseits zu treten und mit geistesabwesendem Blick Haus oder Dorfstrasse zu mustern, denn die feine Schamesröte, die ihm jedesmal in die Wangen stieg, liess sich nicht bezwingen.
Florian hingegen unterstützte den Sprecher in seiner vergnüglich vertrauten Weise, und wenn auf den Gesichtern der Gasthausgewaltigen zu lesen war, dass die Aktien der „armen Reisenden“ gut standen, dann griff er handelnd in den Prolog ein und erinnerte die Frau Wirtin daran, dass zu einem Abendessen aber auch was „Nasses“ gehöre!
Na, ein Glas Milch, das Balder und Heinrich hocherfreut akzeptierten, gab es dann noch zu, aber Florian versicherte in seiner spasshaften Weise, dass er die Milchzähne schon gewechselt hätte und sehr bescheiden auch mit einem Gläschen Wasser fürliebnehmen wolle, es müsse nur Kirschwasser oder sonst ein „gebranntes“ sein, das bekomme ihm besser.
Solche Witze verstand man, würdigte sie, und der Schalk genehmigte ein Spitzgläschen oder zwei, je nachdem die Zusammenstellung des Musikprogramms den Beifall der Gäste und der Wirtsleute gefunden hatte.
Jetzt stand nun die Alte und kratzte sich nachdenklich die Mückenstiche auf Hals und Armen.
„Spielen wollt Ihr? Wie so die Musikanten bet Kirchweih?“
„Ja, ja! Ganz genau so! Wenn’s Spass macht, könnt Ihr auch mit tanzen, Mütterchen!“
„Ich kann man nicht mehr!“
„Na, dann die andern!“
„Die tuen’s man nicht!“
„Na, warum denn nich?“
„Sie kommen ja man nich! In Erntezeit, da sin sie alle müd’ und gehen früh zur Rast!“
„Wenn sie uns aber spielen hören?“
„Och nich!“
„Mir möchten so gern ein freies Nachtquartier haben!“
„Das gibt’s hier man nich!“
„Vielleicht bei einem Grossbauer?“
„Da schon gar nich. Dem Klaad is die Mutter tot geblieben, und bei Struck liegt das Weib krank!“
„Und sonst wo?“
Da kam ihr ein Gedanke. „Im Gutshof, beim Geheimrat von Heimdall, da feiern sie heut Geburtstag von dem Fräulein! Da haben’s eine ganze Menge Leut geladen, dem Pastor seine zwei Töchter, und dem Oberförster seine Einzige, die Nanna, und was da noch vom Nachbarspächter ist! Jung Vieh hat jung Mut! Vielleicht schauten sie da mal hinein, ob’s noch Platz wär’? So ein Tänzchen machen so muntere Dirn’s ja ganz gern!“
„Und hier bei Ihnen im Gasthof, für ein Nachtgeld, können wir hierbleiben?“
„Nee, nee! Das geht ja nich! Wir haben für die Ernte jetzt alles voll Schnitter gepackt, auch vom Klaad haben sie uns noch welche hier eingelegt!“
Die drei jungen Leute beratschlagten.
Balder war der Gedanke, unter gebildete Menschen zu gehen und an einem Gutshof anzuklopfen, sehr peinlich.
Aber Florian lachte hell auf. „Gerade sehr amüsant ist der Gedanke! Wieviel Mädels zählte die Alte denn im Aushieb gleich auf?“
„Mindestens ein Dutzend!“
„Und da sollten wir fehlen? Da müssten wir doch keine Musikanten sein! Wenn auch die Chose peinlich ist, so lasst sie mich diesmal fingern! Ich gehe voran und führe!“
Was tun? Man hatte tatsächlich keine Wahl!
Und Florian wurde immer aufgeregter in dem Gedanken an solch einen Ulk und steckte mit seiner übermütigen Laune bald die beiden andern an. Nach kurzem Kriegsrat liess man sich von der Alten noch den Weg beschreiben. Fehlgehen konnte man nicht.
Über die hohen Lindenkronen ragte der stumpfe Turm des schlossartigen Herrenhauses empor, und wenn man den Fusspfad über die Wiesen schritt, stiess man just auf das Tor des Hintergartens.
