Der General Lacroux trat zu dem vorderen Wagen.
„Stehen Sie auf, Demoiselles, wenn ich mit Ihnen spreche!“ befahl er kurz. „Sie haben Glück! Die Grossmut Frankreichs lässt Gnade für Recht ergehen! Sie erhalten die Erlaubnis, ungesäumt nach Mainz zurückzukehren! Schlagen Sie sofort, nachdem Ihre Pässe umgeschrieben sind, von hier aus den Weg nach Skaisgirren ein! . . . Sehen Sie mich nicht so schnippisch an! Kein Wort mehr! Sie sind französische Bürgerinnen! Sie befinden sich in der Zone des französischen Kriegsrechts! . . Lassen Sie sich das gesagt sein! Gute Reise!“
„In einer Stunde gehorche ich mit Vergnügen, mein Marschall!“ sprach die Demoiselle Dullenkopf sanft und setzte sich wieder. „Vorher muss ich noch hier den Kaiser sprechen!“
„Sind Sie toll geworden?“
„Wegen dieser Konversation tat ich ja die Reise! Die Fahrt nach Danzig war nur ein Vorwand!“
„Und Sie bilden sich ein, der Kaiser hat auch nur einen Blick für leichtfertige kleine Frauen Ihres Schlags, die im Biwak die Gemüter seiner Soldaten verwirren? Wolle einer der Herren, die Deutsch sprechen, dem Kutscher befehlen, im Galopp mit diesen beiden Abenteurerinnen nach Skaisgirren abzufahren. Die Pässe folgen nach.“
„Ich bleibe hier — und wenn man mich totschlägt . .“ Die Demoiselle Dullenkopf kletterte eilfertig aus dem Wagen und stand blass, die kleinen Fäuste geballt, rebellisch aufgereckt, mit den schwarz bebänderten Halbschuhen tief im weissen Staub. Der General Napoleons verzog keine Miene.
„Wir sind mit den Preussen fertig geworden!“ sagte er. „Wir werden auch mit Ihnen, Demoiselle, noch fertig werden! . . Hebt das Hühnchen wieder in den Wagen . . . Tausend Donner . . . Es widerstrebt mir, Gewalt gegen eine Frau anzuwenden! . . Nehmen Sie Vernunft an . .!“ Er furchte grimmig die Stirne. „Der gesunde Menschenverstand müsste Ihnen doch sagen, dass Personen Ihrer Art der Zutritt zum Kaiser verschlossen ist . . Halt! . . Nähern Sie sich mir nicht! Sie sind hübsch — ich gebe es zu aber ich wünsche keine Küsse! Wie? Nur zwei Worte ins Ohr . . .?“
Der Marschall Lacroux neigte seinen Zweispitz unwirsch zu den roten Lippen der Demoiselle Dullenkopf. Er presste den bartlosen, willensfesten Mund beim Zuhören immer nachdenklicher zusammen. Der Ausdruck seiner Züge blieb kalt und unbewegt. Aber aus den schwarzen Augen glitt ein jäher, unwillkürlicher Blick höchster Überraschung an dem jungen Frauenzimmer hernieder.
„Haben Sie irgendeinen Beweis für das, was Sie da behaupten?“ frug er leise und schnell.
„Ich weiss, dass im Gefolge des Kaisers Generale genug sind, die mich von Frankfurt und Mainz her kennen!“
„Und wenn dies eine Finte ist, Madame — wenn Sie doch wirklich die kleine Schneiderin Dullenkopf aus Mainz sind — wenn ich eine Unwürdige vor das Angesicht Napoleons liesse — nein — das ist unmöglich . .“
„Ebenso unmöglich, mein Marschall, dass Sie mir die Hilfe Frankreichs verweigern, nachdem Sie wissen, wer ich bin! Ich stehe, wenn nicht heute, so doch über kurz oder lang vor dem Kaiser! Und dann würde es Ihnen, schon aus Rücksicht auf die Rheinbundfürsten, übel vermerkt werden, dass Sie eine Fremde meiner Distinktion hier als fahrendes Fräulein behandelten!“
„Gut denn!“ Der Franzose hatte, mit der Schnelligkeit des Truppenführers, überlegt. „Ich weiss einen Ausweg! Wer ist dies hier? Ihre Zofe? Vortrefflich! Warten Sie mit ihr, wenn es beliebt — nur eine Viertelstunde, Madame! — in der Herberge hier gegenüber das Weitere ab!“
Der brutale junge Marschall geleitete, zum Staunen seines Stabs, die beiden Putzmamsellen persönlich zu dem Krug an der Heerstrasse von Tilsit nach Tapiau und beurlaubte sich am Eingang mit einem gemessen-achtungsvollen, zurückhaltenden Handgriff an den goldbetressten Hut. Durch die scheibenlos schwarzen Fensterhöhlen des schmutzigen Wirtshofs, den die Demoisellen röckeraffend betraten, wehte der Sommerwind, durch die weissen Sparren der abgedeckten Dächer schien die Julisonne in die leeren Ställe und Scheunen, aber hinten am Schanktisch klirrten dem schwitzenden, hemdsärmeligen Litauer die Soustücke mit der phrygischen Freiheitsmütze in den Kasten wie vorher, beim Rückzug der verbündeten Heere, die adlergewappneten preussischen Groschen und die russischen Kopeken mit dem heiligen Georg. Die grosse niedere Wirtsstube war gedrängt voll. Auf deutsch, polnisch, litauisch, französisch, jiddisch, italienisch wurde gezankt und geflucht, an den Tischen geschmust, in den Winkeln wurden Wechsel gekritzelt, im Hof draussen noch, neben dem Misthaufen, Geldkatzen aufgenestelt und geheimnisvolle Säcke zugebunden.
