«Ein Heimfallsfund?» fragte Erling interessiert.
«Ja», bestätigte Herr Berg leicht erstaunt. «Als ich den Ring von der Erde gereinigt hatte, sah ich, dass er aus Gold war, und dass es sich um ein sehr altes Schmuckstück handelte. Es stammt vielleicht aus derselben Zeit wie das berühmte Goldhorn, das in Nord-Schleswig gefunden wurde.» Er wandte sich lächelnd an Erling: «Du scheinst ja etwas von diesen Dingen zu verstehen. Weisst du auch, was das merkwürdige Wort ‚Heimfallsfund‘ bedeutet?»
Erling nickte. «Alle Zeugnisse einer vergangenen Kultur, die man irgendwo in Dänemark findet, fallen dem Staat anheim und müssen daher abgeliefert werden.»
«Richtig!» sagte Herr Berg. «Hast du dich schon näher mit Heimfallsfunden beschäftigt?»
«Nein, das nicht», erwiderte Erling. «Aber ich interessiere mich für die Geschichte unseres Landes, und die Heimfallsfunde sind ja für die Kenntnis der Kultur unserer Vorväter von grosser Bedeutung.»
Herr Berg nickte beifällig. «Ja, das sind sie. In alter Zeit mussten alle derartigen Funde an den König abgeliefert werden. Jetzt gehören sie dem Staat, und man ist verpflichtet, die Behörden zu unterrichten, wenn man etwas dergleichen gefunden hat. Man erhält dann den Goldwert ausbezahlt und ausserdem eine Belohnung, deren Höhe von der archäologischen und ethnographischen Bedeutung des Fundes abhängt. Doch nun kommt etwas sehr Betrübliches ...» Er strich sich über die Stirn und fuhr nach einer kurzen Pause fort: «Am Abend nahm ich den Goldschmuck mit nach Hause. Am nächsten Morgen aber war er verschwunden ...»
«Gestohlen?» fragte Jan gespannt.
«Eine andere Erklärung gibt es leider nicht», antwortete Herr Berg ernst. «Ich muss mir selbst den Vorwurf machen, dass ich wohl etwas leichtsinnig gewesen bin. Da ich gar nicht auf den Gedanken kam, dass ein Dieb ins Haus eindringen könnte, um sich ausgerechnet den Goldring zu holen, hatte ich das Schmuckstück in die unverschlossene Schublade meines Schreibtisches gelegt. Am nächsten Morgen wollte ich die Behörde von meinem Fund unterrichten. Aber ... ich unterliess es. Ich habe weder etwas von meinem Fund noch von dem Diebstahl gemeldet.»
«Weshalb nicht?» erkundigte sich Jan.
Herr Berg stand auf und ging nervös im Zimmer auf und ab. Schliesslich blieb er stehen und sagte: «Also hört zu! Leider habe ich den Verdacht, dass einer von den Hausbewohnern der Dieb ist. Ich bin meiner Sache aber keineswegs sicher und möchte den Verdacht nicht auf einen Unschuldigen lenken.»
«Und wen haben Sie im Verdacht?» fragte Jan, als Herr Berg verstummte.
«Meinen eigenen Sohn», seufzte Herr Berg. «Leider. Als ich am Abend mit dem Schmuck nach Hause kam, zeigte ich ihn meiner Frau und meinem Sohn, und Jörgen war dabei, als ich ihn in die Schublade meines Schreibtisches legte.»
Die Buben machten sehr ernste Gesichter, und Jans Stimme klang etwas unsicher, als er fragte: «Haben Sie früher schon Grund gehabt, an der Ehrlichkeit Ihres Sohnes zu zweifeln, Herr Berg?»
Herr Berg schüttelte den Kopf. «Nein, nie. Jörgen ist ein guter Junge. Er ist unser einziges Kind. Aber ... in der letzten Zeit ist er in schlechte Gesellschaft geraten. Es gibt hier in der Stadt einige sehr leichtsinnige junge Menschen, die viel Geld brauchen und stets auf ihr Vergnügen aus sind. Leider hat Jörgen sich mit der Schwester eines dieser jungen Menschen verlobt ...»
«Ist sie auch nicht viel wert?» fragte Jan.
«Darüber bin ich mir nicht klar», erwiderte Herr Berg. «Ich kenne sie zu wenig. Das klingt vielleicht etwas sonderbar, aber wegen ihres Bruders sehe ich sie nicht gern bei uns im Hause, obwohl die Verlobung mit Jörgen durchaus kein Geheimnis ist.»
Jan schien zu überlegen. Endlich sagte er: «Offen gestanden, Herr Berg, sehe ich nicht, wie wir Ihnen helfen könnten. Ich verstehe natürlich, dass es Ihnen schwerfällt, aber das richtigste wäre doch, Sie machten eine Anzeige bei der Kriminalpolizei.»
