„Danke für die treffende Zusammenfassung, Rüdiger“, sagte Hessberger. „Sobald der neue Kollege eintrifft, werden wir uns aufteilen. Zuerst befragen wir die Nachbarn von Steffi Gerber und Klaus Zenker. Sollten wir ihn in den nächsten zwei Tagen nicht finden, schreiben wir ihn zur Fahndung aus. Obwohl ich das nur ungern tue, denn wenn wir offiziell gegen ihn vorgehen und am Ende ist er vielleicht doch nicht schuldig, wird er den Makel nie wieder los.“
ZWEI
Freitag, 24.01.2020, 5.30 Uhr
Die Luft im Raum war stickig und abgestanden. An der gegenüberliegenden Wand zeichnete sich sein Schatten ab, der sich unruhig hin- und herbewegte. Immer wieder murmelte er vor sich hin: „Selbst schuld, warum konnten sie auch nicht aufhören?“ Sie würden schon sehen, was sie davon hatten …
Freitag, 24.01.2020, Leonhard-Eißnert-Park
Als Adi den Telefonhörer auflegte, schaute er Sina mit betrübten Augen an. „Es gibt Arbeit. Wir müssen zu einem neuen Tatort.“
Eine Viertelstunde später kamen sie im Leonhard-Eißnert-Park an. Adi verschaffte sich erst einmal einen groben Überblick. Die Wege des beliebten Kletter- und Freizeitparks waren vorschriftsmäßig mit rot-weißen Plastikbändern abgesperrt. Alles wirkte ein wenig trist, die Bäume waren kahl, das welke Gras grau, die Luft dunstig. Die großen Wasserfontänen, im Sommer eine Attraktion des Geländes, waren abgestellt. Der Park und das Verkehrserziehungsgelände, auf dem Hessberger vor vielen Jahren seinen Fahrrad-Führerschein gemacht hatte, waren menschenleer, nur die Kollegen der Spurensicherung zeigten Fleiß bei der Arbeit.
„Na Jungs, was haben wir hier?“
„Ein Spaziergänger hat die Polizei benachrichtigt, weil eine Joggerin bewusstlos im Wald lag. Leider konnten wir sie nicht vernehmen, denn der herbeigerufene Rettungswagen hat sie sofort mit ins Krankenhaus genommen. Aber deswegen haben wir euch nicht gerufen. Zuerst dachten wir tatsächlich, es handelt sich nur um eine verunglückte Person, aber dann haben wir das hier gesehen.“ Er zeigte auf eine riesige Eiche. Einen halben Meter über dem Boden baumelte ein männlicher Körper.
Die Kommissare fuhren ins Ketteler-Krankenhaus, um die Aussage der Joggerin aufzunehmen. Adi wusste aus langjähriger Erfahrung, dass es wichtig war, die Zeugen so schnell wie möglich zu vernehmen.
„Ich fühle mich total unwohl in Krankenhäusern. In der Luft liegt immer ein Hauch von Desinfektionsmitteln, diesen Geruch hasse ich wie die Pest. Findest du nicht auch, dass Krankenhäuser das Gefühl von Siechtum und Tod verströmen?“ Ohne eine Antwort von Sina abzuwarten, ging Adi weiter. Sie fuhren mit dem Aufzug in den dritten Stock und ließen sich dort von einer Schwester das richtige Zimmer zeigen. Der Raum, den sie betraten, erwies sich als großzügiges, lichterfülltes Zimmer.
Die Frau lag direkt am Fenster. In ihrem Gesicht spiegelte sich Angst, ja Panik wider, zumindest war das Adis Eindruck. Die verlaufene Schminke verlieh ihr einen maskenhaften Ausdruck und unter der großen Bettdecke wirkte sie seltsam verloren.
„Wie geht es Ihnen?“, fragte er ohne Umschweife. „Sind Sie in der Lage, uns zu erzählen, was genau passiert ist?“
Wie geistesabwesend begann sie zu erzählen. Es schien, als spiele sie die Szene nach, denn sie redete, als würde sich das Ganze gerade ereignen.
