„Sie sind deutsch von Art und Geblüt! Sie haben es herrlich an mir bewährt . .“
„. . . aber da draussen steht er ja . . . Ihr Feind von der Pariser Geheimpolizei!“
„Er hat mich schon längst bemerkt!“ Der junge Mann schob sich das holländische Pfeifchen zwischen die weissen Zähne und paffte . . . „und ist knurrend weiter gehinkt wie ein Köter, der seinen Knochen verloren hat! Seit gestern ist Friede! Da wagt sich der geheime Monsieur mitten in Preussen nicht so leicht an einen Preussen heran wie im Krieg drunten in der sächsischen Wasserpolackei!“
„Und da placieren Sie sich hier sans gêne mitten unter die Franzosen?“
„Kann ich denn anders? Ich reise in höchster Eile! Aber die Strasse nach Tapiau ist vorläufig gesperrt! Die Posten scheuchen, bis der Napoleon durchpassiert ist, jeden, der nicht Subjekt des Kaiserreichs ist, mit Pulver auf der Zündpfanne zurück!“
„Deswegen können auch wir nicht weiter!“ sprach die Demoiselle Dullenkopf. „Märtche — du Aff’ — was gibt’s denn schon wieder zu pruste?“
„Ach — das ist zu komisch, wie ihr beide euch alleweil anguckt!“ Die kleine Blonde platzte heraus. Die zarte Braune wurde wieder heftig rot. Auch die wetterversengten Wangen des Kandidaten Wisselinck durchblutete ein heisser Hauch. Er trommelte verwirrt mit den Fingern auf den Tisch, leerte sein Schnapsglas und schaute angelegentlich zum Fenster hinaus. Und ebenso die braune Mainzer Modistin in die Ecke drüben, wo ein Haufen Rosstäuscher und scharlach über dem Helm geschweifter Kürassiere einander in leidenschaftlicher Gebärdensprache die Preise ihrer kriegslahmen Gäule an den Fingern vorzählten.
Und dann schauten sich die beiden, der Kandidat und die Putzmamsell, doch plötzlich wieder durch Zufall an und kamen nicht voneinander los. Und der junge Mann stützte, träumerisch in sein Gegenüber verloren, das blonde Haupt in die hohle Hand und sagte langsam:
„Einem Mädchen wie Ihnen wollte ich schon lange begegnen. Das habe ich geahnt! Das war mir vorbestimmt. Anders als die flachsgelben Marjellen hier — dunkel und zart — und eben doch eine rechte, tapfere Deutsche! Da sieht man erst, wie gross Deutschland ist und wie reich! Ich weiss ja nichts vom Rhein da unten und von den deutschen Nationen, die an seinen Ufern wohnen! Aber wenn erst einmal wirklich Friede in Preussen ist, dann besuche ich euch, ihr Kinder! . . Und Sie zeigen mir alles, was es Schönes — sogar ausser Ihnen noch — dort am Rhein gibt! Ich darf doch kommen, trautstes Fräulein?“
Die Demoiselle Dullenkopf sah vor sich nieder. Der zarte Ausschnitt ihres weissen Empirekleides wogte heftig. Eine kaum merkliche Bewegung des braunen Kopfes konnte für ein „Ja“ gelten. Die andere stiess mit ihrem Schutenhut an das Ohr der Freundin.
„Bettinche“, flüsterte sie. „Pass’ doch Obacht! Du verliebst dich ja! Aber schon bis über die Ohre . . .“
„Hab’ ich dich gefragt?“
„Und er sich erst recht! . . . Aber das hab’ ich schon seit der Weichsel bei dir gemerkt! Seitdem hat’s dich . . . vom erste Augeblick an!“
„Märtche . .“, sprach die Braune leise und blass, während der ihr gegenüber in Nerzkappe und Elenwams befangen durch die Scheibensplitter des Fensters ins Blaue hinaussah. „So ungern ich es tu’! . . . Es ist das erstemal — aber ich muss dich an den Abstand zwischen uns erinnern . .“
„Ei was! Wir sind zwei Putzmädle vom Rhein . . .“
„Missbrauche nicht mein Vertrauen!“
„Ich bin ein rheinisch Kind — und solang wir Fastnacht spiele und ich Narrefreiheit hab’, da gebrauch’ ich sie und sag’: Bettinche — Hand aufs Herz: — Du bist verschosse! . . In den Preussen drüben . . . und er in dich!“
Der junge Mann wandte den sonnenbraunen, festkantigen Blondschädel vom Fenster ab und verlor sich wieder in den Anblick der Demoiselle Dullenkopf.
