»Der Mörder könnte der Vater eines der Missbrauchsopfer sein«, sagte Olaf nachdenklich.
»Möglich«, meinte Günther. »In diesem Fall hoffe ich, dass der Mord nie aufgeklärt wird.«
Zu Hause angekommen, zog es Olaf zu seinem Virusprogramm. Der Virus hatte sich bei seinem ersten Mordfall als unerhört nützlich erwiesen. Allerdings hatte er auch einige unerklärliche Macken.
Olaf setzte sich an den Laptop und öffnete die Entwicklungsumgebung für den Virus. Wie oft hatte er in den letzten Tagen auf den Quellcode gestarrt, war ihn Zeile für Zeile durchgegangen, nur um dann doch keinen Fehler zu finden?
Er startete den Virus in der abgesicherten Testumgebung, dort wo er kein Unheil anrichten konnte. Mit einem beinahe zärtlichen Gefühl blickte er auf das vertraute Konfigurationsfenster mit den bunten Knöpfen. Hätte er die Software nicht eigenhändig programmiert, könnte er es für das Einstellungsfenster eines harmlosen Computerspiels halten. Doch der Virus war kein Programm zur Errichtung eines Ponyhofs. Er war eine Sammlung brandgefährlicher Spionagewerkzeuge. Auf dem Handy eines Opfers installiert, könnte man schier alles damit anstellen: Passwörter, Fotos und Videos herunterkopieren, Telefonate mitschneiden, Chatprotokolle lesen und vieles Heikles mehr. Und natürlich wäre es möglich, sich auf die Kamera des Handys zu schalten. Dadurch könnte man ein Opfer rund um die Uhr mit Bild und Ton überwachen. Eine perfekte Wanze, die das Opfer freiwillig mit sich herumtragen würde. Schaurige Vorstellung, dass solche Viren von Geheimdiensten und Kriminellen ganz gewiss eingesetzt wurden.
Auch Olaf hatte seinen Virus genutzt: auf dem Handy seines Sohnes. Allerdings nicht mit der Absicht, ihn auszuspionieren. Nur eine einzige, wirklich ungefährliche Funktion hatte er aktiviert: Tobias’ Telefon sollte, ganz gleich, was sein Besitzer eingab, stets eine Nummer im Frankfurter Rotlichtviertel wählen. Zugegeben, ein etwas deftiger Scherz, vor allem, weil sich das alles auf Tobias’ Diensthandy abspielte. Es wurde rasch klar, dass Olaf diese Funktion schnellstmöglich ausschalten musste, sollte sein Sohn vor den Kollegen nicht wie ein unfähiger Idiot dastehen. Tobias’ Handy wählte fortan wieder die Telefonnummern, die er eingab. Allerdings zeigte sich, dass der Virus auf eigene Faust etliche Funktionen aktiviert hatte. Olaf konnte sich dieses Eigenleben der Software nicht erklären, war aber nicht unglücklich über die Informationen, die der Virus ihm geliefert hatte: vertrauliche Dokumente der Polizei, ausschließlich für Tobias und seine Kollegen bestimmt.
Und selbst heute hatte Olaf nur eine vage Ahnung, warum der Virus das getan hatte.
Bis jetzt hatte Olaf bloß zwei Anknüpfungspunkte, zu denen er recherchieren konnte. Neben den Gerüchten über Yousef war es das Reisebüro. Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück, machte er sich auf den Weg dorthin. Es galt, sich einen Eindruck von dem Ort zu verschaffen, der zugleich Yousefs Arbeitsplatz und der Tatort für seinen gewaltsamen Tod gewesen war. Wenn es ihm darüber hinaus gelänge, einen Draht zu Yousefs Angestellten zu bekommen, könnte er hoffentlich weitere Hinweise erhalten.
Das Reisebüro befand sich in der Nähe der Bockenheimer Warte. Als Olaf vor dem Schaufenster stand, wurde ihm bewusst, wie oft er schon daran vorbeigelaufen war. Dass es einmal der Schauplatz eines Mordes sein könnte, war ihm nie in den Sinn gekommen.
Die Werbebilder im Schaufenster zeigten glückliche Menschen an Sandstränden: ein eigentümlicher Kontrast zu dem Verkehrslärm auf der Straße. Über dem Fenster war der Schriftzug »Reisebüro Yousef« zu lesen, »Ihr Türkei-Experte«. Durch die Scheibe konnte Olaf einen Verkaufstresen erkennen. Davor standen gepolsterte Stühle für die Kunden. An der Scheibe der Eingangstür klebte von innen ein DIN-A4-Blatt. »Wegen Trauerfall geschlossen« war darauf zu lesen. Olaf probierte dennoch, die Türe zu öffnen, spürte aber sogleich, dass sie zugesperrt war.