„Ich jogge durch den Park, wie jeden Morgen. Ich laufe am Verkehrserziehungsgelände vorbei. Es ist ganz friedlich und still, weil es noch so früh ist. Der Mond leuchtet nur schwach durch die großen Laubbäume. Der Park liegt in einem tiefen Schlaf. Es ist neblig und kein Geräusch ist zu hören. Doch da ist plötzlich was. Ein leises Knarren, kaum hörbar, das mich stört und nicht in diesen Morgen passt. Aber ich bin in meine Gedanken vertieft. Mein Freund und ich wollen bald heiraten. Was da alles zu erledigen ist, das geht mir nicht aus dem Kopf. Auch beim Joggen. Ganz plötzlich merke ich, dass was nicht stimmt, aber da ist es schon zu spät. Da hängt jemand und ich renne voll in ihn hinein. Gegen eine Leiche! So ein grauenvoller Anblick! Ich fange an zu zittern. Am ganzen Körper. Will schreien. Aber … aber es kommt kein Ton über meine Lippen.“
Kaum hatte sie ihre Erzählung beendet, brach sie in Tränen aus. Der herbeigeeilte Arzt versuchte, sie zu beruhigen, und bat die Beamten zu gehen. Sie verabschiedeten sich, denn mehr würden sie im Augenblick wahrscheinlich sowieso nicht erfahren. Warum sollten sie die Frau weiter quälen?
Polizeipräsidium Südosthessen
Als die beiden das Präsidium betraten, kam gerade Rüdiger Salzmann um die Ecke. „Und? Habt ihr schon eine Vermutung, was passiert sein könnte?“
„Das nicht, aber ich habe eine Überraschung für dich: Bei dem Toten im Park handelt es sich um den verschwundenen Klaus Zenker, unseren verdächtigen Lehrer“, unterrichtete Adi den Kollegen. „Die Spusi hat bei dem Toten seine Brieftasche mit seinem Pass gefunden. Deshalb haben wir ihn auch nicht zu Hause angetroffen. Die arme Joggerin ist direkt in ihn reingerannt und hat dabei den Schock ihres Lebens bekommen. Jetzt warten wir auf die Ergebnisse der Gerichtsmedizin, ob es ein Suizid war oder ob eventuell Fremdverschulden vorliegt.“
Rüdiger nickte beifällig. „Der Lehrer ist schuldig und jetzt hat er aus Angst vor der Strafe die Konsequenzen gezogen und sich aufgehängt. Somit müssen wir nur noch das Mädchen finden und der Fall ist gelöst. Das nenne ich mal schnelle und effektive Polizeiarbeit.“
Inzwischen hatten Adi und Sina die Joggerin ein weiteres Mal vernommen. Durch ihre Aussage konnten sie den möglichen Todeszeitpunkt genauer eingrenzen und sie konnten ausschließen, dass die Joggerin mit dem Tod des Lehrers in irgendeiner Verbindung stand.
Eine junge Beamtin informierte Hessberger, dass sich eine Frau Zenker am Empfang gemeldet hätte. „Ich habe sie in den Vernehmungsraum gesetzt. Und eine Kanne Kaffee steht auch schon bereit.“
Als Hessberger den Raum betrat, blickte ihn ein Augenpaar angstvoll an. „Was ist mit meinem Mann los?“, brach es ohne weitere Einleitung aus ihr heraus. „Er hat garantiert nichts mit der Sache zu tun, wegen der Sie ihn beschuldigen. Gestern Nachmittag bat er mich, mit den Kindern zu meinen Eltern zu fahren, aber ich konnte nicht dort bleiben. Als ich heute Morgen zurückkam, sagte mir eine Nachbarin, dass sie gestern die Polizei bei uns gesehen hätte. Und mein Mann ist spurlos verschwunden. An sein Handy geht er auch nicht.“
Hessberger schluckte. Das waren genau die Momente, die er überhaupt nicht mochte.
„Leider muss ich Ihnen mitteilen“, setzte er sachte und mit warmer Stimme an, „dass Ihr Mann tot ist. Wahrscheinlich hat er sich in der Nacht das Leben genommen. Es tut mir wirklich sehr leid, Frau Zenker.“
„Was?“ Die Frau starrte ihn mit aufgerissenen Augen an.
„Wo? Wo ist er gefunden worden?“
„Im Leonhard-Eißnert-Park. Eine Joggerin hat ihn heute Morgen gefunden.“
Frau Zenker schlug die Hände vor ihr Gesicht. Schluchzen schüttelte ihren Körper. Plötzlich sprang sie auf.
„Das ist alles Ihre Schuld!“, schrie sie Adi ins Gesicht. „Wenn Sie ihn nicht beschuldigt hätten, wäre es niemals dazu gekommen!“ Tränen liefen ihre Wangen herunter. Grußlos verließ sie den Raum und schlug die Tür mit großer Wucht hinter sich zu.
„Was war denn das für ein Auftritt?“, fragte Salzmann, der sie gerade noch um die Ecke laufen sah. „Die hat man ja durch das ganze Revier schreien hören. Wahrscheinlich war es der Schmerz über den Tod ihres Mannes. Aber vielleicht auch die Erkenntnis, dass er ein ganz anderer Mensch war als der, für den er sich ausgegeben hat.“
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