„Man kennt uns ja nicht!“ tröstete Heinrich und schob den Arm in den seines Freundes Bragi. „Welch ein absonderlicher Zufall sollte es fügen, dass man im Gutshaus deinen Vater gekannt hat? Und schliesslich, ist es denn eine Schande, wenn ein reicher Mann an seinen glänzend erdachten, aber schliesslich zu waghalsigen Spekulationen zugrunde geht und arm wird?“
„Wenn du deinen Namen nicht nennst, woher soll man wissen, dass du aus so feinem Hause kommst, und dass dir der Fusswandrer nicht an der Wiege gesungen war?“
„Du hast recht, woher sollte man mich kennen? Als meine Eltern ihr grosses Vermögen verloren und den glänzenden Hausstand in der Residenz auflösen mussten, war ich ja erst ein Junge von vierzehn Jahren!“
„Und jetzt ein Methusalem von zweiundzwanzig! Hast länger für das Gymnasium gebraucht als wir, konntest dir damals ja auch die Zeit nehmen!“
„Ich fing ja erst an zu lernen, als das eiserne Muss dahinter sass!“
„Das eiserne! Diesen Begriff haben wir jetzt auf unsrer Ferienwanderung energisch abgestreift! Nun wollen wir unsre fidele Freiheit geniessen!“
„Das will ich meinen! All unsre grünen und goldnen Lorbeerkränze, mit denen die Zukunft den Virtuosen winkt, haben wir in den Rucksack versenkt und für die nächsten vierzehn Tage sind sie uns noch für eine Schütte Stroh und ein Käsebrot feil!“
„Warum sollen wir armen Kerls das Glück nicht auch mal an einem seiner modernen Schürzenzipfel fassen, wenn für viele seine Röckchen zu kurz geworden sind?“
„Eine Fusswanderung lustiger Musikscholaren durch die schöne Welt!“
„Aufgepasst! Wir nähern uns der Pforte! Dort hinter dem Rasenplatz leuchtet schon die weisse Hauswand!“
„Mensch, wenn man uns abschickt wie die Handwerksburschen!“
„Lass mich nur machen! Ich gehe voraus. Du, Heinrich, und Balder bleibt zurück, dann ist es ja unmöglich, dass eure Ehre sich ein Bein bricht, wenn sie die Hunde nach mir hetzen!“
Er lachte hell auf.
„Hört ihr das Gelächter und Gejubel von den allerliebsten Mädels? Wie der Kater auf Baldrian geht, so zieht’s mich an!“
„Vorwärts!“
„Auf Wiedersehn!“
„Wir kommen langsam nach und halten uns dort an der Wegbiegung hinter dem Gebüsch im Hinterhalt!
Seinen Wanderstab fröhlich geschultert, schritt Florian geradeaus.
Er traf auf die Rückseite des Gutshauses, vor dem sich ein Rasenplatz mit Teppichbeeten ausdehnte.
Eine kleine Schar junger Mädchen in farbigen Sommerkleidern wanderte voll hörbarer Lustigkeit auf den schmalen Kieswegen hin und her.
Auf dem kleinen, terrassenartigen Sandplatz stand eine lange Tafel gedeckt. Das weisse, lang niederhängende Tuch glänzte wie vergoldet in den letzten Sonnenstrahlen und die Gläser funkelten zwischen hochragenden Blumensträussen, unter die, neben schimmerndem Porzellan, die silbernen Bestecks ihre Funken warfen.
Balder stand in dem Boskett und starrte auf das schöne, elegante Bild.
Ein tiefer Atemzug rang sich aus seiner Brust, wie ein leises Aufstöhnen klang er.
„So sah es früher bei uns aus, Heinrich!“ flüsterte er, „so kann ich mein Elternhaus nicht vergessen!“
„So freu’ dich der Erinnerung!“
„Ich sehe andre, Freunde an dem Tisch sitzen, und ich ... im Knechtshaus; vielleicht in der Scheune —“
Da legte sich eine Hand fest auf seine Schulter. „Sieh mal deinen Geigenkasten an! Ein kleines Ding, nicht wahr! Und was glaubst du wohl, was alles darin steckt? Eine ganze Welt voll erfüllter Träume und Hoffnungen! Musst sie nur herausholen! Sieh, Balder, ich strebe nicht so hoch zum Licht wie du! Du greifst nach der Sonne! Ich bin mit den Flammen zufrieden, die auf häuslichem Herd ihr warmes Licht verbreiten. Wir stehen im Konservatorium auf derselben Leiterstufe, die emporführt. Ich habe mein Ziel schon beinah erreicht, weil es soviel näher liegt als das deine. Nun bedenke, wenn du vorzeitig deine Kraft und Elastizität des Idealismus an nagendem Heimweh nach Verlorenem aufreibst, woher willst du deines Könnens Stärke nehmen, um den weiten Weg zu jenen Himmelsfernen zurückzulegen! — Darum Kopf hoch! Und wenn jene Leute da drüben selbst aus goldnen Schüsseln ässen — um so mehr und freudiger sollte es dich anspornen, dasselbe zu erreichen, was jener Gutsbesitzer für sich und die Seinen auch erwarb.“
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