„Sie ist hübsch!“ sagte Napoleon zu den Generalen.
„Der Kommissar Lambert, Majestät, hat bereits die Receveurs unserer Hauptkassen abgesetzt, sich von unseren Ämtern Handtreue leisten lassen, uns unsere Salpetergruben weggenommen und den Salpeter an die Würzburgische Armee verschoben . .!“
„Die ganze Armee des Erzherzog-Grossherzogs von Würzburg zählt zweitausend Mann!“ rief verächtlich der Kaiserliche Brigadier Viktor Praunheim-Kestrich. Seine Base sprudelte weiter:
„Die Walburgi-Steuer hat man uns für meinen Vetter, den Herrn Rheinbundfürsten, beschlagnahmt — das schöne Judenschutzgeld — das Fleisch-Accis — die Wiesenpacht . . .“
„Madame . .“
„Ja — da wundern sich Euer Majestät . . . Unser Ölzins ist weg — die Zehndhämmel — die Mehlwage — alle Gülten und Laudanien . .“
„Genug, Madame . . .“
„Der Leibschilling, die Rauchhühner, das Besthaupt, der Novalzehnde . .“
„Um Gottes willen . . . hören Sie auf . .“
„Nur zwei Worte, Majestät . . . Man will uns die Wappenknöpfe nehmen! Unsere Diener sollen die Kestrichsche Nationalkokarde an den Hüten tragen! Meine Brüder dürfen die Krähensteinsche Familien-Uniform nur noch im Innern des Schlosses anlegen! Unsern Hausorden von der Fidelité sollen wir nicht mehr an Darmstädter und andere Ausländer verleihen . . .“
„Madame, eine Kanonade ist mir lieber . .“ Der Kaiser der Franzosen hielt die edelgeformten, kleinen Hände vor die Ohren. Aber dann hörte er doch wieder der hübschen, erhitzten Reichsgräfin zu, die sich flehend über den Kutschenschlag beugte.
„Sire . . . was soll denn aus uns werden? Um mich ist mir nicht bange! Ich knie in Andacht vor Ihrem Genius! Ich folge ihm durch Europa! Ich werde einfach Marketenderin in Ihrer Grossen Armee! Aber Grand’maman! Aber meine Brüder — diese unfähigen — ein Tänzer und ein Bücherwurm . . . Und das alles wegen meines Vetters Viktor! . . . Nein, Sire, wenn die Krähensteinsche Semperfreiheit erlöschen soll, dann lieber Französisch als Praunheim-Kestrich’sch!“
„Was sagen Sie dazu, General Praunheim?“
„Sire: auch der jetzige Rheinbundfürst Isenburg-Birstein hat, im Grundvertrag von St. Cloud, genau vor einem Jahr, mit Genehmigung Eurer Majestät seinem Reich die Isenburgschen Besitzungen der Linien Büdingen, Wächtersbach und Meerholz einverleibt!“
„Davon wird der Fall nicht besser!“ rief die Reichsgräfin Eliza und warf sich leidenschaftlich in den Staub der Strasse nieder. „Sire . . . Sie sind gerecht — Sie sind grossmütig — Sie sind der Richter der Welt — im Grossen wie im Kleinen — ich liege vor Ihnen auf den Knien . . .“
Mit dem wohlgelaunten, fetten, kleinen General in grünem Jägerfrack und schwarzem Dreispitz drinnen im Wagen ging eine Wandlung vor. Er hörte nicht mehr recht hin. Der gelbe Marmor seiner Züge beschattete sich grüblerisch. Plötzlich fiel ihm etwas ein — irgendwo in Europa — der Brückenkopf über die Elbe bei Wittenberg — Getreide für Junots Territorialtruppen in Estremadura — der verschwenderische Kaffeeverbrauch in den Tuilerien — die Absetzung der Könige von Portugal und Etrurien . . neue Brotbeutel für die Garde-Pontonniers . .
„Stehen Sie auf, Madame!“ sagte er trocken. „So wichtige Dinge bricht man nicht übers Knie! Reichen Sie ein Memorial ein — hier — an den Grossmarschall Duroc! Zu Ende der Campagnezeit — gegen Weihnachten dieses Jahres — bringen Sie sich persönlich bei mir in Paris in Erinnerung! Ich werde dann entscheiden . . .!“
Die Gräfin Praunheim stand mitten auf der Landstrasse, klopfte sich die weissen Knieflecke aus dem blauen Tuchrock und schaute, tief aufatmend, dem rasch kleiner werdenden Staubgewimmel von Mamelucken, Gendarmen und Wagenrädern in der Ferne nach. Dann blinzelte sie zu ihrem Vetter empor. Der mannesschöne, schwarzschnurrbärtige Brigadier sass schon, in Regenbogenpracht strahlend, auf seinem hochbeinigen Hengst.
