Anstatt eines Rasens umgab das Bassin ein breiter Streifen Selaginella; dieser Zwergfarn bildete einen dichten, zartgrünen Moosteppich, und jenseits des kreisförmigen Hauptweges strebten vier mächtige Baumgruppen in kraftvollem Schwung zur Wölbung empor; die Palmen, leicht und anmutig geneigt, spannten ihre Fächer aus, prangten mit ihren runden Kronen, ließen ihre Wedel herabhängen wie Ruder, die ihrer ewigen Reise durch das Blau der Luft müde geworden sind; die großen indischen Bambusstengel stiegen kerzengerade, schlank und hart empor, und von oben rieselte ihr leichter Blätterregen herunter. Eine Ravenala, der „Baum der Reisenden“, streckte ihren Strauß ungeheuer großer chinesischer Fächer in die Höhe; und in einer Ecke breitete ein fruchtbeladener Bananenbaum nach allen Richtungen waagerecht seine langen Blätter aus, auf denen zwei Liebende, eng aneinandergeschmiegt, bequem hätten liegen können. In den Winkeln wuchsen abessinische Euphorbien, diese dornigen, mißförmigen Kerzen voll schändlicher Höcker, die Gift ausschwitzen. Und unter den Bäumen bedeckten niedrige Farne den Boden: Frauenhaar, Saumfarn mit ihrem zarten Spitzengewebe, ihren fein gezackten Blättern. Die etwas höheren Hainfarne schichteten die sechseckigen Etagen ihrer symmetrischen Wedel so regelmäßig übereinander, daß sie wie große Fayenceaufsätze anmuteten, dazu bestimmt, irgendwelche riesigen Dessertfrüchte aufzunehmen. Ein Rand von Begonien und Kaladien faßte die Baumgruppen ein: die Begonien mit ihren schiefen, wundervoll grün und rot gefleckten Blättern, die Kaladien, deren weiße, von grünem Geäder durchzogene Blätter die Form von Lanzenspitzen haben und großen Schmetterlingsflügeln gleichen, alles wunderliche Pflanzen, deren Laub von fremdartigem Leben erfüllt ist, mit der düsteren oder bleichen Pracht schädlicher Blumen.
Hinter den Bäumen führte ein zweiter, etwas schmalerer Rundweg durch das Treibhaus. Hier blühten auf terrassenförmig ansteigenden Stufen, hinter denen halbversteckt die Heizröhren lagen, Pfeilwurz, der sich weich anfühlt wie Samt, Gloxinien mit ihren violetten Glocken, Drazänen, die wie von altem chinesischem Lack überzogene Klingen aussehen.
Wahrhaft bezaubernd aber waren in diesem Wintergarten die Grotten in den vier Ecken, tiefe Lauben, die ein dichter Vorhang von Schlingpflanzen verhüllte. Ein Stückchen Urwald hatte hier seine Blättermauern wachsen lassen, sein undurchdringliches Stengelgewirr, Kletterranken, die sich an die Zweige klammerten, kühn den leeren Raum überspannten und wie reiche Verzierungen von der Deckenwölbung herabhingen. Eine Vanillepflanze, deren reifen Schoten ein starker Duft entströmte, wand sich um einen moosbewachsenen Rundbogen; Kockelskornsträucher schmückten mit ihren runden Blättern die kleinen Säulen; Bauhinien mit roten Blütentrauben, Quisqualus, deren Blüten wie Glasperlenketten herabhingen, verwoben sich ineinander, rieselten herab, verknoteten sich, spielten und schlängelten sich unaufhörlich wie kleine Nattern im tiefen Schatten des Laubes.
Und unter den Bogenwölbungen hingen hier und dort zwischen den Pflanzengruppen, von dünnen Eisenketten gehalten, Körbchen voller Orchideen, diesen bizarren Himmelsgewächsen, die ihre dicklichen, wie kranke Gliedmaßen knotigen und verkrümmten Triebe nach allen Seiten aussenden. Hier gab es Venusschuh, dessen Blüte einem Feenpantoffel mit Libellenflügeln am Absatz gleicht, zart duftende Aeriden, Stanhopeas mit blassen, getigerten Blüten, die ihren herben, starken Atem, beizend wie aus der Kehle eines Genesenden, in die Weite hauchten.
Was aber von allen Wegbiegungen aus in die Augen fiel, war ein großer chinesischer Rosenstrauch, dessen ungeheurer Mantel aus Grün und Blüten die ganze Seitenwand des Palais bedeckte, an die sich das Treibhaus anschloß. Die großen Purpurblüten dieser Riesenmalve, von denen unaufhörlich neue entstehen, leben nur wenige Stunden. Sie erinnern an einen halbgeöffneten sinnlichen Frauenmund, an die roten, weichen und feuchten Lippen einer gigantischen Messalina, die wund sind von Küssen und dennoch immer wieder mit ihrem gierigen, blutigen Lächeln zu neuem Leben erblühen.
Renée, die in der Nähe des Bassins stand, fröstelte jetzt inmitten dieser Blütenpracht. Die große Sphinx aus schwarzem Marmor, die, den Blick dem Aquarium zugewandt, hinter ihr auf einem Granitblock kauerte, hatte ein verstohlenes, grausames Katzenlächeln und schien mit ihren schimmernden Schenkeln die düstere Gottheit dieses heißen Bodens zu sein.