»Der Laden wird so schnell nicht mehr aufmachen.«
Der Mann hinter ihm musste aus dem Nichts gekommen sein. Er trug ein legeres Freizeithemd über einer modischen Jeans. Der Streifen Bart an seinem Kinn war nicht ungewöhnlich für einen Mittvierziger, wirkte aber wie ein vertikaler Schnurrbart.
»Ich habe es gerade gelesen: Trauerfall«, sagte Olaf.
»Ich frage mich, ob das wirklich ein Fall für Trauer ist.« Der Mann grinste spöttisch.
»Wieso sollte es das nicht sein? Ich schätze, es ist jemand aus der Familie gestorben?«
»Der Chef von dem Laden«, sagte der Mann. »Er wurde erschossen.«
»Erschossen?« Olaf spielte den Verblüfften. »Jetzt fällt es mir wieder ein: In der Zeitung stand ein Artikel über einen Mord in einem Reisebüro. Das ist hier passiert?«
»Genau hier. Letzte Woche Mittwoch«, bekräftigte der Andere mit einem Kopfnicken.
»Wie schrecklich für die Familie.« Olaf tat beeindruckt. »Sie wird unter Schock stehen.«
Der Mann nickte knapp.
»Was weiß man mittlerweile über den Mord? In der Zeitung stand, er könnte mit der Organisierten Kriminalität zu tun haben.«
»Das habe ich auch gelesen«, sagte der Andere. »Auf jeden Fall hat es mit Yousef nicht den Falschen erwischt.« Er sagte das mit der Überzeugung eines Mannes, der sich seiner Sache sicher ist.
»Wissen Sie mehr über den Mord, als in der Zeitung steht?«, fragte Olaf.
Der Mann grinste bitter und trat einen Schritt auf ihn zu. Er senkte die Stimme. »Seit einiger Zeit ist bekannt, dass Yousef auf kleine Mädchen stand.«
»Er war ein Kinderschänder?«
Der Mann nickte. »Hier in diesem Haus, im Keller, hat er sich an unzähligen Kindern vergangen. Aber nicht nur das: Er hat einen regelrechten Pädophilenring betrieben. Das muss ein einträglicher Handel sein. Die vermieten kleine Mädchen oder verkaufen sie an die Höchstbietenden.«
»Das ist ja monströs!«
»Verstehen Sie jetzt, warum ich über den Tod dieses Typen alles andere als traurig bin?«
Olaf betrachtete sein Gegenüber. Er wirkte sympathisch und offen, wie einer, in dessen Gesellschaft man sich wohl fühlte. Nicht wie jemand, dem man nicht glauben sollte, was er erzählt. Wie aber sollte Yousef all diese schrecklichen Dinge getan haben, wenn die Nachbarschaft darüber Bescheid wusste?
»Wenn bekannt war, dass in diesem Reisebüro Kinder missbraucht wurden, wieso ist dann die Polizei nicht eingeschritten?«
»Es gab mehrere Anzeigen gegen Yousef, aber die sind alle im Sande verlaufen.«
»Man hat ihm nichts nachweisen können?«
»Eine einzige Hausdurchsuchung hätte gereicht, um unzählige Kinder zu retten. Die Polizei hat aber überhaupt nichts getan. Wahrscheinlich stellen Polizisten lieber Radarfallen auf, als den Laden eines Kinderschänders zu durchsuchen«, setzte der Mann sarkastisch hinzu.
»Wer, glauben Sie, hat ihn erschossen? Jemand aus der Nachbarschaft?«
»Ich war es ganz bestimmt nicht.« Der Mann trat mit gespielter Unschuldsgeste einen Schritt zurück. »Vielleicht war es jemand von hier. Ich glaube aber eher, ein Angehöriger eines der missbrauchten Kinder, vielleicht ein Vater, hat sich eine Waffe gekauft, um den Typen selbst zu richten. Es könnte aber auch jemand aus Yousefs Pädophilenring gewesen sein. Mit Kinderprostitution kann man viel Geld verdienen. Vielleicht ist er einem Konkurrenten zum Opfer gefallen.«
Der Mann verstummte und blickte finster durch das Schaufenster in das verwaiste Reisebüro.
»Missbrauch von Kindern, Pädophilenring und das alles – woher wissen Sie das überhaupt?«, fragte Olaf schließlich.
»Ganz gewiss nicht aus den Zeitungen.«
»Woher dann?«
»Durch eigene Recherche.«
»Sind Sie Journalist?«, entgegnete Olaf.
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