1 ...6 7 8 10 11 12 ...15 Die Diva wandelte, in ihren langen Chinchillapelz gewickelt, gelassenen Schrittes nach ihrer Einzelgarderobe. Sie musste an den Massenumkleideräumen für die Komparserie vorüber. Davor stand, noch in der Halle, ein langer Tisch. An seiner einen Längsseite stauten sich im Gänsemarsch die Statistinnen, stülpten sich die Perrücken von den Köpfen und lieferten sie den Beschliesserinnen ab. Als Hansine Peternell ihr rotes Gelock abgegeben hatte, hingen dem Blumenmädchen vom Marmara-Meer plötzlich kurze, hellblonde Bubisträhne um die Ohren. Drinnen in der Garderobe stieg sie aus dem herabgeglittenen, blaugrünen Byzantinerkittel, löste die Sandalen. Um sie war Gelächter, Geschwatz, losgelassene Liederlichkeit. Ihr schien das alles wie ein Traum.
Aber da tauchte an der Türe Frieda, die Freundin, auf. Sie war eine gesetzte Person. Sie steuerte durch die Gruppen mangelhaft bekleideter Weiblichkeit wie eine Gouvernante durch ihr schlafengehendes Pensionat.
,,Ach — da bist du, Hansinchen!“ rief das ältliche Fräulein mütterlich-zärtlich. „Ich hab’ von der Galerie zugeschaut! . . Himmlisch hast du ausgesehen — du goldige Puppe — auf dem Arm von dem Nigger . . .“
„Pah — wegen mir kann mich der Gruithusen aus dem Bild wegschneiden!“ sagte Hansine Peternell wegwerfend und strählte sich energisch den Pagenkopf. „Heute hab’ ich zum letzten Mal Volk markiert! Jetzt krieg’ ich ’ne Rolle! Jetzt werd’ ich ’n Solokrebs! . . Oder — hör’ mal — bild’ ich mit den ganzen Schwindel nur ein?“
„Da bring’ ich dir das Geld, das du mir zum Aufheben gegeben hast!“ . . . . . .
,,Das geht über meinen Grips!“ Die Peternell wog unruhig den Mammon in der mageren, flachen Hand. „Sonst treibt das Schicksal doch seit Jahren Schindluder mit mir — Na . . du kennst ja den Roman meines Lebens, Frieda — über den ich mich sonst krampfhaft ausschweige . . Und nun auf einmal . . .“
„Wir haben genau nachgesehen: Das Geld von dem Herrn Turkowitz ist echt. Er erwartet dich in der Halle! Er steht da mit Senestry!“
Dem Purpur Kaiser Justinians entstiegen, glich Dimitrij Senestry, der Löwe der Leinwand, jetzt, für den Spazierritt im Tiergarten gestiefelt und gespornt, in Sportjackett und bauschigen Breeches, die schwarzsamtne Reitkappe auf dem Haupt, am ersten mit seinem faltigen, bartlosen Charaktergesicht einem spleenigen englischen Lord. Nur die grossen Geisteraugen gossen immer noch ihr mystisches Helldunkel über die angelsächsische Nüchternheit der Züge. Der ausdrucksvolle Schauspielermund lächelte skeptisch.
„Die Gouvernante im Harem?“ sagte er. „Na — hören Sie ’mal, Herr Doktor Billing: Nach dem Titel zu schliessen . .“
„Sie spielen eine überlebensgrosse Inflationshyäne unserer Zeit! Keinen gewöhnlichen Berliner oder Wiener Raffke — sondern einen Millionenräuber ganz hinten aus dem Balkan — orientalischen Kriegslieferanten a. D. mit den ungebrochenen Raubtierinstinkten Halb-Asiens! Diese Aufgabe muss doch einen Meister wie Sie locken!“
Der Mime sog den Honigseim. Er legte nervös die flache Hand vor das Antlitz.
„Ich habe wieder Filmaugen!“ sagte er. „Ganz entzündet! Ich muss heute nacht Kamillen-Umschläge machen, wenn ich morgen bei Ihnen auf dem Posten sein soll! Und dabei dieser ewige Spektakel . . .“
Die grosse Halle dröhnte von einem halben Hundert hämmernder Handwerker. Ein Generalstab fremder Herren war erschienen und stand in der Mitte. Gleich hinter der ,,Stella“ zog die „Venus-Film-Gesellschaft“ ein. Sie hatte von der „Stella“ die noch stehende Dekoration gemietet, um den byzantinischen Kaisersaal für ein Münchener Künstlerfest in Schwabing auszuschlachten. Flinke Fäuste nagelten, unter dem anfeuernden Händeklatschen der Innen-Architekten, das Schützenlies! an die Stelle der heiligen Helena, ersetzten die orthodoxen Reliquien durch Radi’s und, Masskrüge. Durch das Getümmel trottete geschäftig. Turkowitz heran, den Vertrag in der Hand, kraft dessen Herr Fritz Eichmann, genannt Dimitrij Senestry, sich von morgen ab auf vier Wochen dem „Memoria-Film“ verpflichtete. Er reichte das beiderseits unterzeichnete Schriftstück dem Charakterspieler. Der schob es in die Rocktasche — stutzte . . .