Zu dieser nächtlichen Stunde warfen mattierte Glaskugeln ihre milchige Lichtflut auf das Blattwerk. Statuen, Frauenköpfe, deren von Lachen geschwellter Hals sich weit nach hinten bog, leuchteten weiß aus Baumgruppen hervor, Schattenflecken verzerrten ihre übermütig lachenden Gesichter. Im dickflüssigen Wasser des Bassins spielten seltsame Strahlen, beleuchteten verschwommene Gestalten, blaugrüne Massen, die wie erste Entwürfe zu Ungeheuern wirkten. Eine Flut weißen Lichts glitt über die glatten Blätter der Ravenala, über die wie lackierten Fächer der Samtpalmen, während aus dem Spitzengewebe der Farne ein feiner Funkenregen herabrieselte. Hoch oben, zwischen den dunklen Schäften der hohen Palmen, glänzte der Widerschein des Glasdachs. Sonst lag rings herum alles im Dunkel; die Lauben mit ihrem Vorhang von Schlingpflanzen versanken in der Finsternis gleich Nestern schlummernder Reptilien.
Und mitten im hellen Licht stand sinnend Renée und sah dabei aus der Ferne Louise und Maxime zu. Jetzt war es nicht mehr das schwankende Träumen, die unbestimmte Versuchung der Dämmerstunde in den kühlen Alleen des Bois de Boulogne. Ihre Gedanken wurden nicht mehr in Schlummer gewiegt vom Trab der Pferde längs der gepflegten Rasenplätze, der Gebüsche, unter denen sonntags die Spießbürgerfamilien zu Mittag essen. Das Verlangen, das sie jetzt erfüllte, war eindeutig und heftig.
Eine maßlose Leidenschaft, ein wollüstiges Begehren wogte in diesem geschlossenen Raum, in dem der heiße Saft der Tropenpflanzen kochte. Die junge Frau fühlte sich mit hineingezogen in das mächtige Hochzeitsfest der Erde, bei dem das dunkle Laub ringsum, all diese gewaltigen Stämme gezeugt wurden; und das herbe Lager dieser Liebesglutgebärenden, der blühende Wald, die Fülle pflanzlichen Lebens, glühend von dem Schoß, der es nährte, umfing sie mit ihrem verwirrenden, berauschenden Atem. Das Bassin zu ihren Füßen, dieses warme, vom Saft der schwimmenden Wurzeln dickflüssig gewordene Wasser, dampfte und legte ihr einen schweren Mantel von Dunst um die Schultern, einen Brodem, der ihr die Haut erhitzte, wie die Berührung einer vor Wollust feuchten Hand. Sie spürte über ihrem Kopf das Fächeln der Palmen, deren hohe Wedel ihr Arom herabschütteten. Und weit mehr als die stickige Hitze der Luft, mehr als die grelle Helligkeit, mehr als die großen glänzenden Blüten, die wie lachende oder drohende Gesichter aus dem Laub hervorsahen, überwältigten sie die Gerüche. Ein unbestimmbarer, starker, erregender Duft, aus tausend Düften zusammengesetzt, schwebte hier: aus Menschenschweiß, aus Frauenatem, aus dem Parfüm ihrer Haare. Und Luftschwaden, zum Vergehen süß und fad, mischten sich mit widerlichem, giftgeschwängertem Pesthauch. In diesem fremdartigen Konzert der Düfte aber war das Leitmotiv, das, alles beherrschend, immer wiederkehrte und die Zärtlichkeit der Vanille, die Strenge der Orchideen übertönte, jener durchdringende, sinnliche Menschengeruch, jener Liebesgeruch, wie er des Morgens dem geschlossenen Zimmer junger Eheleute entströmt.
Renée hatte sich langsam an den Granitsockel gelehnt. In ihrem grünen Seidenkleid, Hals und Gesicht sanft gerötet, betaut von den hellen Tropfen ihrer Diamanten, glich sie einer großen grün- und rosafarbenen Blüte, einer der von der Wärme matt gewordenen Lotosblüten des Bassins. In dieser Stunde klarer Schau verflüchtigten sich für immer all ihre guten Vorsätze; die Trunkenheit, in der sie das Diner beendet hatte, stieg ihr wieder zu Kopf, gebieterisch, sieghaft, verdoppelt durch die Glut des Treibhauses. Sie dachte nicht mehr an die Kühle der Nacht, die sie beruhigt, nicht an die flüsternden Schatten im Park, deren Stimmen ihr zu einem friedlichen Glück geraten hatten. Die Sinne der leidenschaftlichen, die Launen der übersättigten Frau waren erwacht. Und die große schwarze Marmorsphinx über ihr lächelte ein geheimnisvolles Lächeln, als habe sie von dem jetzt endlich zur Klarheit gelangten Begehren, das dieses erstorbene Herz neu belebte, gewußt, von diesem so lange flüchtigen Wunsch, diesem „Anderen“, das Renée beim Wiegen ihrer Kalesche, im zarten Grau der sinkenden Nacht vergeblich gesucht und das sich ihr nun im grellen Licht dieses Feuergartens beim Anblick von Louise und Maxime, die miteinander lachten, tändelten, sich bei der Hand hielten, plötzlich offenbart hatte.
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