Das geschichtsträchtige Griechenland war auch der Ort, wo sich meine Eltern kennenlernten. Mama als bekennende Fußball-Laiin hatte in Papa keineswegs den Profi erkannt. Es begegneten einander daher im Jahr 1987 nicht so sehr eine zukünftige Spielerfrau und ein Profikicker, sondern eine zufällig auf Mykonos urlaubende Wienerin und ein Tiroler Naturbursche.
Fast wie damals bei meiner Oma Johanna, die sich auch Zeit gelassen hatte, bevor sie eine Beziehung mit dem charmanten Bozner Walter Constantini einging, dauerte es auch bei meinen Eltern eine Weile, bis sich aus diesem ersten Kennenlernen etwas Ernsthaftes entwickeln sollte. Papa war zum Zeitpunkt jenes ersten Zusammentreffens bereits als junger Trainer tätig und verabschiedete sich anschließend kurzerhand für zwei Jahre ins Königreich Saudi-Arabien. Kurzerhand, wie so oft in diesem Geschäft, in dem nicht nur ein Job den nächsten jagt, sondern die beruflichen Stationen eben auch häufig auf verschiedenen Kontinenten lokalisiert sind. Er hatte sich mittlerweile dem Trainerdasein verschrieben, denn eine Achillessehnenverletzung hatte seiner Spielerlaufbahn nach insgesamt 198 Spielen in der österreichischen Bundesliga und sechs erzielten Toren ein Ende gesetzt.
„Es is a so, es is a Sucht. Trainer is a Sucht. I hab ja des nit erfunden, es ist oanfach so kemmen“, fasste Papa seine große Leidenschaft später in Worte.
Meine Mama, die er im Jahr 1991 dann heiratete, ließ ihn diese berufliche Leidenschaft stets voll und ganz ausleben. „Lieber einen glücklichen Mann, der unterwegs ist, als einen unglücklichen, der nur zu Hause sitzt“, meinte sie.
So begleiteten wir – Mama, meine Schwester Leni und ich – als Dreimäderl-Kommando Papa von allem Anfang an auf vielen seiner Reisen, weshalb unsere Wohnorte während unserer Kindheit in
regelmäßigen Abständen wechselten: Wien, Linz, Niederösterreich, Mainz, Mutters, um schließlich – zur Zeit meines Schuleintritts im Jahr 2002 – den Rest der Kindheit in Telfes im Stubaital verbringen zu dürfen. Damals entschieden die Eltern, unseretwegen doch sesshaft zu werden. Und während wir im Stubaital mit seinen eisigen Gletscherseen, bei spannenden Lagerfeuer-Abenden und Froschfang-Aktionen mehr als beschäftigt waren, trainierte Papa noch viele weitere Mannschaften.
Den Aktionismus, den er auch mir weitervererbt hat – und den ich an diesem Frühsommertag 2019 einmal mehr in mir spürte –, forderte er nicht nur von sich, sondern auch von seinen zahlreichen Spielern: „Wenn er nit rennt, kriegt er eh an Spitz in Hintern, und wenn er rennt, bin i wie a Löwenmutter“, sagte er oft. Aber obwohl er die 150 Prozent, die er sich einst auf der Bergiselschanze selbst antrainiert hatte, stets auch von seinem Gegenüber erwartete, verlor er niemals seine Menschlichkeit, die schon Branko Elsner so an ihm geschätzt hatte.
Bis heute nicht. Bis zu diesem heutigen Tag, an dem meine Gedanken herumirrten und die kleine Raupe immer wieder in ihren Mittelpunkt geriet. Mitten in der Klinik, unter den Piepstönen mir unbekannter Gerätschaften, zwischen Ärztekitteln und Türöffnern, dachte ich daran, dass es ein sehr kurzer Moment auf meiner Waldroute gewesen sein musste, in dem sich die kleine Waldbewohnerin an meinen Laufhosenzipfel gehängt haben konnte.
Nachdem ich erst wenige Minuten in dem für Kliniken typisch kühl wirkenden Warteraum verbracht hatte, beschloss ich, noch einmal nach draußen zu gehen. Schließlich würde in der nächsten Minute nicht viel passieren, und die Raupe hatte sich sicherlich nicht diesen Ort als endgültiges Reiseziel gewünscht. Wenn ich schon hier saß, ohne auch nur den geringsten Einfluss auf die Situation nehmen zu können, so wollte ich zumindest dem Schicksal meines blinden Passagiers eine positive Wendung geben.
Ein weiteres Mal also durch die Schiebetüre. Viel zu langsam öffnete sie sich. Behutsam setzte ich meine kleine, hellgelbe Kameradin auf der einzigen grünen Fläche vor dem Klinikgebäude ab. Wohin sie ihr Weg nun wohl führen würde? In diesem kurzen Moment erschien mir die kleine Raupe als normalster Teil meiner Gegenwart. Die nächsten Stunden, Tage und Wochen sollten mich vor eine vollkommen neue Normalität stellen. Wehmütig entließ ich das friedvolle Tier, und noch bevor die langsamste aller langsamen Schiebetüren sich hinter mir schloss, musste ich an ihren zukünftigen Weg denken: „Auf bald, als Schmetterling!“, möglicherweise ...
Germar, Johanna, Dietmar, der kleine Elmar, Walter und Oskar Constantini (von links) Foto: Constantini
Johanna „Hanni“ Constantini kümmerte sich gemeinsam mit ihrem Mann Walter um ihre vier „Burschen“. Foto: Constantini
Opa Walter mit seinen Söhnen Dietmar, Oskar und Germar (von links) Foto: Constantini
Papas Mama Johanna sorgte sich Zeit ihres langen Lebens liebevoll um ihre „Burschen“... Foto: GEPA
... und unterstützte Papa als Fußballkennerin nicht nur, indem sie ihn über die Schiedsrichter informierte. Foto: GEPA
Walter Constantini förderte seinen Sohn Dietmar, wo er nur konnte. Er selbst war Fan der italienischen Mannschaft Juventus Turin. Foto: Constantini
Für seinen Aktionismus war mein Papa Zeit seiner Karriere bis über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Foto: Norbert Schmeisser
Tivoli 2016: Lange erinnerte eine Erfolgstafel an Papas Zeiten am Innsbrucker Tivoli. Foto: Constantini
Dank seines Ehrgeizes war Papa als Spieler vielen voraus. Foto: Sündhofer
Als junger Spieler erreichte Papa (ganz links im Bild) je zwei Österreichische Jugend- und Juniorenmeistertitel sowie acht Teilnahmen an UEFA-Spielen, sechs Auftritte beim Amateur- und fünf beim Olympiateam. Foto: Constantin
Lehrabschlussbild 1974: Das Zeichnen und Malen hat Papa im späteren Erwachsenenalter wiederentdeckt. Foto: Constantini
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