Tatsächlich waren schon fast alle Gäste eingetroffen: ihre Schwester Christine, ein junges Mädchen von zwanzig Jahren, sehr schlicht in weißen Musselin gekleidet; ihre Tante Elisabeth, Witwe des Notars Aubertot, in schwarzer Seide, eine kleine sechzigjährige Alte von ausgesuchter Liebenswürdigkeit; Sidonie Rougon, die Schwester ihres Gatten, eine magere, süßliche Frau unbestimmbaren Alters, mit einem Gesicht wie aus weichem Wachs, das durch die fahle Farbe ihres Kleides noch erloschener wirkte; dann die Mareuils: der Vater, Herr de Mareuil – er hatte soeben die Trauer um seine Frau abgelegt –, ein großer, unbedeutender schöner Mann von ernsthaftem Wesen, der dem Kammerdiener Baptiste auffallend ähnlich sah, und die Tochter, „diese arme Louise“, wie man sie nannte, ein siebzehnjähriges schmächtiges, leicht buckliges Kind, das mit krankhafter Anmut ein weißes, rotgetupftes Foulardkleid trug; sodann eine ganze Anzahl würdiger Männer, reichlich mit Orden dekoriert, bekannte Persönlichkeiten, blaß und wortkarg; außerdem eine andere Gruppe, junge Leute, die Gesichter vom Laster gezeichnet, in tief ausgeschnittenen Westen; sie umringten fünf oder sechs Damen von erlesener Eleganz, unter denen die beiden Unzertrennlichen glänzten, die kleine Marquise d’Espanet ganz in Gelb und die blonde Frau Haffner in Lila. Auch Herr de Mussy, jener Reiter, dessen Gruß Renée nicht erwidert hatte, war zugegen, mit der erregten Miene eines Liebhabers, der seine Verabschiedung nahe fühlt. Und inmitten der langen Schleppen, die sich über den Teppich breiteten, tappten zwei Unternehmer, reichgewordene Maurermeister, Mignon und Charrier, mit denen Saccard am folgenden Tag ein Geschäft abschließen wollte, in ihren groben Stiefeln schwerfällig herum, die Hände auf dem Rücken, urkomisch in ihren Fracks.
Aristide Saccard, der nahe der Tür stand und in seinem gewohnten näselnden Ton mit seiner südländischen Lebhaftigkeit auf jene Gruppe ernster Männer einsprach, brachte es zuwege, gleichzeitig die ankommenden Gäste zu begrüßen. Er drückte ihnen die Hand, sagte ihnen Liebenswürdigkeiten. Klein, mit einem mageren, verschlagenen Gesicht, verbeugte er sich wie eine Marionette, und was an seiner gesamten hageren, listigen, schwärzlichen Erscheinung am meisten in die Augen fiel, war der rote Fleck des Bandes der Ehrenlegion, das er besonders breit trug.
Als Renée eintrat, erhob sich ein Gemurmel der Bewunderung. Sie war wirklich blendend schön. Über einem Tüllrock, der im Rücken mit einer Flut von Volants besetzt war, trug sie eine zartgrüne, mit breiter englischer Spitze umrandete seidene Tunika, von großen Veilchentuffs gerafft und gehalten; ein einziger Volant schmückte das Vorderteil des Rockes, auf dem durch Efeugirlanden verbundene Veilchenbuketts ein leichtes Mullgefältel festhielten. Kopf und Taille schwebten in köstlicher Anmut über den majestätischen Ausmaßen dieses Rockes, dessen Kostbarkeit etwas überladen wirkte. Bis an die Spitzen der Brüste ausgeschnitten, die Arme entblößt bis zu den Veilchenbuketts auf den Schultern, schien die junge Frau völlig unbekleidet ihrer Hülle von Tüll und Seide zu entsteigen, gleich einer jener Nymphen, deren Oberkörper heiligen Eichen entwächst; und ihr weißer Busen, ihr biegsamer Leib waren offensichtlich schon so glücklich über ihre halbe Freiheit, daß man jeden Augenblick darauf wartete, das Gewand allmählich herabgleiten zu sehen wie den Anzug einer Badenden, die sich an der eigenen Schönheit berauscht. Ihre hohe Frisur, ihr feines, zu einem goldenen Helm emporgekämmtes Haar, durch das sich ein mit Veilchen geschmückter Efeuzweig wand, betonte noch die Nacktheit, weil sie den Nacken frei ließ, auf den goldig schimmerndes Flaumhaar einen leichten Schatten warf. Um den Hals trug sie ein Edelsteingeschmeide von wunderbarem Glanz und über der Stirn eine Aigrette aus silbernen, mit Diamanten besetzten Halmen. So verharrte sie einige Augenblicke auf der Schwelle, hochaufgerichtet in ihrer herrlichen Toilette, die Schultern übersprüht von dem warmen Licht. Da sie rasch die Treppe herabgekommen war, atmete sie schnell. Ihre Augen, noch ganz erfüllt von den Schatten des Parc Monceau, blinzelten in diesem Meer jähen Lichts, was ihr das Zögernde einer Kurzsichtigkeit gab, das an ihr sehr reizvoll wirkte.
