Zudem gab es in Deutschland eine große Zahl Türken, die sich aus Idealismus als Spione betätigten und gar nicht auf der Gehaltsliste des Geheimdiensts standen. Über Mittelsmänner aber auch über eine Handy-App meldeten sie Fehlverhalten ihrer Landsleute direkt an die türkischen Behörden. Auf diese Weise konnte etwa ein markiger Spruch über den Präsidenten, den jemand im Kollegenkreis machte, bei der nächsten Türkeireise zu einer Festnahme führen.
Olaf wandte den Blick vom Bildschirm. Er wollte sich noch eine weitere halbe Stunde für Recherchen geben. Was er bereits jetzt über die Bespitzelung von Türken in Deutschland erfahren hatte, war krass. Beinahe ein türkischer Überwachungsstaat auf deutschem Boden.
Vielleicht war Yousef denunziert worden.
Es war alles andere als einfach gewesen, die Frau des Ermordeten zu einem Interview zu bewegen. Olaf war am Telefon in die Rolle eines Journalisten geschlüpft, der mehr über den Mord in Erfahrung bringen wollte. Wie von Gottfried vorhergesagt, hatte das Argument, Olaf wolle die Anschuldigungen gegen ihren Mann entkräften, den Ausschlag dafür gegeben, dass Sabine Yousef sich schließlich zu einem Treffen bereiterklärte. Olaf war mit ihr um elf Uhr verabredet. Ihm blieb noch genügend Zeit, am Computer einen möglichst echt wirkenden Presseausweis für einen gewissen Michael Dernhard zu entwerfen. Er mochte diesen Tarnnamen. Er hatte ihn bereits einige Male für Recherchen genutzt.
Als er gegen elf Uhr das Reisebüro betrat, lächelte ihm eine junge Frau mit Kopftuch entgegen. Kopftuch – so hätte er früher gesagt. Heute, in einer Zeit, in der hysterisch über Burkas, Burkinis und sonstige Utensilien zur Verhüllung von Haut und Haaren diskutiert wurde, wusste Olaf das Kopftuch treffsicher als Hidschab einzuordnen. Die Augen der Frau waren kunstfertig geschminkt, was der Verschleierung den Eindruck eines bewusst gewählten Modeaccessoires verlieh. In professionellem Tonfall fragte sie, was sie für ihn tun könnte. Ihre Stimme war nicht die der Frau, mit der er telefoniert hatte. Auch war schwer vorstellbar, dass sie den urdeutschen Namen Sabine tragen könnte, zudem war sie viel zu jung, um Yousefs Frau zu sein. Wie es schien, leistete man sich eine Angestellte, um das Reisebüro weiterzuführen.
Olaf nannte der Frau den Grund seines Besuchs.
»Sabine!«, rief sie ungeniert durch den Laden in Richtung einer geöffneten Tür, die Olaf bisher nicht wahrgenommen hatte. »Der Mann von der Zeitung.«
Die blonde Frau, die sogleich durch die Tür trat, stellte sich als Sabine Yousef vor. Ihr Händedruck war fest und geschäftsmäßig. Er passte nicht zu ihrem verzagten Gesicht. Es war mehr als offenkundig, dass sie gerade geweint hatte.
»Trinken Sie Kaffee oder lieber Tee?«, war das nächste, was sie mit brüchiger Stimme sagte. Sie leitete ihn in das mit einer kleinen Küchenzeile und einem Tisch ausgestattete Hinterzimmer, aus dem sie gerade gekommen war. Mit energischen Bewegungen stellte sie eine Tasse auf den Tisch und goss Kaffee aus einer Kanne ein. Vermutlich wollte sie sich souverän zeigen, wirkte aber fahrig.
»Ich möchte Ihnen als Erstes mein Beileid ausdrücken«, sagte Olaf, bevor er sich auf einem Stuhl am Tisch niederließ. Die Frau nickte mit ausdrucklosem Gesicht. »Das Reisebüro muss eine große Belastung für Sie sein.«
»Das wird in Kürze verkauft.« Ihre Stimme klang belegt. Sie stellte sich Olaf gegenüber ans Fenster. »Özlem wollte es sowieso übernehmen. Das ist die Frau draußen im Laden, die Nichte eines Freundes von Kasim. Eigentlich sollte das in zwei Jahren sein. Wer konnte ahnen, dass es so schnell und unter solchen Umständen geschehen würde?« Sie putzte sich die Nase.
»Sind Sie Miteigentümerin des Reisebüros?«
»Nein.« Sie wurde lebhaft, als ob sie unterstreichen wollte, dass sie mit dem Laden nichts zu tun hatte. »Ich bin Sozialpädagogin und leite eine internationale Kita. Das Reisebüro hat Kasim alleine aufgebaut, sein ganzer Stolz.« Sie stockte kurz. »Ich habe mir Urlaub genommen, um alles zu regeln …«, ihre Stimme klang wieder belegt, »was in einem solchen Fall zu regeln ist.« Erneut putzte sie sich die Nase.
