«Bekamst du auch gleich einen Harem, du großer Lügenbold?» erklang es da plötzlich auf dänisch vom Kai her.
Sowohl Peter Nielsen als auch die Jungen starrten erstaunt hinauf und stießen dann einen Jubelruf aus, denn es war niemand anders als Marstal, der da vor ihnen stand.
«Ahoi, du Hundeschwanzfischer!» grinste Peter Nielsen zufrieden. «Das ist aber eine schöne Überraschung, dich wiederzusehen. Was macht der Hustenreiz?»
«Dem geht es sehr gut», gab Marstal munter zur Antwort, während er an Bord kam. «Ich bin schon gestern hergeflogen und freue mich riesig, euch alle wiederzusehen. Dem norwegischen Kapitän geht es auch schon viel besser. Aber einige Tage sah es wirklich so aus, als ob er himmelwärts müßte.»
Die Jungen hatten augenblicklich jegliches Interesse an Peter und den fünfzig Haremsdamen verloren, denn die Freude, Marstal wiederzusehen, war überaus groß.
Peter Nielsen freute sich fast am meisten von allen. Zwar hatte er immer lange Diskussionen mit Marstal gehabt, und es war nie ganz geklärt worden, ob nun Marstal oder Svendborg die berühmteste Hafenstadt Dänemarks ist, aber die beiden waren doch dicke Freunde und vermißten einander sehr, wenn sie getrennt waren. Das wußten die anderen Jungen und freuten sich immer wieder, wenn die beiden Seeleute sich in die Haare gerieten.
Als Marstal auch einen Platz bekommen hatte, mußte er natürlich erst ausführlich über seine Erlebnisse im Krankenhaus in Santander und über die Flugreise nach Casablanca erzählen, und es verging eine ganze Weile, bis jemand anders zu Wort kam.
Erling betrachtete den Genesenen, der noch etwas blaß und hohlwangig wirkte, dann erklärte er sehr bestimmt: «Dich werden wir gleich etwas herausfüttern müssen. Von hier bis Kapstadt kommst du auf Onkel Erlings spezielle Mastkur. Du brauchst nur anzugeben, was du am liebsten essen willst.»
«Mhm!» sagte Peter Nielsen und schmatzte mit der Zunge. «Du hast vielleicht Glück, du Miststück, Marstal! Wir anderen bekommen nie ein solches Angebot.»
«Na ja, du siehst ja auch nicht gerade aus, als ob du es nötig hättest», brummte Marstal und betrachtete den Freund mit kritischen Augen. «Seit ich dich das letztemal in Santander gesehen habe, hast du schon wieder Fett angesetzt. Ich hoffe bloß, daß du nicht in der Kombüse klaust, wenn Erling den Rücken kehrt ... das sähe so einem Fünen aus Svendborg nämlich gerade ähnlich ... Wir ehrlichen Seeleute aus Marstal haben halt nicht viel Vertrauen zu euch!»
«Beruht auf Gegenseitigkeit!» grinste Peter Nielsen. «Aber wenn Erling dir zu große Portionen ausgewählter Leckereien gibt, dann könntest du mir wirklich etwas davon abgeben ... nur so, meine ich, aus alter Freundschaft. Nun habe ich doch tatsächlich jahrelang die sieben Weltmeere durchpflügt, aber so ausgehungert wie auf dieser Reise war ich noch nie.»
Alle lachten laut über den letzten Satz, denn sie kannten Peters Appetit zur Genüge. Im Vergleich zu ihm aß Erling wie ein Vögelchen, und dabei stand der Dicke auch nicht gerade im Ruf, an Appetitlosigkeit zu leiden. An Bord der ‹Flying Star› hatte nie jemand hungern müssen – am allerwenigsten der brave Peter Nielsen! Die Meeresluft machte hungrig, und Ingenieur Smith war es sehr wichtig, seine Mannschaft immer gut verpflegt zu wissen.
Das Gespräch ging lustig zwischen den Freunden weiter, und beim Anblick von Erlings Frühstückstisch stieg die Stimmung noch mehr. Denn zur Feier des Tages hatte Erling noch mehr als sonst aufgetischt. Als der Ausflug in das Araberviertel zur Sprache kam, erklärte Marstal sehr bestimmt, er wolle unbedingt mitgehen. Der kleine Yan Loo könne ja als Wache an Bord zurückbleiben.
«Na ja, schön», sagte Peter Nielsen, nachdem er einen Augenblick überlegt hatte.
Und dann erklärte er dem Chinesenjungen, welch große Verantwortung man hat, wenn man als Wache allein auf einem Schiff bleibt. Man darf es auf keinen Fall verlassen, und man darf auf seinem Posten nicht einschlafen.
Yan Loo nickte bloß, und sein kleines gelbes Gesicht war so gut wie unbeweglich, aber alle bekamen den Eindruck, daß er viel lieber mit in das Araberviertel gegangen wäre – und sei es auch nur, weil er seinem vergötterten Freund Carl nahe sein wollte, um ihm beizustehen, falls sich dies als notwendig erweisen sollte. Er sah ganz bedrückt aus, als die anderen von Bord gingen und durch den Hafen weiter zur Stadt zogen.
