«Darauf läßt sich doch ein Araber nie ein», meinte Carl.
Der Ingenieur lachte. «Aber gewiß, du mußt nur genügend Geduld haben. Vergiß nicht, daß ein Araber richtig enttäuscht ist, wenn du nicht mit ihm handelst. Nach Herzenslust Handeln ist ja sein ganzer Spaß, und er weiß genau, daß er nicht übervorteilt wird. Ja, so sind nun einmal die Handelsbräuche in Casablanca und anderen afrikanischen Städten, man muß es bloß wissen. Wenn ein Fremder das zahlt, was zu Anfang verlangt wird, dann verachten ihn die Araber höchstens ein wenig.»
«Vielleicht kommt er sich obendrein etwas geprellt vor?» fragte Jan lächelnd.
«Ja, so kann man es ausdrücken», nickte der Ingenieur. «Und damit habe ich euch ein paar Ratschläge gegeben, die ihr tunlichst befolgen solltet. Vor allem bestehe ich darauf, daß ihr nur gemeinsam ausgeht. Sind wir uns darin einig?»
«Vollkommen», ertönte es im Chor. «Wir werden schon aufpassen!»
«Gibt es im Araberviertel nicht französische Polizei?» fragte Jesper etwas bedrückt.
Der Ingenieur lächelte. «Doch, natürlich, Jesper, aber ab und zu sieht man sie nicht. Und du darfst nicht vergessen, daß sich Europäer auf eigene Gefahr in die Araberviertel begeben. Das wird von den französischen Behörden immer wieder betont. Wenn man erst auf mysteriöse Weise in einem der Eingeborenenviertel verschwunden ist, besteht die Möglichkeit, daß man nie wieder auftaucht. Die Araber halten zusammen ... das mußt du dir merken!»
«Ja», murmelte Jesper. «Das werde ich mir bestimmt merken, darauf können Sie sich verlassen. Sind die Araber geschickt im Umgang mit Messern?»
«Erstklassige Spezialisten», nickte Smith.
Es schüttelte Jesper beim bloßen Gedanken, und er war noch immer bedrückt und schweigsam, als er eine halbe Stunde später mit seinen Freunden zusammen draußen auf Deck saß. Erling bemerkte das und sagte tröstend: «Nun laß den Kopf nicht hängen, mein Freund; ich habe gute Nachrichten für dich ...»
«Wie?»
Erling nickte. «Ja, morgen, wenn wir unseren ersten Besuch in der Altstadt machen, muß einer hier als Wache zurückbleiben ... und das wirst du sein!»
Jesper zuckte zusammen, und einen Augenblick lang blieb er ganz stumm sitzen. Natürlich wollte er einerseits ganz gern dem Ausflug entgehen, aber andererseits war er zu kameradschaftlich, um sich auf diese Weise zu drücken. Obwohl er nie ein Held im üblichen Sinn des Wortes gewesen war, hatte er sich doch immer als guter Kamerad erwiesen, wenn echte Gefahr bestand. Mag sein, daß er manchmal mit zitternden Knien und klopfendem Herzen seinen Mann gestanden hatte, aber gerade damit hatte er seine gute Kameradschaft bewiesen. Es ist ja nicht sonderlich großartig, wenn man in einer gefährlichen Lage hilft und sich dabei ganz furchtlos darauf verläßt, daß schon alles gutgehen wird ... nein, derjenige, der Angst hat, aber diese überwindet und seinen Kameradschaftsgeist siegen läßt, der ist der eigentliche Held. Daran dachte der kleine Jesper in diesem Moment nicht. Aber er richtete sich auf und warf Erling einen entschlossenen Blick zu, während er sagte: «Nein, soweit kommt es nun doch nicht, du dickes Kamel! Yan Loo kann als Wache hier an Bord bleiben. Wir haben durch die Jahre so viele Gefahren gemeinsam überstanden, und wenn jetzt etwas schiefgeht, dann will ich auch bei euch sein!»
«Bravo, Krümel!» sagte Jan ganz ernst. Sicher war er derjenige, der seinen kleinen Freund am besten kannte.
Am nächsten Morgen ging Ingenieur Smith früh weg, um seine Verhandlungen mit den französischen Hafenbehörden aufzunehmen. Bei dieser Gelegenheit wollte er auch in Erfahrung bringen, ob Marstal schon im vereinbarten Hotel angekommen war. Die Ärzte in Santander hatten nachdrücklich erklärt, Marstal werde sich so schnell erholen, daß er Casablanca rechtzeitig erreichen könne. Da es ja direkte Flugverbindungen gab, spielten Zeit und Entfernung keine sehr große Rolle.