Olaf besann sich darauf, die Rolle des Journalisten zu spielen, zog den Notizblock aus dem Rucksack und nahm einen Stift zur Hand.
»Wie Sie wissen, bin ich freier Journalist und schreibe Artikel für große Tageszeitungen. Ich versichere Ihnen, dass nichts veröffentlicht wird, was Sie nicht ausdrücklich autorisieren.«
Sie nickte wortlos.
»Wann hat Ihr Mann das Reisebüro übernommen?«
»Er hat es, wie gesagt, nicht übernommen, sondern selbst aufgebaut. Zuvor war dort ein Copy Shop. Das war vor siebenundzwanzig Jahren.«
»Wirft der Laden genug ab? Spätestens seit dem Internet gibt es ja andere Wege, Urlaube zu buchen, als in ein Reisebüro zu gehen.«
»Kasim hatte verlässliche Kontakte in der Türkei. Er hat Kunden in die Hotels von Freunden und Verwandten vermittelt. Das waren keine Urlaube von der Stange, sondern zum Beispiel Hotels in der Nähe von Naturschutzgebieten.«
»Er hatte also ein originelleres Angebot als die meisten anderen und konnte sich gegen die Konkurrenz behaupten?«
»Ja«, sagte sie bestimmt. »Er hatte einen guten Ruf als Insider und treue Kunden, die ihre Urlaube immer wieder bei ihm buchten.« Sie tupfte ihre Nase mit dem Taschentuch.
»Waren das hauptsächlich Kurden?«
»Nein. Überhaupt nicht.« Zum ersten Mal huschte über Sabine Yousefs Gesicht ein kurzes Lächeln. »Seine Kunden waren Deutsche ohne optisch erkennbaren Migrationshintergrund.«
Bio-Deutsche würden das die Anhänger der DfD, der Partei Deutsche für Deutschland, nennen, ging Olaf durch den Kopf. Er behielt diesen Gedanken für sich. »Hatte Ihr Mann auch Einkünfte aus anderen Geschäften als dem Reisebüro?«
»Nein«, antwortete sie knapp.
»Das Geld hat für Sie und Ihre Familie gereicht?«
Sie blickte ihn irritiert an. »Ich verdiene in meinem Beruf gut und Kasim ebenfalls.« Sie stockte. »Er hat gut verdient, sollte ich sagen. Er hat keine weiteren Geldquellen gebraucht, schon gar keine dubiosen, falls es das ist, worauf Sie hinauswollen.« Sie sah ihn herausfordernd an.
Er nickte. »In der Presseerklärung der Polizei ist von der Organisierten Kriminalität die Rede. Was sagen Sie zu der Version der Polizei?«
»Nur weil Kasim diesen fremden Namen hat«, sie blickte starr aus dem Fenster in den Hinterhof des Gebäudes, »fällt der Polizei nichts anderes ein als Drogenkriminalität und Verbrecherbanden. Die Polizisten sind voller Vorurteile.«
»Ist es dennoch denkbar, dass Ihr Mann von Kriminellen bedroht wurde? Jemand könnte Schutzgeld von ihm erpresst haben.«
Sie stieß ein freudloses Lachen aus. »Das hier ist ein Reisebüro, keine Stripteasebar. Und wir sind in Bockenheim, nicht im Wilden Westen.«
Olaf machte sich Notizen. »Könnte es einen politischen Hintergrund geben? Weil Ihr Mann Kurde war?«
»Kasim war Deutscher. Deutscher kurdischer Herkunft.« Sie wandte sich wieder Olaf zu, blieb aber vor dem Fenster stehen. »Ich wurde nach politischen Kontakten meines Mannes befragt. ›Erdogans langer Arm reicht bis nach Frankfurt‹, hat einer der Polizisten gesagt.« Sie stieß ein Lachen aus, das mehr nach einem Jammern klang. »Kasim war völlig unpolitisch. Die Beamten sind voreingenommen, weil es um einen Mord an einem gebürtigen Kurden geht.«
»Wie ist Ihr Mann mit seiner Herkunft umgegangen? Hat sie für ihn eine große Rolle gespielt?«
»Er hat sie nicht verleugnet. Gelebt hat er aber wie ein ganz normaler Deutscher. Wir sind sogar jedes Jahr nach ›Klaa Paris‹ auf den Fastnachtszug gegangen.«
Olaf stellte sich einen kurdisch aussehenden Mann mit Narrenkappe vor, der »Helau« rief und Knolle’ von der Straße aufsammelte. Er unterdrückte ein Schmunzeln.
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