Die Jungen unterhielten sich angeregt mit den beiden Seeleuten, während sie die Straßen entlangschlenderten. Aber kaum hatten sie die ersten baufälligen Gebäude im Eingeborenenviertel erreicht, da dämpften sie ihre Stimmen und gebrauchten dafür mehr ihre Augen. Und zu sehen gab es mehr als genug! In unzähligen Buden boten Händler ihre Waren mit großer Zungenfertigkeit an, auf der Straße spielten zerlumpte Araberkinder in Mengen, Hunde durchstreiften das Viertel und schnüffelten in den übelriechenden Rinnsteinen, und in der brennenden Sonne war die ganze Szene in einen Geruch gehüllt, der sich aus Schmutz, wirbelndem Staub und anderen unbestimmbaren Dünsten zusammensetzte. Natürlich waren die Araber in der Mehrzahl, aber hie und da sah man auch kleine Touristengruppen – hauptsächlich amerikanischer Herkunft –, die mit den Verkäufern handelten oder das Straßenleben fotografierten. Das Bild war so überwältigend lebhaft und bunt, daß man gar nicht alles auf einmal erfassen konnte. Die Verkäufer, die den Touristen etwas anboten, schienen liebenswürdig genug – oder taten zumindest so –, aber die übrigen Araber sahen eher finster drein und warfen feindliche Blicke auf die Europäer.
«Ob die wohl Messer bei sich haben?» flüsterte Jesper und hielt sich dicht hinter Carl. «Sie sehen aus, als hätten sie die größte Lust, uns allen den Bauch aufzuschlitzen.»
«Das haben sie auch!»
«Was?» staunte Jesper und schnappte nach Luft. «Ist das wirklich wahr?»
«Bombensicher!» grinste Carl. «Und wenn die Araber etwas Böses im Schilde führen, dann wählen sie sich immer das kleinste Opfer aus ... und du bist doch der kleinste von uns allen!»
«O nein!» stöhnte Jesper und machte einen großen Bogen um den nächsten Araber. «Sollten wir nicht lieber bald wieder an Bord der ‹Flying Star› gehen?»
Jan, der nur den letzten Satz mitgehört hatte, fragte lächelnd: «Was ist denn los, Jesper? Bist du etwa schon müde?»
«Müde?... Nein ... aber ... ehrlich gesagt, habe ich schon angenehmere Orte gesehen als dieses Araberviertel hier in Casablanca. Ob wir wohl lebend wieder hinauskommen?»
«Ja, wenn du nicht gleich vor Angst tot umfällst», lachte Jan und nahm seinen kleinen Freund beim Arm. «Die Araber sehen doch ganz gutmütig aus.»
«Hm!» sagte Jesper und schielte zu den eingeborenen Männern und Frauen hinüber, die lautlos in ihren farbigen Gewändern vorüberhuschten. «Ich habe noch nie gutmütige Leute so bösartig blicken sehen! Ob du nicht deinen Mitmenschen gegenüber zu gutgläubig bist, Jan?»
Erling mischte sich neckend in das Gespräch. «Warum hast du denn solchen Kummer, du Knirps? Ich habe dir doch versprochen, daß nichts Schlimmes passiert, wenn du nur brav hinter Onkel Erlings Rükken bleibst. Hast du plötzlich jedes Vertrauen zu mir verloren?»
«Ich hatte nie welches, du ...»
«... dickes Kamel», vollendete Erling gutmütig den Satz. «Jetzt, da wir Afrika erreicht haben, wird es mir eine besondere Freude sein, dir eine Sammlung Dromedare zu zeigen, nach denen du mich benannt hast. Der Anblick wird deine zoologischen Kenntnisse bestimmt erweitern, die während der Schulzeit ... ähhh ... ziemlich mangelhaft waren. Es wird übrigens hier in Marokko behauptet, daß Kamele und Dromedare besonders nützliche Tiere sind.»
Während dieses Gespräches war Carl etwas hinter den anderen zurückgeblieben. Er blieb vor einem Laden stehen und betrachtete die ausgestellten Waren. Da lagen Strohmatten, Pantoffeln, verschiedene Sachen, die alle aus schönstem, weichstem Kamelleder hergestellt waren. Der arabische Kaufmann stürzte sich gleich auf ihn und begann mit großer Zungenfertigkeit seine Waren anzupreisen. Dies tat er in einem Gemisch von Arabisch, Französisch und Englisch, aber Carl verstand das meiste von dem, was der Mann sagte. Er selber sprach auch nicht gerade perfekt Englisch, es ging daher ganz gut. Mit besonderem Interesse betrachtete er eine schicke Tasche aus Kamelleder, so daß der Kaufmann seine Lobeshymne nun auf diese konzentrierte. Seiner Meinung nach konnte es keinen Zweifel darüber geben, daß diese Tasche die schönste der Welt war ... und sie kostete nur die Kleinigkeit von vierzehn Dollar!
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