„Alleweil sind sie doch hinter der Armee beim Pferdehandel, Märtche!“ sagte die Demoiselle Dullenkopf in der Ecke, in die sie sich vor den bunten Uniformen und schwarzen Kaftanen, den weissen Stallmänteln der Rosskämme und den flaschengrünen Fräcken der Agioteure und Negozianten hineingedrückt hatten. „Guck’! Da unterm Tisch weise sich die böse Bube heimlich als schon silberne Leuchter . .“
„. . . und die Welsche’ in den Bärenmützen schachern gar mit ganzen Vliessen, die sie den Hammeln auf der Weide abgeschore’ habe!“
„Und wir hocke’ hier im Prison! Da draussen, vor der Tür, promeniert unser Monsieur Bienassis als Schildwach’ auf und ab . . .“
„Aber er macht einen scheppen Buckel und schielt nur so verkniffe’ zu uns herüber wie die Euľ am Mittag . . . Bettinche . . . dem Oos ist nit wohl zumut’ . . .“
„Wenn ich nur wüssť, was der Marschall vorhat! . . Da! . . . Eben gibt er einem Offizier einen Befehl . .“
„Der sitzt auf und galoppiert davon . . . In der Richtung nach Tilsit . . . als ob es brennen täť! . . Jetzt sieht man ihn nicht mehr im Staub . . . Bettinche . . . warum wirst du denn auf einmal so feuerrot?“
„Ich — warum nit gar?“
„Was siehst du denn dort drüben in der Wirtsstub’?“
„Nix! Jetzt weisst du’s!“
„Ach — du liebe Zeit . .“ Das dralle Märtche schnellte halb vom Holzschemel empor. „Da sitzt er ja . . der Preuss’ von neulich . . von der Weichselfähr’ . . . Jetzt wirst du auf einmal wieder weiss wie Quarkkäs’, Bettinche — was hast du denn?“
„Ach! Lass mir mein’ Ruh’, du Gackerlies . . .“
„Jetzt sieht er dich auch! Jetzt guck’ nur, was das dem Mann für ein Pläsier macht! Da geht gerad’ die Sonne auf dem seiner Visage auf . . .“
„Schau’ doch nicht immer hin!“
„Du guckt ihm ja gerad’ fortwährend in die Augen! Und er dir! . . . Jetzt steht er auf! Er kommt hierher! . . . Jesus — der Herr Musterreiter hat sich aber arg verändert!“
Der Kandidat Juel Wisselinck trug eine Kegelmütze von vermottetem Sumpfbiberpelz auf dem scharfkantigen, bartlosen Blondkopf, und um den hageren, sehnigen Körper eine enge Joppe aus weichgegerbtem, dottergelbem, zähem Elentierleder. Mit schweren Halbstiefeln an den wollgrau behosten Beinen, sonnenverbrannt, sah er aus wie ein herrschaftlicher Urwaldförster oder Wildnisbereiter. Seine blauen Augen lachten. Er trug seine kurze, bläulich qualmende holländische Tonpipe in der einen, sein dickes, grünes Schnapsglas in der anderen Hand, pflanzte beides auf den Tisch der beiden Modeschneiderinnen, nahm unbefangen neben ihnen Platz und quetschte die zarten Finger der Demoiselle Dullenkopf mit einem stürmischen Druck.
„Dank, deutsches Mädchen!“ sprach er frisch und frei. „Neulich — am Weichselufer — war keine Zeit dazu! . . . Ich musste mich sputen, den Fluss zwischen mich und diese Pariser Canaille samt ihren Schlachzizen zu legen!“
Die Demoiselle Dullenkopf wurde wieder dunkelrot. Sie konnte sich nicht helfen: sie musste den Fremden sofort wieder Warnen . . .
„Drehen Sie sich ja nicht um!“ versetzte sie leise und schnell. „Es ist unrecht von mir . . . als Mainzerin . . als französische Citoyenne . .!“
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