„Monseigneur . . .“ Ein tiefer Knicks. Ein Neigen des Schutenhuts unten. „Es war mir eine Ehre . .“
„Sie spotten zu früh, Kusine! Noch haben Sie beim Kaiser nicht gewonnenes Spiel!“
„Aber einen Stein im Brett! . . . Meine Sache marschiert! Auf Wiedersehen in einem halben Jahr in Paris, Herr Vetter!“
Der Husarengeneral oben hob förmlich die weissbehandschuhte Rechte zur Pelzmütze.
„Darf ich Sie bitten, hier die Sauvegarde zu erwarten, die ich Ihnen ohne Verzug aus Tilsit senden werde!“ sagte er kalt. „Wie auch unsere persönlichen Beziehungen sein mögen . . . Sie sind eine Praunheim . . .“
„Euer Durchlaucht geruhen zu irren! . .“, sprach das Fräulein, unten ehrerbietig. „Dero gehorsame Dienerin schreibt sich Demoiselle Dullenkopf . .“
„Sie können nicht als eine Aventurière . .“
„Ich bin ehrbare Modeschneiderin, mein Prinz . . .“
„. . . sich im Kriegsgetümmel Missverständnissen aussetzen.“
„. . . . denen ein sittsames Frauenzimmer mit bei sich habendem ordinären Pass unschwer entgeht! Es war mir ein Glück, Ihnen aufzuwarten, gnädiger Herr . .“
„Sie wetzen Ihren Witz umsonst an mir, Kusine!“
„Ich reise heute noch mit meiner Freundin . . .“
„Ihrer Kammerjungfer vermutlich . .?“
„. . einer bescheidenen Putzmacherin gleich mir, nach Mainz zurück und empfehle mich dem hohen Herrn Rheinbundfürsten zu Gnaden . . .“
„Sie weisen das standesgemässe Geleit ab, das ich Ihnen biete?“
„Es wäre für mich zu viel der Ehre! Ich verabschiede mich mit untertänigstem Kompliment von meinem Herrn Landesvater . . .“
Der Mars im Sattel oben unterdrückte einen Lagerfluch. Er hieb seinem Mecklenburger den rechten Sporn in die Weiche und stob im Galopp davon. Sein Pantherfell flatterte. Der Reiherstutz wehte. Der Türkensäbel tanzte. Die Gräfin Eliza nickte ihm, befriedigt die kleinen, weissen Zähne zeigend, nach und schaute um sich. Die goldbetressten Hüte des Marschalls Lacroux und seines Gefolges dunkelten weit da drüben aus einem weissen und blauen Gewoge sächsischer und bayrischer Offiziere. Aber dicht vor der jungen Praunheim war aus dem Staub des Bodens eine düstere Gestalt in Ottermütze und Elenwams, mit juchtenen Waldstiefeln, aufgewachsen. Die wetterbraunen Züge des Kandidaten Juel Wisselinck färbten sich fahl. Er hatte die Arme über der Brust gekreuzt. Er mass die Reichsgräfin aus seinen wilden blauen Augen vom Hutband bis zur Schuhschleife.
„Napoleonsmagd . . .“ sprach er.
Die Gräfin Eliza verschränkte wie er die Arme über der Brust und hielt fest seinem Blick stand.
„Was geht das Ihn an?“ fragte sie hochmütig.
„Oh — ich weiss es . . Es sprach sich schon im Krug herum. Sie stammen aus einem regierenden Hause, das sich Praunheim nennt . .“
„. . . seit Karls des Grossen Tagen, mein Herr!“
„Es soll viele solche Zaunkönige da draussen im Reiche geben!“
„Aber keinen vornehmeren als wir . .“
„Um so schimpflicher, dass Sie sich zur Erde bücken, dem Eroberer die Schuhriemen zu lösen! Das ist das deutsche Mädchen, das ich in Ihnen sah! . . Das ist die Patriotin vom Rhein, die ich bewunderte! . . Blutiger wurde noch nie ein Mann enttäuscht! . . Mein Herz ist voll Bitterkeit, Madame, weil ich es zu früh und freimütig erschloss . . .“
„Lassen Sie jedem seine Art zu leben!“ sagte die Standesherrin kühl. Der junge Mann lachte auf.
„Kniet nur vor dem apokalyptischen Tier!“ sprach er grimmig. „Betet ihn an, den kleinen, fetten Zauberer, der keine Schlacht verliert! Wissen Sie, wie es in dem Trauerspiel des Herrn Professor Schiller heisst: ,Ich verachte dich — ein deutscher Jüngling!’ Ich bin ein Preusse . . .“
„Und was ist Preussen?“ Die Reichsgräfin vom Rhein reckte kampflustig den hübschen, braunen Kopf. „Euer Preussen, mein Herr, war! Es ist nicht mehr! Sein König musste sich Napoleon unterwerfen, sein Heer ist zerschellt, sein Adel gebrochen, sein Land verwüstet, seine Kassen leer, seine Städte vom Feind besetzt! . . . . Was hat es noch für einen Sinn, Preussen zu dienen — mit Lebensgefahr zu dienen — wie Sie?“
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