„Sie wären würdig, eine Preussin zu sein!“ sprach er ernst und langsam. „Das klingt vermessen — jetzt — wo es seit gestern die Raben auf dem Felde ausschreien: Finis Borussiae! . . . Auch mein Gemüt war tief bedrückt und ohne Hoffnung . . . Aber wunderbar: Seitdem ich Sie wiedergefunden habe, habe ich auch neuen Mut in mir gefunden . . .“
„Oh — ich begreife . .,“ fuhr er fort, „dass Sie verwirrt vor sich auf die Tischplatte niederschauen und schweigen! Wozu sollten Sie erst reden? Ihre Taten sprechen für Sie! . . Glauben Sie mir, Sie unverzagte Patriotin: Was Sie an der Weichsel für mich taten, das taten Sie für Preussen . . . wenn auch leider Gottes umsonst.“
„Jesus Maria und Josef, Bettinche“, das Märtche Zipfler flog wie ein blonder, kleiner dicker Ball vom Sitz in die Höhe. Ihr Zeigefinger zitterte in der Richtung nach der Heerstrasse. „Merkst’ was, wer da angaloppiert kommt . . .?“
„Wer denn, um Gottes willen — Märtche?“ Die Demoiselle Dullenkopf stand langsam, ungläubig auf und beschattete mit der Hand die Augen.
„Er selber . . .“
„Nein!“
„Ha doch! Der hat uns hier gerad’ gefehlt!“
Die Strasse von Tilsit her fegte in geräumigen Sprüngen seines Hengstes ein General der Grossen Armee. Er ritt einen mächtigen, goldbraunen, langschweifigen Mecklenburger, der feurig die sechs Fuss Länge seines Herrn trug und kurz verhalten wie ein flankenzitterndes Steinbild stand. Der Reiter schwang sich, in der Behendigkeit eines Mannes von kaum Mitte Dreissig, mit beiden Beinen gleichzeitig aus Sattel und Bügeln, warf über die Schulter weg den Ordonnanzen die Zügel zu und trat, hoch, breitschultrig, schmalhüftig, ein Kriegsgott selber, vor den Marschall Lacroux hin. Ein dunkler Schnurrbart wirbelte sich in seinem schönen, regelmässigen Gesicht unter der hohen Pelzmütze mit der an goldener Agraffe wippenden Reiherfeder. Reiche Goldverschnürung überglitzerte seine lichtblaue Husarenuniform bis zu der Stickerei auf den goldbordierten purpurnen Reithosen. Noch die Sporen an den spiegelnd schwarzlackierten Kniestiefeln waren von Gold. Rubinaugen glühten aus dem goldenen Löwenkopf seines krummen Damaszenersäbels. Um die linke Schulter schaukelte ihm ein lose umgehängtes echtes Leopardenfell mit zähnefletschendem Rachen.
Der Marschall Lacroux eilte, ganz gegen seine barsche und kalte Troupierart, dienstbeflissen dem Brigadier der Kavallerie entgegen. Auf der rechten Brust des goldblauen Husaren vor ihm flammte der fünfstrahlige, brillantenbesetzte Silberstern der Grossoffiziere des Ordens der Ehrenlegion. Und unter dem Pantherfell hervor schlang sich ein breites Orangeband von der rechten Schulter zur linken Hüfte, und darüber strahlte, auf dem Herzen, das achteckige Gefunkel eines fürstlichen Hausordens. François Bienassis’, des Geheimagenten, Schattenaugen erkannten, hinter dem Marschall vor, das Grosskreuz des Praunheimschen Familienordens de la noble passion, mit den Donnerkeilen in den Fängen des fliegenden Adlers und der Rundschrift: ,Virtute bellica!’ Der Spion krümmte seinen feisten Leib zu einem untertänigen Diener, während ihn der Marschall vorstellte und hinzusetzte:
„Ihnen, Monsieur Bienassis, der, wie Ihr Herr und Meister Fouché, alles weiss, ist es natürlich auch bekannt, dass Seine Durchlaucht, Fürst Viktor von Praunheim-Kestrich, wiewohl regierender Fürst des Rheinbundes, doch, um seinem Drang nach soldatischen Lorbeeren zu genügen, als General in der Grossen Armee dem Kaiser dient!“
„Als Krieger dem Kriegsgott selber!“ sagte der schöne, hochgewachsene deutsche Fürst und streifte sich den weissen Stulphandschuh von der Rechten. „Ihre Befehle, mein Marschall? Sie liessen mich Hals über Kopf aus Tisit rufen . .“
„. . . weil nur Ihre Gegenwart, mein Fürst, die dringende Frage klären kann, ob dieses hübsche, brünette, junge Frauenzimmer, die eben dort drüben aus dem Krug tritt, eine grosse Dame oder eine Abenteurerin ist!“
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