Als die kleine Marquise ihrer ansichtig wurde, erhob sie sich lebhaft, eilte auf sie zu, ergriff ihre beiden Hände, musterte sie von Kopf bis Fuß und flötete leise: „Ach, wie schön Sie sind, wie schön . . .“
Unterdessen war eine allgemeine Bewegung entstanden, alle Gäste kamen herbei, um „die schöne Frau Saccard“, wie man Renée in der Gesellschaft nannte, zu begrüßen. Sie reichte fast allen Herren die Hand. Dann umarmte sie Christine und erkundigte sich nach dem Befinden ihres Vaters, der nie in das Palais am Parc Monceau kam. Und so stand sie, lächelnd, nochmals mit einem Kopfneigen grüßend, die Arme sanft gerundet, vor dem Kreis der Damen, die neugierig den Halsschmuck und die Aigrette betrachteten.
Die blonde Frau Haffner vermochte der Versuchung nicht zu widerstehen; sie trat näher, musterte lange den Schmuck und sagte endlich in neidischem Ton: „Nicht wahr, das ist doch jenes Halsband und die Aigrette . . .?“
Renée nickte. Nun ergingen sich alle Frauen in Lobeserhebungen; die Schmuckstücke seien hinreißend, unvergleichlich; dann kamen sie mit neiderfüllter Bewunderung auf die Versteigerung bei Laure d’Aurigny zu sprechen, wo Saccard den Schmuck für seine Frau erstanden hatte; sie beklagten sich darüber, daß „diese Dirnen“ die schönsten Sachen an sich rissen, bald werde es für anständige Frauen keine Diamanten mehr geben. Und aus all ihren Klagen hörte man die Sehnsucht heraus, auf der eigenen nackten Haut eines jener Kleinodien zu fühlen, das ganz Paris am Halse irgendeiner berühmten Kokotte gesehen hatte und das ihnen vielleicht die schlüpfrigen Alkovengeschichten ins Ohr flüstern würde, bei denen die Träume der Damen von Welt so wohlgefällig verweilten. Sie kannten die hohen Preise, sie sprachen von einem wunderbaren Kaschmir, von herrlichen Spitzen. Die Aigrette hatte fünfzehntausend Francs gekostet, der Halsschmuck fünfzigtausend. Frau d’Espanet war ganz berauscht von diesen Zahlen. Sie suchte Saccard und rief ihm zu: „Kommen Sie doch her und lassen Sie sich beglückwünschen! Das nenne ich einen guten Ehemann!“
Aristide Saccard kam herbei, verbeugte sich, spielte den Bescheidenen. Doch sein grinsendes Gesicht verriet lebhafte Befriedigung. Und aus dem Augenwinkel sah er zu den beiden Bauunternehmern hinüber, den reichgewordenen Maurermeistern, die sich einige Schritte entfernt aufgepflanzt hatten und mit sichtlichem Respekt die Beträge von fünfzehn- und fünfzigtausend Francs zur Kenntnis nahmen.
In diesem Augenblick stützte sich Maxime, der wunderbar elegant in seinem eng anliegenden Frack, soeben eingetreten war, vertraulich auf die Schulter seines Vaters und sprach leise zu ihm wie zu einem Kameraden, wobei er ihn mit einem Blick auf die beiden Maurer aufmerksam machte. Saccard lächelte verhalten wie ein Schauspieler, dem Beifall gespendet wird.
Es kamen noch einige Gäste. Jetzt mochten mindestens dreißig Personen im Salon sein. Die Unterhaltung belebte sich wieder: in Augenblicken der Stille hörte man hinter den Wänden das leichte Klirren von Porzellan und Silberzeug. Endlich öffnete Baptiste eine Flügeltür und sprach voll Würde die geheiligten Worte: „Gnädige Frau, es ist angerichtet.“
Darauf begann langsam der Einzug in den Speisesaal. Saccard bot der kleinen Marquise den Arm; Renée nahm den eines alten Herrn, des Senators Baron Gouraud, vor dem alle Welt in Ehrfurcht erstarb; Maxime mußte Louise de Mareuil den Arm reichen; dann kamen die übrigen Gäste in langem Zug, und ganz zum Schluß die beiden Bauunternehmer mit baumelnden Armen.
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