»Donovan? Wie oft passiert es denn, dass er in die Verlegenheit kommt, einen Bodyguard zu brauchen?«, erkundigte sich der Detective freundlich.
»Einmal im Monat, im Schnitt«, antwortete ich missmutig. »Mal abgesehen davon, was manchmal während der Vernehmungen passiert.«
»Oh, wow. Gut zu wissen. Dann halte ich also die Augen offen.«
Jon seufzte resigniert. Es war ja gar nicht so, dass meine Ängste unbegründet waren. Leider geriet er übermäßig oft in Gefahr. Hier fühlte er sich wahrscheinlich sicherer, weil ihn niemand kannte. Wir waren vier Stunden von zu Hause entfernt, wo die Verbrecher wussten, wer wir waren. Hier draußen war Jon vermutlich tatsächlich sicherer als überall sonst, selbst wenn sich ein Mörder hier herumtrieb. Aber deswegen in meiner Wachsamkeit nachlassen? Keine Chance.
Während der Fahrt auf der kurvenreichen Straße versuchte ich, mich zu orientieren. Das hier sollte der Weg zum Krankenhaus sein? Es war nicht mehr als eine zweispurige Straße, die an mehreren Langzeitcampingplätzen und ärmeren Wohngegenden vorbeiführte. Hier draußen gab es nichts außer Bäumen und baufälligen Gebäuden.
Shos Handy klingelte, und er nahm mit einem fröhlichen »Was gibt’s, Boss?« ab. »Ach ja? Darüber haben wir auch gerade gesprochen. Ja klar, von uns aus gerne. Und … könnten wir vielleicht Garrett mit dazuholen?« Über sein Gesicht huschte ein Lächeln. »Ja, okay. Dann ab Montag. Wiederhören.«
»Biegen Sie nach rechts auf die Piedmont Road ab«, dirigierte Singleton, dann drehte er sich wieder zu uns um. »Und? Was hat Ihr Chef gesagt? Stoßen Sie zu uns?«
»Ja, Ihr Captain hat uns offiziell angefordert. Ich glaube, er hatte den gleichen Gedanken wie Sie – dass Sie unterbesetzt sind und ein bisschen Unterstützung brauchen könnten. Unser Kollege Garrett wird auch noch dazukommen. Wir holen unsere Sachen für einen längeren Aufenthalt und sind am Sonntagabend wieder da, dann können wir Montag früh loslegen.«
Der Detective wirkte erleichtert. »Das ist ja toll. Ist Garrett auch ein Medium?«
»Nein, Kriminalberater«, erläuterte ich. »Wie ich. Ein bisschen Muskeln und Personenschutz für unsere Übersinnlichen.«
»Nur etwa halb so groß wie du«, scherzte Jon.
Ich schnaubte durch die Nase. »Das macht er durch sein Mundwerk mehr als wett.«
Niemand widersprach, und Jon zuckte die Achseln. »Also gut. Lass uns die Zeugin vernehmen. Hoffentlich bekommen wir dadurch ein paar neue Hinweise.«
* * *
Das Gespräch mit Maggie Witherspoon brachte uns leider überhaupt nicht weiter. Sie wusste nichts, und selbst Jons kluge Fragen brachten keine wertvollen Hinweise zutage. Neil Singleton war die Enttäuschung anzumerken – er hatte auf neue Spuren gehofft. Das einzig Gute war, dass sie die Bank ihres Vaters und seinen Rechtsanwalt kannte und uns den zeitlichen Ablauf des Vortages mitteilen konnte. Im Augenblick war jedes bisschen Information hilfreich.
Danach kehrten wir Sevierville den Rücken und machten uns wieder auf nach Nashville. Während der Fahrt unterhielten wir uns angeregt. Sho fühlte sich in kleinen Gruppen offensichtlich wohler – ich hatte ihn noch nie so gesprächig erlebt –, und die vierstündige Fahrt verging wie im Flug.
Sho ließen wir vor der Agentur raus, wo er in sein eigenes Auto umstieg. Ich schrieb Garrett heimlich eine Nachricht, denn mir war klar, dass er beruhigter sein würde, wenn er wusste, dass Sho gut angekommen war.
Es war spät, als wir endlich zu Hause waren, und wir fielen nur noch ins Bett.