«Die Sache liegt nicht so einfach, wie du denkst», entgegnete Herr Berg, den Kopf schüttelnd. «Ich wurde ja nicht bestohlen. Der Goldring war ein Heimfallsfund; er gehörte dem Staat von dem Augenblick an, als ich ihn zufällig entdeckte. In Wahrheit wurde also der Staat bestohlen, und das macht die Sache sehr verwickelt. Deshalb liegt mir unendlich viel daran, den Schmuck wieder herbeizuschaffen, damit ich ihn bei der Behörde abliefern kann.»
«Vielleicht ist er schon eingeschmolzen», wandte Erling ein. «So etwas ist schon vorgekommen.»
«Das ist ziemlich ausgeschlossen», sagte Jan. «Der Dieb selber kann das sicher nicht, und er findet auch nicht so ohne weiteres einen Menschen, der es für ihn besorgt. Vermutlich wartet er auf eine günstige Gelegenheit, um den Schmuck zu verwerten. Aber bringt uns das weiter?»
«Vielleicht doch», meinte Herr Berg. «Jörgen hat seinen Kameraden von dem Fund erzählt. Eines Abends brachte er ein paar von ihnen mit, und der eine – er heisst Georg – wollte durchaus wissen, wo ich den Schmuck gefunden habe. Er wusste nur, dass es in der Nähe des Waldes auf der Landzunge gewesen war, und ich fühlte natürlich keinerlei Veranlassung, ihm nähere Erklärungen zu geben. Nun habe ich gehört, einige junge Leute hätten in den letzten Tagen im Walde herumgestöbert. Es ist nicht schwer zu erraten, was sie dort gesucht haben.»
«Ja, das ist wirklich nicht schwer zu erraten», sagte Erling. «Gewöhnlich besteht so ein alter Schmuck aus mehreren Stücken. Natürlich hoffen sie, die andern Teile zu finden, und wenn sie genau wüssten, wo der Ring gefunden wurde, wäre es wohl denkbar, dass sie mit ihrer Suche Erfolg hätten.»
«Ich weiss wirklich nicht, was ich tun soll», sagte Herr Berg. «Ich denke aber, wenn ihr Buben draussen bei dem Walde eine Weile kampieren würdet, könntet ihr vielleicht diese oder jene Beobachtung machen. Möglicherweise gelingt es uns dann, das Rätsel zu lösen, ohne dass die Kriminalpolizei herangezogen werden muss. Jesper hat mir so viel von dir erzählt, Jan, dass ich glaube, du könntest mir bei dieser peinlichen Sache vielleicht helfen.»
Jan wurde rot. «Es ist sehr nett von Jesper, dass er so von mir gesprochen hat, aber Wunder können wir auch nicht vollbringen.»
«Versucht es wenigstens!» bat Herr Berg. «Ich habe bereits dafür gesorgt, dass ihr euer Lager am Walde aufschlagen dürft. In dem nahe gelegenen Gehöft könnt ihr Milch und Wasser bekommen. Es ist sehr schön dort draussen, und ihr versäumt sicher nichts, wenn ihr euch eine Woche lang auf der Landzunge aufhaltet.»
Schliesslich willigte Jan ein. Für seine Kameraden war es selbstverständlich, dass sie seinen Entschluss billigten. Herr Berg stellte ihnen vier Fahrräder zur Verfügung. Da sich in der Gegend des Waldes keine Anlegebrücke befand, wo sie ihr Segelboot hätten vertäuen können, musste die «Rex» einstweilen im Vordingborger Hafen liegen bleiben.
«Wann kommt Ihr Sohn nach Hause, Herr Berg?» fragte Jan.
«Zwischen vier und fünf; das Büro, in dem er arbeitet, schliesst um vier Uhr. Warum willst du das wissen?»
«Ich würde ihn gern sehen, möchte aber nicht, dass er uns kennenlernt.»
Auch diese Sache wurde geordnet. Es wurde vereinbart, dass sich Jan und Jesper um vier Uhr in der Nähe von Jörgens Büro einfinden sollten.
Nach dem Mittagessen, an dem selbst Erling nicht das geringste auszusetzen hatte, kehrten die Buben nach dem Hafen zurück, wo sie ein paar vergnügte Stunden verbrachten. Sie waren alle in glänzender Stimmung, sogar Erling, der es eigentlich gar nicht schätzte, wenn sich Jan Gelegenheit bot, sich als Detektiv zu betätigen. Seiner Meinung nach kam für sie dabei im allgemeinen nichts anderes heraus, als dass sie um den ungestörten Genuss ihrer Ferien gebracht wurden. Diesmal aber lag die Sache anders. Die Geschichte der nordischen Länder war stets sein Lieblingsfach gewesen, und der Gedanke, dass sie bei dem Versuch, den Diebstahl aufzuklären, vielleicht noch auf andere Zeugnisse einer alten Kultur stossen würden, hatte für ihn viel Verlockendes.
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