Er musste nun die Kraft finden, sich aus der Badewanne zu hieven, denn ihm blieb gar nichts anderes übrig. Er selbst musste weiterleben. Aber was ergab jetzt noch Sinn? Mit Grauen dachte er daran, dass er bereits als willenloser Sklave seine Dienste versehen würde, wenn die Menschen nicht so dumm gewesen wären, Jack zu reizen. Allerdings war es immer noch möglich, dass Jack all das genau so geplant hatte – alles, bis auf seinen eigenen Tod natürlich. Womöglich war es eine Lüge gewesen, dass die Drogen nur ausreichen würden, um einen von ihnen aufs Schiff zu bringen. River wusste nichts darüber. Jack hatte alles geregelt, was mit ihrer Flucht zu tun hatte. Vielleicht hatte er ihm tatsächlich zu viel vertraut.
River seufzte. Er musste unbedingt wieder zu Vernunft kommen. Er musste die grausame Tatsache in Betracht ziehen, dass Jack ihn wirklich hatte opfern wollen, um selbst ein angenehmes Leben zu führen. Aber nun war er tot, und River wusste, wo sich die Drogen angeblich befanden. Er würde herausfinden müssen, ob der Mann die Wahrheit gesagt hatte. Wenn nicht, war alles verloren, denn nun gab es niemanden mehr, aus dem er das Geheimnis herauspressen konnte. Erneut überfiel ihn der Schrecken über Jacks Tod. Es entstand eine drohende Kaskade in seinen Gedankenroutinen. Er musste sich dringend auf andere Dinge konzentrieren. Etwas Tröstliches am besten. Also rief er sich Phils gütiges Altmännergesicht vor Augen und tauchte in die Erinnerungen an seinen Retter ein.
»Setz dich nicht auf. Schön liegenbleiben, mein Junge.« River fragte sich, wie der alte Mann, den er vor sich sah, überhaupt auf den Gedanken kommen konnte, er würde sich bewegen können. Schließlich war er tot. Oder doch nicht? Für einen Toten hatte er auf jeden Fall zu große Schmerzen. Er konnte das rechte Auge öffnen; das linke fühlte sich an, als stecke glühendes Eisen darin. Der Rest seines Körpers schien weiterhin von Flammen traktiert zu werden, obwohl River kein Feuer mehr riechen konnte.
»Es muss schrecklich wehtun, nun, da du das Bewusstsein wiedererlangt hast. Aber keine Sorge, ich bin vorbereitet. Trink das hier.« Der Mann mit dem schütteren Haar, dem weißen Bart und den runden Brillengläsern hielt ihm ein Glas hin. Dann schien er erst zu realisieren, dass River nicht daraus trinken konnte, ohne den Oberkörper anzuheben.
»Warte …« Er griff nach einer Spritze, entfernte die Kanüle und steckte sie in das Glas, um sie mit Flüssigkeit zu füllen. »Mund auf! Und versuche zu schlucken, auch wenn es dir schwerfallen wird.« River öffnete den Mund – er war so durstig, dass er sogar Pisse getrunken hätte. Der Mann gab ihm den Inhalt der Spritze vorsichtig auf die Zunge, und River versuchte, ihn hinunter zu schlucken. Die Hälfte rann ihm jedoch übers Kinn, weil er nicht in der Lage war, den Mund zu schließen.
»Also gut, ein zweiter Versuch. Wir werden das ohnehin mehrfach machen müssen, damit du genügend Schmerzmittel aufnimmst. Ich habe glücklicherweise einen großen Vorrat, ebenso wie von Antibiotika. Ich fürchte, du wirst viel von beidem brauchen, weil du mir sonst doch noch unter den Händen wegstirbst.«
River begann zu begreifen, dass es sich bei dem alten Mann um einen Arzt handeln musste. Dann sickerte die Erinnerung durch. Nachdem er das Feuer verlassen hatte, war er von den umstehenden Männern verhöhnt worden. Sie hatten geglaubt, er würde ohnehin sterben, und einer wollte ihn sogar ins Feuer zurückwerfen, damit noch der Rest von ihm verbrannte. Doch dann hatte Derk entschieden, man solle ihn zu Frankenstein bringen. River kannte die Geschichten, die sich um diesen Namen rankten. Es war eine Figur aus einem Roman – aus Filmen. Ein aus Fantasie geschaffener Mann, der Monster aus Leichenteilen zusammengestellt hatte. Vielleicht hatte er nicht absichtlich schreckliche Kreaturen erschaffen wollen, dennoch gruselte es River alleine schon bei der Vorstellung, in die Nähe eines Mannes zu kommen, dem man einen solchen Spitznamen verlieh. Dieser Frankenstein schien jedoch gar nicht so unheimlich zu sein, obwohl die Umgebung durchaus geeignet war, dass einem ein kalter Schauer über den Rücken lief. Überall waren medizinische Instrumente zu sehen, darüber hinaus gab es Maschinen und jede Menge technischer Teile, die gemeinsam mit Operationsbesteck auf einem metallenen Tisch lagen. River fragte sich, was das zu bedeuten hatte. Seine Gedanken waren träge, ansonsten wäre er wohl schneller darauf gekommen und pures Grauen hätte ihn ergriffen. So dämmerte er jedoch nach der Einnahme der Medikamente wieder in den gnädigen Schlaf, der die Schmerzen linderte, bis das Mittel ihm ein paar Stunden lang die Pein gänzlich nahm.
