Die Demoiselle Dullenkopf schritt, mit ihrem langen blauen Tuchrock achtlos den Staub aufwirbelnd, rasch, blass, gereizt wie eine Katze, quer über die Strasse auf den Marschall Lacroux zu. Sie funkelte den rauhen Haudegen, vor dem seine Generale und Soldaten zitterten, kampflustig, den Kopf im Nacken, aus ihren braunen Augen an.
„Ich beglückwünsche Sie, mein Marschall!“ versetzte sie atemlos und erbittert. „Ihre Strategie führt mich hier mit dem einzigen Mann der Grossen Armee zusammen, den ich vermeiden musste, wegen dessen ich diese Verkleidung als kleine Putzmamsell wählte . .“
„Es war der einzige Weg für mich, festzustellen, Madame, ob der hohe Name, den Sie sich beilegten . . .“
Der Kaiserlich französische Brigadier der Kavallerie, Fürst zu Praunheim-Kestrich, stand hochaufgereckt, ein farbenprächtiger, schnurrbärtiger, in der Sonne glitzernder Mars, breitbeinig auf seinen mächtigen Türkensäbel gestützt. Er lächelte ironisch und mass die kleinbürgerlich gekleidete junge Frauensperson vor ihm mit einem spöttischen Blick seiner dunkeln Augen.
„Die Dame spricht die Wahrheit, mein Marschal!“ sagte er. „Es ist meine Kusine Eliza aus dem bisher regierenden Hause Praunheim-Krähenstein, Freie Gräfin und Standesherrin des ehemaligen heiligen römischen Reiches deutscher Nation!“
„Meiner Treu, Euer Gnaden!“ Der Marschall Lacroux, der einstige Lyoner Metzgergeselle, führte, vor den erstaunten Augen der Grossen Armee, galant wie ein Marquis der alten Zeit, die Fingerspitzen dieser kleinen Bürgerin an seine Lippen. „Wer könnte Ihnen leichter Ihren Wunsch, vor Napoleons Auge zu treten, erfüllen als hier der Fürst, Ihr Vetter? Er steht bei dem Kaiser in hoher Gunst!“
„Das hiesse allerdings den Bock zum Gärtner machen!“ sagte die junge Reichsgräfin von Praunheim mit zornfeuchten Augen. „Vor meinem Herrn Vetter hier suche ich ja gerade Zuflucht bei dem allmächtigen Mann, dessen Wille Europas und Deutschlands Landkarte neu ordnet! Im Namen meiner unterdrückten Familie will ich bei ihm, dem erhabenen Protektor des Rheinbunds, gegen diesen Herrn Vetter Klage erheben, der sich nur durch den Adel seines Namens von dem Schinderhannes und anderen Räubern am Rhein unterscheidet!“
„Mässigen Sie sich, Kusine! Sie sprechen von einem General Frankreichs!“
„Dieser Herr Vetter — allezeit Mehrer seiner Lande auf Kosten seiner eigenen Verwandten — würde alles aufgeboten haben, um mich von hier fernzuhalten, hätte er geahnt, dass ich auf dem Marsch war und die Wahrheit mit mir! Die Wahrheit, wie es im Hause Praunheim zugeht, vor die Ohren des Kaisers der Franzosen! Jetzt werden Sie leider nicht Ihre prahlende Uniform zwischen den grossen Mann und mich drängen können, mein armer Vetter Viktor! Jetzt ist der Kaiser auf dem Weg hierher . . .“
„Man hört schon die fernen Hochrufe!“ murmelte, vorsichtig zurückhaltend, um es vorläufig mit keinem der beiden Häuser Praunheim zu verderben, der Ex-Abbé und Ex-Jakobiner François Bienassis. „Man steht schon die Staubwolke auf der Strasse!“
Die Heerstrasse war weithin zu beiden Seiten — überschwemmt von den weissen, blauen, roten, grünen Farbenwellen der aus den Biwaks herangeströmten Regimenter. Viele Tausende von Armen fuchtelten in der Luft und schwangen ebenso viele Tausende von Tschakos und Czapkas, Helmen und Bärenmützen, Zweispitzen und Kalpaks. Ein tausendstimmiges Jubelgeschrei lief gleichmässig mit der staubwirbelnden Wagenreihe mit, verklang hinter ihr und schwoll vor ihr bei ihrem Näherkommen an — stärker — immer stärker . . .
Da . . ein Blitzbild aus dem Morgenland — vorbeiflitzend in ihren Turbanen, wie ein bunter Papageienschwarm, die Mamelucken, dann ein trabendes Gewimmel goldener Fangschnüre, roter Rossschweife, blitzender Kürassiere . . . dahinter — langsamer rollend — jetzt — bei dem Marschall Lacroux haltend, ein offener, achtspänniger Wagen.