Peter Nielsen und die sechs Freunde hatten sich dahingehend geeinigt, daß sie zuerst das Araberviertel besuchen wollten. Zunächst aber saßen sie noch alle an Deck in den aufgestellten Deckstühlen, während Peter Nielsen ein Seemannsgarn nach dem anderen spann und seine Geschichten immer bunter und unglaubhafter wurden. Die Jungen amüsierten sich herrlich.
«Ja, Peter», sagte Jan lachend, «nun haben wir also das meiste über deine Jagderlebnisse in der näheren Umgebung von Casablanca gehört. Aber wie steht es denn mit den Abenteuern in der Stadt selbst?»
«Unglaubliche Dinge haben sich da ereignet», nickte der Rotschopf.
«Los, erzähle!»
«Hm ... na ja ... eigentlich habe ich so viel erlebt, daß ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll ... aber, ähum ... laßt mich mal nachdenken ... Erlebnisse in Casablanca ... Erlebnisse in Casablanca ... Ach ja, jetzt fallt mir ein recht komisches Erlebnis ein.»
Und damit begann Peter Nielsen mit einem breiten Lächeln seine Geschichte.
«Tja, das muß wohl so 1947 oder 1948 gewesen sein, als ich hier mit einem englischen Kohlendampfer lag. Es ist ja sowieso etwas verrückt, daß jemand bei der Hitze hier Kohlen braucht, aber so scheint es doch zu sein, und wir löschten die Ladung so, daß ganz Casablanca in Kohlenstaub gehüllt war ... ja, der Staub war so dicht, daß die Sonne sich verfinsterte und die Einwohner der Stadt bei Tag ins Bett gingen, weil sie meinten, es sei Nacht. Die Arbeit war ja nicht sehr erfreulich, deswegen freute ich mich um so mehr, als der Sultan wie ein Blitz aus Rabat herübergefahren kam ...»
«Der Sultan?» fragte Jesper atemlos. «Wollte er wegen des Kohlenstaubes schimpfen?»
«Ach woher, keine Spur. Aber er hatte ja erfahren, daß ich nach Casablanca gekommen war. Da setzte er sich eben in seinen Cadillac und kam, um seinen besten Freund zu begrüßen.»
«Hast du ihn denn wirklich gekannt?»
«Natürlich», nickte Peter sehr selbstbewußt.
«Wir haben über die Jahre viel Spaß zusammen gehabt. Und diesmal wurde es auch sehr lustig, denn er brachte fünfzig seiner Lieblingsfrauen mit, die in anderen Wagen seinem Cadillac folgten ...»
«Warum denn das?» fragte Jan lächelnd.
«Nun, ich mußte doch jemanden haben, mit dem ich tanzen konnte, wenn wir ausgingen. Und der Sultan war der Meinung, daß ich etwas Auswahl brauchte.»
«Waren die Damen denn nicht verschleiert?»
«Was, verschleiert? Ach so, ja natürlich waren sie verschleiert. Aber wenn der Sultan uns den Rücken zudrehte, hoben sie ihren Schleier und lächelten mich an. Auf diese Weise bekam ich bald heraus, mit wem ich am liebsten tanzen wollte. Ich glaube, der Sultan merkte schon, daß wir ein wenig Unsinn trieben, denn er klopfte mir auf die Schulter und sagte: ‹Treib’s nicht zu wild, Peter. Ich möchte nicht, daß du alle meine Frauen mit nach Dänemark nimmst. Du kannst dir eine oder zwei aussuchen ... ich habe ja genügend ... aber die übrigen achtundvierzig möchte ich doch als Lieblingsfrauen behalten.› »
«Hast du dir denn die zwei ausgesucht?» wollte Jack Morton wissen, und dabei konnte er ein Lachen nicht unterdrücken.
«Nein, ich habe mich schließlich doch nicht getraut, denn mit Schleiern und weißen Gewändern sahen sie alle gleich aus. Und ich wollte daheim in Svendborg nicht ausgelacht werden, wenn ich ein paar Frauenspersonen mitbrachte, die meine Schwiegermütter hätten sein können! Nee, ihr könnt euch darauf verlassen, daß ich nein danke sagte. Und während ich dem Sultan absagte, seufzten alle seine fünfzig Frauen vor Verzweiflung. Natürlich wollten sie alle lieber am Svendborg-Sund als in einem langweiligen Harem leben. Aber ich machte mein Herz kalt und hart wie Stahl und drehte lieber mit jeder von ihnen einen langsamen Walzer. Wie dem auch sei, wohin wir auch kamen, spielte das Orchester die marokkanische Nationalhymne, und die Gäste warfen sich vor dem Sultan, der hier in Marokko ein sehr angesehener Mann ist, auf die Erde. Übrigens freute er sich so über meine Gesellschaft, daß er mich in den frühen Morgenstunden zum Ritter des roten Halbmondes schlug und mir gleichzeitig einen Palast neben dem seinen verehrte ...»
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