Als River erneut erwachte, fand er sich in einem Bett wieder. Die Wände des Raumes trugen eine Tapete, die lustige Tiere zeigte. River erkannte Giraffen mit karierten Schals um die langen Hälse. Elefanten mit Knoten im Rüssel. Zebras, denen die Streifen vom Körper rutschten und Löwen, deren Mähnen zu Zöpfchen geflochten waren. Als er den Kopf drehte, bemerkte er eine Lampe, die nur schwaches Licht abgab und in der silberner Glitter in einer Flüssigkeit träge auf und ab schwebte. In der Ecke gegenüber dem Bett, in dem er lag, stand ein Schaukelstuhl, auf dem ein großer Stoffbär saß und ihn anzulächeln schien. River konnte kaum glauben, dass er endlich wieder ein unzerstörtes Kinderzimmer zu Gesicht bekam. Er hatte alte Prospekte gefunden, die aus der Zeit vor den großen Invasoren-Angriffen stammten. Darin waren Kinderzimmer abgebildet gewesen, wie er selbst nie eines für sich alleine bewohnt hatte. An den einzelnen Möbeln und Dekorationen hatten Zahlen gestanden, die die Währung von einst betrafen. River selbst hatte nie den Umgang mit Geld gelernt. Ab und zu hatte er in den letzten zwei Jahren zwar Geldscheine und Münzen gefunden, doch sie waren inzwischen nicht mehr wert als der andere Unrat, der auf den Straßen und in den verlassenen Häusern herumlag. Manchmal hatte er gedacht, wie schön es gewesen sein musste, als man Dinge noch mit Geld kaufen konnte. Ab und zu hatte er sogar verwitterte Kinderzimmer gesehen, die von Rattenkot und Schimmel bedeckt waren. Aber niemals war ihm ein so ordentliches und liebevoll eingerichtetes zu Augen gekommen, wie das, in dem er nun lag. Die Frage war nur, wer ihn hierher gebracht hatte. Und vor allem, zu welchem Zweck?
Als River versuchte, sich aufzurichten, erfasste ihn unsäglicher Schmerz. Natürlich, er hatte schwerste Verbrennungen erlitten, wie hatte er also bloß auf den Gedanken kommen können, sich so zu bewegen, wie vor der Initiation? Aber Tatsache schien zu sein, dass er es überlebt hatte, denn die Vorstellung, dass der Tod einen in ein Kinderzimmer katapultierte, war so lächerlich, dass River dies nicht mal in Betracht zog. Viel eher tröstete er sich mit dem Gedanken, dass er nach Bestehen der Prüfung von den Männern in ihren Reihen aufgenommen worden war. Stellte sich nur die Frage, wer der Kerl gewesen war, den er bei seinem ersten Erwachen gesehen hatte. Denn der wirkte völlig anders als die Männer, mit denen er in den letzten Monaten zusammen gewesen war. Vermutlich hatte er von dem alten Mann nur geträumt. Und wen wunderte es, dass sein Geist sich einen Beschützer dieser Art erdachte, denn das Leben in Derks Clan war wirklich hart. Er hatte sich den Männern angeschlossen, weil er kurz vorm Verhungern gewesen war. Sie hatten ihm Nahrung und Schutz versprochen, wenn er sich ihnen als nützlich erwies. River hatte daraufhin für die Horde gekocht, sie bedient und Botengänge übernommen, um sich erkenntlich zu zeigen. Doch das hatte den Männern schon bald nicht mehr genügt. Immer wieder hatten sie ihn angefasst, was River hasste. Es waren nur flüchtige Berührungen gewesen, doch er hatte gespürt, dass bald mehr folgen würde. Also hatte er sich entschieden, die Initiation hinter sich zu bringen, um als vollwertiger Mann zu gelten und sich notfalls im Kampf gegen Übergriffe wehren zu dürfen.
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