Mit einem leichten Seufzen nahm er den Pappkarton auf. Als er durch die Tür trat, hielt er inne. Natürlich hatte er sich von jedem einzelnen seiner Mitarbeiter bereits verabschiedet. Doch nun standen sie alle vor seiner Tür Spalier. Keiner sprach, ihre Mienen sagten genug. Stumm, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, ging er zwischen ihnen durch, nickte jedem zu. Zuletzt dem Türsteher, zu dessen martialischen Tattoos, Piercings und Brandings die feuchten Augen so gar nicht passen wollten. Marek verneigte sich leicht und hielt Rohloff die Tür auf, begleitete ihn zum Wagen und half ihm, den Karton auf dem Beifahrersitz des Jaguar zu verstauen. Er würde den Club in der Zwischenzeit so lange führen, bis der neue Besitzer einzog. Rohloff selbst zog es vor, die Tage bis dahin nicht mehr hier zu sein. Es fühlte sich besser an, jetzt zu gehen. Das Tagesgeschäft hatte ihn sowieso nicht gebraucht, das handelten seine Leute.
»Alles Gute Chef. Und wenn Sie mal was brauchen, wir sind immer für Sie da.«
Rohloff nickte gerührt, als der Zwei-Meter-Hüne ihn plötzlich in den Arm nahm.
»Ihr wisst, dass das umgekehrt ebenfalls gilt.« Damit stieg er in den Wagen und fädelte sich, ohne noch einmal zurückzublicken, in den inzwischen dicht gewordenen Verkehr ein.
Eine halbe Stunde später betrat er das Haus in Bad Homburg, das er schon mit seiner verstorbenen Frau bewohnt hatte. Zu groß für ihn alleine, dennoch ein Teil seines Lebens, von dem er sich noch nicht trennen wollte.
Er stellte den Pappkarton in seinem Arbeitszimmer auf den massiven Schreibtisch aus dunklem Holz und packte ihn aus. Zwei handgeschliffene Whiskytumbler, ein paar Fotos, ein Montblanc-Füller, ein Brieföffner. Jetzt war alles erledigt. Der Moment, auf den er so lange gewartet hatte. Nur eines blieb noch zu tun. Das Schwierigste überhaupt. Er dachte an die Frau, für die er gerade sein Leben änderte. Ohne dass sie das Geringste davon ahnte.
Gedankenverloren faltete er den Karton zusammen und brachte ihn zum Altpapier. Als er die Tonne öffnete, lag obenauf das Krawallblatt, das seine Haushälterin immer las. Die Schlagzeile schrie ihm nur halb entgegen, er hätte sie, wie üblich ignoriert. Doch in diesem Fall ging das nicht. Was ihn elektrisierte, war das Foto. Darauf eine schlanke Frau mit kurzem, fast schwarzem Haar, die gerade durch eine gläserne Tür trat. Es war verschwommen und vermutlich aus weiter Entfernung aufgenommen. Dennoch erkannte er sie sofort. Der Karton fiel zu Boden. Rohloff griff nach der Zeitung, schlug sie auf und starrte Sekunden später verständnislos auf die Schlagzeile der Titelseite.
Lesbische Sozialarbeiterin: Trägt sie die Schuld am Tod des kleinen Toby (4)?
»Lena«, flüsterte er entsetzt.
Die Zeitung flatterte zurück, er war mit wenigen Schritten im Haus, am Telefon, tippte einen dort gespeicherten Kontakt an. Nur, um zu erfahren, der gewünschte Teilnehmer sei momentan nicht erreichbar. Keine Möglichkeit, eine Nachricht zu hinterlassen.
Sie fragte sich, woher die Reporter ihre Adresse hatten. Schon seit dem frühen Morgen klingelte ein besonders aggressiver Schmierfink. Da sie nicht öffnete, versuchte er es bei den Nachbarn. Frau Kasulke schien nicht da zu sein, die anderen waren bei der Arbeit. Dennoch war es dem Kerl gelungen, bis zu Lenas Wohnungstür vorzudringen. Sie hatte den Fehler begangen, die Tür zu öffnen, um ihn mit klaren Worten zusammenzufalten. Doch gleich merkte sie, dass das dumm gewesen war. Er hob eine Kamera, bereit loszuknipsen. Sie schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Sie hätte wie eine Furie ausgesehen auf den Bildern. Passend zu dem, was man über sie schrieb.
Sie hatte durch die geschlossene Tür hindurch mit der Polizei gedroht und die Klingel ausgestellt. Seither herrschte Ruhe.