Am nächsten Morgen wachte ich vor Jon auf. Das war nicht ungewöhnlich. Ich duschte, dann schlenderte ich hinunter, um Kaffee zu kochen. Während er durchlief, inspizierte ich den Inhalt des Kühlschranks und überlegte, was davon wir vorsorglich wegwerfen sollten. Wir würden mindestens eine Woche unterwegs sein, vielleicht sogar länger, und das Obst würde sich kaum länger halten als bis morgen. Ich nahm mir vor, nach dem Frühstück den Kühlschrank etwas aufzuräumen.
Ich bereitete gerade Eier und Toast zu, als Jon gähnend mit nassen Haaren hereingetappt kam. Er kuschelte sich wie so oft an meinen Rücken und machte das Schnurrgeräusch, das ich so liebte.
»Hi, Babe. Möchtest du Frühstück?«
»Mmmm«, antwortete er verschlafen.
»Und einen starken Kaffee? Du hast noch ein bisschen Zeit, bis wir losmüssen.«
Stöhnend löste er sich von mir und machte sich seinen Kaffee zurecht. »Erinner mich bloß nicht daran. Ich bin nicht besonders scharf darauf.«
Jetzt war wohl der Zeitpunkt gekommen, nachzufragen. »Du hast also vor, mit ihm zu reden, wenn wir wieder hinfahren?«
Jon zuckte resigniert die Achseln. »Ich weiß, dass ich Antworten will. Dass Nat Antworten will. Aber ich bin ehrlich gesagt nicht mehr sicher, wie ich mich bei der ganzen Sache fühlen soll. Das bisschen, was ich gesehen habe, machte den Anschein, als würde er sich sehr wünschen, dass wir wieder Kontakt haben. Und ich habe keine Ahnung, was ich davon halten soll. Ob da nur sein schlechtes Gewissen spricht.«
»Schon möglich. Wenn Menschen große Fehler machen, begreifen sie die Konsequenzen manchmal erst Jahre später. Das habe ich schon öfter erlebt.«
Er stocherte mit der Gabel in seinem Rührei und schob es auf dem Teller herum. »Weißt du, was mich richtig fertigmacht? Völlig verrückterweise leuchtet er total hell. Also nicht Havili-hell …«
Wie cool, jetzt hatten wir also unsere eigene Schattierung auf der Skala.
»… aber doch ziemlich hell. Wenn er ein Unbekannter wäre, an dem ich auf der Straße vorbeilaufen würde, dann würde ich ihn kennenlernen wollen. Mich mit ihm anfreunden.«
»Autsch. Das klingt nach Salz in der Wunde.«
»Eher Salzlauge.« Er sank in sich zusammen und starrte sein langsam erkaltendes Rührei an. »Ich weiß nicht, was ich machen soll. Wenn ich die richtigen Antworten bekomme, verzeihe ich ihm dann?«
»Das weiß ich auch nicht. Was ich weiß, ist, dass du ihn vermisst hast.«
Er ließ die Gabel fallen, stützte den Kopf in die Hände und versuchte gar nicht mehr, so zu tun, als würde er essen. »Ja. Und das macht mich wütend.«
Ich ging zu ihm hinüber, legte den Arm um ihn und drückte ihn an mich. Ich wünschte mir, ihm den Schmerz abnehmen zu können, aber gegen gebrochene Herzen konnte man nun mal nicht viel machen. »Was würdest du denn gerne von ihm hören?«
»Dass er es bereut. Dass er alles tun würde, um die Zeit zurückdrehen zu können. Dass er mich liebt. Für wie wahrscheinlich hältst du es, dass ich irgendetwas davon hören werde?«
»Für verdammt wahrscheinlich, würde ich sagen. Schließlich bist du sehr liebenswert.«
Das brachte ihn fast zum Lachen. Ich fühlte seine Schultern zucken, dann drehte er sich um und bohrte den Kopf in meine Brust. Ich nahm ihn fest in die Arme. So verharrten wir eine Weile, ineinander versunken, für einen gestohlenen Augenblick. Leichen und Mörder konnten warten. Oberste Priorität hatte für mich der Mann in meinen Armen.
»Du bist für mich da?«
»Immer.«
»Okay.« Er richtete sich auf, atmete tief durch, und da war das eiserne Rückgrat von Jonathan Bane wieder. »Dann bringen wir’s hinter uns.«
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.