So abgezehrt und abgemagert bemerkte er, dass er gar nicht mehr meditieren konnte. Der Geist konnte sich nicht mehr konzentrieren. Er fand keine innere Ruhe. Das, was er von seinen Meistern gelernt hatte, brachte ihn nicht mehr weiter. Also versuchte er, seinen eigenen Weg zu finden, mit Meditation, ohne strenge Askese. Er nannte diesen Weg „den mittleren Weg“. „Strenge ist es wohl nicht, die den Körper mit seinen Gelüsten zur Ruhe bringt, die einen Wissen lehrt und Freiheit gibt“, dachte Siddhartha.
Eines Tages fand Siddhartha, im Alter von 35 Jahren, einen ruhigen Platz unter einer Pappelfeige, am Ufer des Neranjara-Flusses bei Bodhgaya nahe Gaya (im heutigen Bihar). Unter ihr breitete er seinen Teppich aus, nahm Platz, verschränkte seine Beine und begann in der Meditation ein heiliges Gelübde abzulegen: „Soll mein Körper hier verfaulen, sollen meine Knochen hier verrotten, aber ich werde hier erst wieder aufstehen, wenn ich einen Weg gefunden habe, Verfall und Tod zu überwinden.“
Dies war im Morgengrauen, der Mond stieg auf, der erste Vollmond des Frühlings. Siddhartha fiel in eine tiefe Meditation. Der Überlieferung zufolge erschien ihm Mara als Symbol für Tod und Versuchung. Mara versprach ihm seine schönsten Töchter, begleitet von den wunderschönsten Frauen. Doch Siddhartha verharrte in tiefer Meditation. Dann schickte Mara ihm die stärksten Waffen, um ihn zu verleiten: Zweifel, Lust, Feigheit, Verlangen nach Ehre und Ruhm. Doch Siddhartha verharrte wie ein Fels und sank tiefer und tiefer in die Meditation. Als er sich der tiefsten Bewusstseinsebene des Ichs näherte, knapp an der Grenze zu seinem unsterblichen Selbst, erschien ihm Mara als Person und sprach: „Wie kannst du es wagen, mein Reich zu verlassen?“ Doch Siddhartha argumentierte nicht. Er legte seine Hand auf die Erde und ließ diese für ihn antworten: Millionen von Stimmen verschiedenster Lebewesen schrien, er wäre gekommen, um sie von Trauer und Leid zu befreien. Dann glitt Siddhartha in die Stille und Unendlichkeit des Selbst, dorthin, wo alle Gedanken verschwinden, dorthin, wo Sinneseindrücke und Gefühle keinen Zugang haben. In diesem Zustand der Vereinigung mit allem und allem Nichts verharrte er die ganze Nacht. Bei Tagesanbruch begann der Baum vollends zu erblühen. Eine sanfte Frühlingsbrise bedeckte ihn mit Blüten. Er schlug die Augen auf. Seine alte Persönlichkeit als Siddhartha Gautama war verschwunden. Er war nun der Buddha, „jener, der erwacht ist“. Er hatte das Reich gefunden, in dem es keinen Verfall und keinen Tod gab, das Nirvāṇa.
Noch einmal versuchte Mara den Buddha zu verunsichern: „Denk daran, wie schwer es war, dieses Reich, das Nirvāṇa, zu finden! Glaubst du wirklich, dir kann jemand auf diesem schweren Pfad folgen?!“ Der Buddha begann zu zweifeln. Er blieb noch mehrere Wochen an dieser Stelle, um in Ruhe nachzudenken. Wie sollte er den Menschen, die wie Schlafwandler durch diese Welt gingen, klar machen, dass es ein Reich, einen Zustand gibt, wo all das Leid, der Schmerz und der Tod vorbei sind? Wie sollte er ihnen von einem Reich erzählen, das sie wahrscheinlich selbst nie sehen würden, da der Weg lang und beschwerlich ist? Langsam kam seine Zuversicht zurück. Erst dann gab er Mara eine Antwort: „Vielleicht werden mir ein paar zuhören. Ich glaube, dass der Staub, der auf den Augen der meisten Menschen liegt, nicht dick ist. Den können wir abschütteln. Jeder hat es verdient, ohne Leid und Trauer zu leben. Jene, die zuhören, werde ich das Dharma lehren, und jene, die ihm folgen, werden dadurch befreit werden.“
Dann brach der Buddha in die Welt auf, um zu lehren. Seine Lehre nannte er Dharma. „Ich nehme Zuflucht zu Buddha, Dharma und Saṅgha“, so rezitieren Buddhisten heute die drei Juwelen. Saṅgha meint die Gemeinschaft der Mönche beziehungsweise die Glaubensgemeinschaft.
Der Buddha machte es sich zur Aufgabe, die Welt von Leid und Schmerz zu befreien, quasi als eine Art Arzt, der alle Lebewesen auf dieser Erde heilen möchte. Sein großes Anliegen war es, seine Lehre, sein Dharma, allen zugänglich zu machen, egal von welchem Stand, egal aus welcher Kaste. Damit wollte er den Weg der Erleuchtung aus dem Elitären heben, wie er noch in den Upanischaden beschrieben war. Askese und das Leben eines Yogi sind nicht für jedermann möglich. Der mittlere Weg ist es schon. Der Buddha unterwies seine Brüder der Mönchsgemeinschaft und diese Unterweisungen wurden zunächst mündlich überliefert und dann niedergeschrieben. Seine Anleitungen, wie man das Ich befreit, durch alle Bewusstseinsebenen gelangt und schließlich seines Selbst gewahr wird, um fortan gut und gerecht zu handeln, weil man um die Vergänglichkeit aller Dinge und allen Tuns dieser Welt weiß, hat er in einfachen Worten und einfachen Regeln dargeboten.
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