»Reden Sie mit niemandem!«, hatte der Leiter des Rechtsamtes ihr kurz darauf am Telefon gesagt, bevor sie auch das ausgestellt hatte. Vorsichtshalber. »Die ganze Angelegenheit betrifft, falls überhaupt, zunächst die Kreisverwaltung, nicht Sie als Mitarbeiterin.« Er redete denselben Stuss wie Sieglinde, der Leiß oder die Maibaum. Wenn es jemanden betraf, dann doch sie! Oder wie war das zu verstehen, dass immer mehr Details über sie an die Öffentlichkeit gelangten? Ein Foto! Der Hinweis, dass sie lesbisch war, gezielt als Wortwaffe eingesetzt. Wie die Reporter überhaupt ihren Namen erfahren hatten, war dem obersten Juristen der Kreisverwaltung genauso ein Rätsel wie ihr.
»Wir prüfen das«, versicherte er ihr. Sie fragte sich, wie lange das wohl dauern würde. Als gälten für eine Behörde die Gesetze viraler Beiträge im Internet nicht. Irgendwann wäre die Lawine aus Unwahrheiten, Unterstellungen und Vermutungen so groß, dass sie überhaupt nicht mehr zu stoppen war.
Nun stand sie am Fenster und blickte zur Straße hinunter. Vor dem Haus war niemand mehr zu sehen. Es war bereits Nachmittag, sie hatte noch keinen Fuß nach draußen gesetzt. Die ganze Angelegenheit drohte, ihr über den Kopf zu wachsen. Sie ging zu ihrem Schreibtisch, klappte den Laptop auf und loggte sich ein. Seit gestern versuchte sie, das, was sie bei dem Telefonat gehört und von den Buckpeschs erfahren hatte, in irgendeinen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Erneut gab sie die Worte »Azul« und »Mallorca« ein, was zu einer atemberaubenden Menge an Einträgen führte, die sie alle nicht weiterbrachten. Doch wenn sie gar nichts tat, würde sie verrückt werden. Nachdem sie sich zum x-ten Mal durch die Suchergebnisse geklickt hatte, versuchte sie es mit dem Stichwort »Menorca«. Auch hier war alles Mögliche dabei. Was konnte Angelika Kiewitz gemeint haben?
Ein Piepton verkündete, dass jemand sie anskypte. Tamae war es, ihre ehemalige Geliebte. In Neuseeland hatten sie beide beschlossen, ihre Beziehung, die im Grunde ein jahrelanges lockeres Verhältnis gewesen war, zu beenden. Als Freundinnen verstanden sie sich nun womöglich besser als jemals zuvor.
Die Japanerin hatte heute ihre übliche, fast schon kühl zu nennende, pragmatische Art abgelegt, sie schien völlig von der Rolle. Auch sie hatte die Schlagzeilen gelesen.
»Was ist da los? Wie kommen die dazu, dir derartig nahe zu treten?«, wollte sie wissen. Lena schilderte ihr, was gerade ablief. Die Japanerin schüttelte dabei mehrmals unwillig den Kopf. »Du brauchst einen Rechtsanwalt, der der Presse Einhalt gebietet!«, fand sie.
Vermutlich hatte sie recht. Doch inzwischen hatte die ganze Geschichte das Internet erreicht, was noch viel schlimmer war.
»Gib mir mal die Informationen aus dem Gespräch«, forderte Tamae Lena nun auf. »Vielleicht finde ich etwas heraus.«
Lena gab ihr, was sie wollte. Tamae war wesentlich besser als Lena darin, Informationen aus den Tiefen des www hervorzuholen.
»Ich melde mich«, verabschiedete sie sich knapp.
Seufzend klappte Lena ihren Laptop zu. Ob sie es wagen konnte, ein paar Schritte an die frische Luft zu gehen? Sie schlüpfte in Sportschuhe, warf sich eine Jacke über. Als sie ihren Wagen gestartet hatte, änderte sie ihre Meinung. Statt zum nahe gelegenen Maunzenweiher, wie ursprünglich geplant, fuhr sie nach Dietzenbach.
Man hatte ihr untersagt, Kollegen und Kolleginnen anzusprechen. Man hatte denen untersagt, mit ihr zu sprechen. Aber eine Person kannte sie, die sie als integer kennengelernt hatte. Der sie zutraute, Marianne Maibaums Verbot zu umgehen. Die würde sie fragen. Mehr als Nein sagen konnte diejenige nicht.
Carola Bergmanns Wagen stand im Parkhaus des Rathaus Center. Lena hatte sich daran erinnert, dass Marianne Maibaums Referentin dort einen reservierten Parkplatz hatte. Sie wartete schon eine ganze Weile und konnte nur hoffen, dass die Bergmann an diesem Tag einigermaßen pünktlich ihr Büro verließ.
Gerade, als Lena daran zweifelte, stieg sie aus dem Aufzug. Den Blick auf das Display ihres Handys gerichtet, sah sie Lena erst, als sie ihr fast schon gegenüberstand.
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