»Die Wheatlands-Plantage ist uralt. Um 1700 gegründet, war sie unter anderem Schauplatz einer Schlacht während der Revolution, der Schlacht am Boyd’s Creek. Das Haus selbst wurde während des Bürgerkriegs vorübergehend als Stützpunkt und Winterquartier genutzt. Hier sind viele Menschen gestorben, es gibt einen Friedhof mit etwa siebzig Gräbern auf dem Gelände. Bis 2017 fanden hier noch Geisterführungen statt. Anfang des Jahres wurde das Anwesen verkauft. Zu einem Spottpreis im Übrigen«, warf Cain über die Schulter, während er eintrat. »Keiner aus der Gegend hier hatte den Mut, ein Geisterhaus zu kaufen. Vielleicht wussten sie es auch einfach besser. Jedenfalls war der Verstorbene der neue Besitzer des Anwesens. Seine Tochter hat ihn heute Morgen tot in seinem Bett aufgefunden.«
Ich zuckte zusammen. Das klang alles andere als angenehm.
Das Wohnhaus war ein rötlicher Klinkerbau mit drei Etagen und einem nach hinten führenden zweistöckigen Flügel. Das Gebäude war in gutem Zustand, das rote Dach noch relativ neu, und die Fensterläden hatten erst kürzlich einen neuen Anstrich erhalten. Innen war es schummrig, und die Räume waren etwas beengt, wie es in alten Häusern so oft der Fall ist. Die Diele, die fast ganz von einem Treppenaufgang eingenommen wurde, erschien durch das dunkle Holz der Böden und der Treppe noch kleiner.
Der Rest des Hauses war wie die Kulisse eines Historiendramas: üppige weiße Zierleisten, offene Kamine in allen Zimmern, Buntglasrahmen um die Fenster und Deckenbalken, die ebenfalls weiß gestrichen waren. Das Haus war alles in allem gut in Schuss, wenn auch etwas staubig und nicht fertig eingerichtet. Es wirkte so, als sei jemand gerade dabei, einzuziehen, und an den Fußleisten reihten sich Werkzeuge aneinander, als würde hier noch gearbeitet.
»Esszimmer?«, schlug Jon dem Captain vor.
»Nichts dagegen. Aber leider haben wir keine Kamera hier.«
»Das macht nichts, meine Kollegen bringen eine mit. Sie müssen jeden Moment hier sein.« Während sich nach und nach alle versammelten, stand Jon einen Augenblick still und legte die Hand auf die Tischplatte. Zu meiner Verwunderung strahlte er. »Ich liebe dieses Haus!«
»Hier gibt es ja auch fast nichts Elektronisches. Natürlich gefällt es dir«, gab ich zurück. Die Männer schoben sich an uns vorbei und stellten sich auf die andere Seite des Raumes. Ich nutzte die Gelegenheit, um mich kurz zu Jon hinunterzubeugen. »Babe?«
»Nicht jetzt«, flüsterte er gequält zurück. Das Lächeln war plötzlich wie weggewischt. Er blickte mir unverwandt in die Augen, darauf bedacht, nicht nach rechts und links zu schauen. »Ich muss doch arbeiten. Ich kann nicht … Ich will ihn gar nicht erst ansehen.«
Ach du lieber Gott. Na dann. Am liebsten hätte ich ihn hier rausgebracht, irgendwo hingesetzt, wo er das alles in Ruhe auf sich wirken lassen konnte. Aber die Situation gab das nicht her. Wir mussten einen Leichnam auffinden. Leute mussten vernommen und entlastet werden, damit sie weiterermitteln konnten. Es ging jetzt um jede Minute, und wir hatten bereits fünf Stunden verloren, bis wir überhaupt hier angekommen waren. Ich wusste es, und er wusste es auch.
Jonathan Bane hatte Nerven wie Stahlseile. Das sah ich nicht zum ersten Mal. Er hob den Kopf und schob seine persönlichen Gefühle beiseite, trotz des Schocks, der ihm zweifellos noch in den Knochen saß. Kurz ballte er die Fäuste, während er um Fassung rang. Dann legte er den Kopf schief und nickte mir ermutigend zu.
»Ich hab’s im Griff.«
Ich lächelte zu ihm hinunter. »Und wenn nicht, dann hast du mich.«
DONOVAN
Carol folgte Jon ins Haus, während er unseren Kollegen berichtete, was wir wussten. Heute waren nur Sho, Carol und Jim mitgekommen. Es war ungewohnt, Sho ohne Garrett zu sehen – normalerweise fand Garrett immer einen Grund, mit ihm zusammenzuarbeiten. Aber Jim versuchte, so wenig Leute wie möglich an den Wochenenden zu beschäftigen. Sho trug die Kameratasche und das Stativ, und ich half ihm beim Aufbau, damit er sich darauf konzentrieren konnte, allen Anwesenden Schutzhüllen für ihre Handys auszuhändigen.