„Da steckt ja ein Brief!“ sagte er. „Der war doch vorhin nicht drin! Meine Garderobe war doch verschlossen! Wie ist denn der Brief in meinen Rock gekommen?“
„Sie haben Ihren Rock vorhin einen Augenblick ausgezogen und auf den Stuhl gelegt,“ sagte Götz Billing, „weil Sie ein Stück heruntergerutschter, byzantinischer Goldflitter an der Brust kitzelte! Da hat eine Verehrerin ’n Billetdoux ’reinpraktiziert . .“
„Lesen Sie doch den Stuss . .!“ Turkowitz drängte neugierig, mit der Zunge anstossend . . „Macht doch Spass! Ich krieg’ so ’was nix!“
„Ich kenn’ diesen Kohl auswendig!“ Dimitrij Senestry klemmte sich blasiert den Zwicker auf die lange Nase und öffnete das schmale Schreiben aus mattem Elfenbeinpapier. „Natürlich Damenhandschrift: . . ,Verehrter Meister! Eine Freundin Ihrer grossen Kunst’ — den Gänsen fällt doch nie ’was Neues ein — ,warnt Sie vor den ,Geheimnissen von Stambul’. . . Was? . . Herrschaften — was heisst denn das? . . . Dieser Film ist lebensgefährlich für alle Beteiligten! Geben Sie dem elenden Turkowitz — Hier steht: ,dem elenden Turkowitz’ . .“
„Damit meint sie mich!“ sprach Ted Turkowitz.
„. . ,die Rolle zurück. Eine, die um Ihr Leben bangt . . ’ Schluss!“
„So ist ’n Glashaus! Die Wänd’ haben Ohren! . . .“ Der kleine Turkowitz zuckte gelassen die Achseln. „Neid! Neid!“
„Dummer Spass irgendeines Witzbolds hier in der Nähe!“ sagte der Regisseur Billing.
„Na — dann kann er auch gleich die Wirkung beobachten.“ Der Mime zerriss den Brief und liess die Fetzen zu Boden fallen. „. . Mahlzeit, Herrschaften!“
„’n Augenblick! . . Ich hab’ die Dame herbestellt, die die Ehre haben wird, mit Ihnen zu spielen, Herr Senestry! Gleich wird sie antreten. Erschrecken Sie nicht: Es ist noch eine Anfängerin. Aber ein enormes Talent! Fragen Sie nur den Biling!“
„Ich kenn’ sie ja gar nicht!“ raunte der Regisseur ärgerlich. Dimitrij Senestry achtete, sich eine Zigarette anzündend, nicht auf ihn.
„Einerlei!“ lispelte der kleine, gelbliche Mann. „Loben Sie sie . . bis in die Puppen . . damit der Senestry Mut kriegt . . .“
„Ja. Sie werden Ihre Freude an dem Mädel haben!“ sagte Götz Billing schnell und laut. „Noch ganz unverbildet . . ohne falsche Diva-Allüren — ein Kind der Natur . . .“
Weiter! — mahnte ein Blick von Turkowitz. Ein Achselzucken des blonden Hünen dagegen, das hiess: ,Ich hab’ sie doch nie in meinem Leben gesehen! . . Und dann in Gottesnamen:
„Das Fräulein ist sehr willig . . sehr eifrig . . sehr intelligent . . . Dabei leicht zu haben. Sie ist ja so glücklich, mit Ihnen spielen zu dürfen . . Sie können sie ruhig anschnauzen. Sie nimmt nicht leicht etwas krumm!“
Dimitrij Senestry drehte ihm den verträumten Geisterkopf zu.
„Wie heisst denn die Perle?“ fragte er skeptisch.
„Ja . . . Herrgott . . Turkowitz . . Wie war doch gleich der Name?“
„Da kommt sie eben!“ rief Ted Turkowitz.
An der Verbindungstür zwischen den Garderoben und dem Atelier stand Hansine Peternell vor dem einäugigen Wächter. Ungeheures Erstaunen malte sich auf ihrem schmalen, grossäugigen Gesicht.
„Mich wollen Sie nicht in den Saal lassen? Mich . .“ sprach sie leise und erschüttert. „Ja — für wen halten Sie mich denn?“
„Holen Sie sich man drüben Ihre paar Kröten!“ Der Kriegsversehrte wies nach den Kassenschaltern an der Seitenwand, die den mit ihrer Ausweiskarte in der Hand sich drängenden Statisten ihre Tagesgelder auszahlten. „Sie wissen doch janz jenau, Fräulein, dass der Komparserie das Betreten des Saales verboten ist.“
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