Die Gräfin Praunheim-Krähenstein hastete an den starr auf den Sattelpferden sitzenden grüngoldenen Kutschern vorbei. Sie stand vor der Feldequipage Napoleons. Sie fasste, die Ellbogen spreizend, ihren Tuchrock rechts und links mit den Fingerspitzen. Sie sank in einer ehrfurchtsvollen Verbeugung zusammen. Sie machte nicht das alltägliche französische Kompliment, sondern — nach dem Wiener Hofzeremoniell des alten Deutschen Reichs — die feierliche spanische Reverenz mit kreuzweis gebogenen Füssen bis zur Erde, und wiederholte sie unterwegs noch zweimal, bis sie an den Kutschenschlag herantrat.
Aber schon drängte der Korporal der Elite-Gendarmerie, der Nachhut des kaiserlichen Gefährts, ihr die breite Brust seines riesigen, normannischen Apfelschimmels entgegen. „Zurück, Madame!“ herrschte es unter seinem Schnauzbart. Zugleich sprang atemlos ein goldbetresster Würdenträger des Kaiserreichs aus der aufgestossenen Wagentüre. „Zurück, im Namen aller Teufel — Madame!“, zischten seine feinen, bartlosen Diplomatenlippen. Gerade jetzt vor drei Jahren hatte der Grossmarschall Duroc, als sich bei Abbeville, auf der Landstrasse in Nordfrankreich, Madame Charlotte Encore dem Kaiser zu Füssen warf, durch den dünnen Batistärmel der jungen Witwe noch rechtzeitig das vergiftete Stilett schimmern sehen. Die schöne Madame Encore war im Gefängnis gestorben, ohne dass man jemals ihren wahren Namen erfuhr. Aber seitdem durfte kein patriotisches Frauenzimmer mehr sich Napoleon mit der Bitte, ihn umarmen zu dürfen, nähern.
Doch von der anderen Seite des Wagens hatte der Marschall dem Kaiser rapportiert. Der kleine, gedunsene, gelbliche Mann machte eine kaum merkliche Bewegung des Cäsarenkopfs unter dem Zweispitz. Die Reichsgräfin Praunheim stand vor dem kleinen Korporal im ordenslosen, hellgrünen Frack der Jäger zu Fuss über der weissen Weste. Sein Blick wurde wohlwollender, als er sah, wie hübsch sie war. Ein Lächeln des feingeschnittenen Mundes gab ihr die Erlaubnis zu reden. Eliza Praunheim hielt die gefalteten Hände vor der Brust. Ihre Stimme flog, um die kostbaren, unwiderbringlichen Minuten auszunützen . . . . .
„Die Gnade Eurer Majestät hat auch geringere deutsche Souveräne der Aufnahme als Fürsten des Rheinischen Bundes gewürdigt — den Grafen von der Leyen, der nur viertausendfünfhundert Seelen hat — die beiden Salme — den Fürsten Isenburg! . . . So auch meinen Vetter Viktor hier — den Praunheim-Kestricher! Sein Gebiet ist nicht grösser als das unserer Krähensteiner Linie des Hauses Praunheim! Auch wir Krähensteiner, Sire, herrschen über ein Städtchen, sieben Flecken, acht Schlösser, achtundfünfzig Dörfer, Höfe und Mühlen!“
Der Kaiser der Franzosen, bisheriger König von Italien, Protektor des Rheinbunds, Schutzherr der Schweiz, blinzelte amüsiert aus seinen dunklen Augen den Generalen zu. Die junge Reichsgräfin fuhr atemlos fort:
„Aber wir von der Krähensteinschen Linie waren zu ungeschickt und langsam, um rechtzeitig, wie mein Herr Vetter Viktor, in Paris in den Vorzimmern zu erscheinen! Meine beiden Brüder, Sire, taugen zu nichts! Der Hyacinth — der regierende Graf — ist ein Libertin — und der andere, der Kasimir, ein Stubenhocker! Meine Eltern sind tot. Meine Grand’maman kann nur beten und Karten legen! Ich bin der letzte Mann in der Familie . . .“
„Es scheint so . . .“ Der Kaiser nickte belustigt dem Grossmarschall zu.
„Darum habe ich mich aufgemacht, um unser Recht zu verfechten! Ja — Sire — unser Recht gegen schnöde Gewalt! Mein Vetter Viktor hat den Machthabern in Paris vorgespiegelt, er sei der Souverän aller Praunheimschen Lande — auch der unseren! Man hat ihm geglaubt! Der Kriegsminister Berthier steckt mit ihm unter einer Decke! Und vor allen Lambert, der Generalkommissar des Rheinbunds — dieser allmächtige Lambert ist der grosse Totenvogel unserer Krähensteinschen tausendjährigen Selbstherrlichkeit, zugunsten meines Herrn Vetters Viktor!“
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