Ich hörte Cain alle einander vorstellen, dann folgten Begrüßungen und Händeschütteln. Mehr als einer der Kollegen sah zweimal hin, als Dr. Bane vorgestellt wurde. Ich fing ihre Blicke auf und schüttelte diskret den Kopf, mit der stummen Bitte, nicht weiter nachzuhaken. Später würde es zweifellos ein Anlass für Fragen sein, aber für den Moment würden sie es nicht weiter thematisieren.
Nach der Vorstellungsrunde kamen die üblichen Hinweise wegen Jon und der elektronischen Geräte. Sho fasste sich kurz und erwähnte nur das Wichtigste. Hoffentlich würde später niemand leichtsinnig werden.
»Wie wollen Sie vorgehen, Captain?«, fragte Jim, nachdem alle um den Esszimmertisch herum Platz genommen hatten. »Jon braucht sicher nicht mehr als zwei Minuten mit jedem Ihrer Leute. Er muss ihnen eigentlich nur eine einzige Frage stellen. Aber wir können natürlich auch eine komplette Vernehmung vornehmen, die den Aufenthaltsort zur Tatzeit einschließt.«
»Ich brauche Informationen über die Ereignisse und die zeitlichen Abläufe«, bestätigte Cain zufrieden. Er zog das Jackett aus, da es im Haus warm war, und strich sich die schütteren grauen Haare zurück, die von der kühlen Brise leicht zerzaust worden waren. »Gute Idee, Jim. Lassen Sie es uns so machen. Jonathan, einverstanden?«
»Natürlich, Sir.« Jon zeigte mit einladender Geste zum oberen Ende des Tisches. »Waren Sie selbst hier, als es passierte?«
»Nein«, antwortete Cain. »Neil, Caleb und Victoria waren am Tatort. Victoria hat unsere Zeugin ins Krankenhaus begleitet, weil sie ohnmächtig geworden ist. Aber sie ist schon wieder auf dem Weg hierher.«
Jon nickte und wandte sich seinem Vater zu. »Dann will ich mal mit …« Hier stockte er, unsicher, wie er ihn ansprechen sollte. »Lassen Sie uns mit Ihrem Gerichtsmediziner beginnen.«
Caleb Bane war damit einverstanden und nahm am anderen Ende des Tisches Platz, sodass die Kamera ihn einfangen konnte. Er trug immer noch weiße Schutzkleidung, hatte allerdings inzwischen die Handschuhe abgestreift. Hier, bei der gedämpften Beleuchtung, sah er blass aus. Jon und sein Vater wirkten beide angespannt und verlegen. Der Gerichtsmediziner wandte den Blick nicht von seinem Sohn. Er schien jedes Detail in sich aufzunehmen. Jon war bemüht, einen professionellen Eindruck zu machen, aber ich bemerkte die kleinen Anzeichen für sein Unbehagen ganz genau: Er saß auf der Stuhlkante, hatte die Fäuste im Schoß geballt und starrte an Banes rechter Schulter vorbei, anstatt ihn direkt anzuschauen.
»Okay, Jon.« Damit gab Sho ihm das Zeichen, anzufangen.
Jon ratterte seine Lizenznummer herunter, und Caleb Bane nannte seinen Namen, seinen Beruf, das Datum und die Uhrzeit. Ich hielt mich im Hintergrund, an Shos Seite, der die Kamera bediente. Alle verhielten sich still, um keine störenden Hintergrundgeräusche zu verursachen.
Während einer Lesung ließ Jon die betreffende Person normalerweise keinen Moment aus den Augen. Für ihn war es, als würde er ein Buch lesen – er betrachtete die Energiebahnen, eine nach der anderen, als wären es Textzeilen, und seine Augen standen keine Sekunde still. Jetzt aber warf er nur einen kurzen Blick auf die Meridiane seines Vaters – und plötzlich verzog er das Gesicht zu einer Grimasse, bevor er rasch wieder einen gezwungen neutralen Gesichtsausdruck aufsetzte. Er musste etwas wahrgenommen haben, das ihm zusetzte. Statt weiter hinzuschauen, tat er das genaue Gegenteil: Er starrte ins Leere und ignorierte den Rest.
Das war alles andere als gut. Wenn Jon sich schlichtweg weigerte, eine Lesung an Bane vorzunehmen, sah er entweder etwas, das ihm nicht gefiel, oder er war immer noch zu zornig oder zu verletzt, um sich dazu überwinden zu können. Verdammt, ich wollte, ich könnte ihn hier rausziehen.
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