Renée hatte den Kopf wieder angelehnt und schaute aus halbgeschlossenen Augen lässig nach beiden Seiten der Allee, ohne wirklich etwas zu sehen. Rechts glitten still Gebüsche und niedriger Wald mit rötlichem Laub und dünnem Astwerk vorüber; zuweilen galoppierten auf dem Reitweg Herren mit schlanker Taille vorbei, und ihre Tiere wirbelten Wölkchen feinen Sandes auf. Links, am Fuß der schmalen, abschüssigen Wiesen, die von Blumenrabatten und Baumgruppen unterbrochen waren, schlief in kristallener Reinheit der See, ohne jeden Schaum und als hätten die Gärtner seine Ufer säuberlich mit dem Spaten abgestochen. Und jenseits dieses klaren Spiegels reckten die beiden Inseln, zwischen denen die Brücke, die sie verbindet, jetzt einen grauen Strich bildete, ihre reizenden Uferklippen empor und reihten vor dem blassen Himmel gleich Fransen geschickt am Horizont drapierter Vorhänge die kulissenhaften Zeilen ihrer Tannen auf, ihrer Bäume mit bleibendem Laub, dessen schwärzliches Grün das Wasser widerspiegelte. Dieser Naturwinkel, diese Theaterdekoration, die wie frisch gemalt aussah, schwamm in leichtem Schatten, in bläulichem Dunst, der der Ferne einen erlesenen Reiz verlieh, eine Atmosphäre entzückender Unwirklichkeit. Das Inselschlößchen am anderen Ufer glänzte wie ein neues Spielzeug, das erst gestern lackiert worden war. Und diese Bänder von gelbem Sand, diese schmalen Gartenwege, die sich durch die Wiesen schlängeln und, von künstlichen gußeisernen Zweigen eingefaßt, um den See laufen, hoben sich zu dieser späten Stunde noch merkwürdiger vom zärtlichen Grün des Wassers und des Rasens ab.
An die kunstvolle Anmut dieser Aussicht gewöhnt und wieder von Müdigkeit ergriffen, hatte Renée die Augenlider völlig gesenkt und betrachtete nur noch ihre schlanken Finger, die einander mit den langen Haaren des Bärenfells bewickelten. Plötzlich aber gab es einen Ruck im regelmäßigen Trab der Fahrzeuge. Sie hob den Kopf und grüßte zu zwei jungen Damen hinüber, die in verliebter Lässigkeit nebeneinander in einem achtfedrigen Wagen lehnten, der soeben unter großem Aufsehen das Seeufer verließ, um sich durch eine Seitenallee zu entfernen. Die Marquise d’Espanet, deren Gatte, damals Generaladjutant des Kaisers, sich höchst geräuschvoll der Entrüstung des schmollenden alten Adels angeschlossen hatte, war eine der glänzendsten Weltdamen des zweiten Kaiserreichs; die andere, Frau Haffner, hatte einen bekannten Fabrikanten aus Colmar geheiratet, einen zwanzigfachen Millionär, den das Kaiserreich zum Politiker gemacht hatte. Renée hatte die beiden „Unzertrennlichen“, wie man sie vielsagend titulierte, im Pensionat kennengelernt, sie nannte sie beim Vornamen: Adeline und Suzanne. Und als sich die junge Frau, nachdem sie ihnen zugelächelt hatte, gerade wieder zusammenkuscheln wollte, wandte sie auf ein Lachen von Maxime hin den Kopf.
„Nein, ich bin wirklich traurig, du darfst nicht lachen, es ist mir Ernst damit!“ sagte sie, als sie sah, wie der junge Mann sie spöttisch betrachtete und sich über ihre gebeugte Haltung lustig machte.
Maxime schlug einen scherzenden Ton an.
„Wir hätten also einen schweren Kummer, wir wären am Ende eifersüchtig?“
Sie schien völlig überrascht.
„Ich?“ fragte sie. „Warum denn eifersüchtig?“
Dann fügte sie, als erinnere sie sich plötzlich, mit ihrer verächtlichen Schmollmiene hinzu: „Ach ja, die dicke Laure! An die denke ich gar nicht. Wenn Aristide, wie ihr alle mir zu verstehen geben wollt, dieser Person die Schulden bezahlt und ihr dadurch eine Reise ins Ausland erspart hat, so heißt das nur, daß er weniger am Geld hängt, als ich glaubte. Das wird ihn bei den Damen wieder in Gunst setzen . . . der gute Mann, ich lasse ihm volle Freiheit!“
Sie lächelte, sie sagte „der gute Mann“ in einem Ton freundschaftlicher Gleichgültigkeit, und auf einmal wurde sie wieder sehr traurig, schaute umher mit dem verzweifelten Blick der Frauen, die nicht mehr wissen, welcher Zerstreuung sie sich hingeben könnten, und murmelte: „Oh, ich möchte . . . Doch nein, ich bin nicht eifersüchtig, ganz und gar nicht eifersüchtig.“
Sie hielt inne, zögerte.
„Siehst du, ich langweile mich“, sagte sie endlich mit rauher Stimme.
Darauf schwieg sie mit zusammengekniffenen Lippen.
Immer noch glitt die Wagenreihe den See entlang, in gleichmäßigem Schritt, mit dem eigentümlichen Geräusch eines fernen Wasserfalls. Soeben tauchten links, zwischen dem Wasser und der Allee, Gruppen kleiner immergrüner Bäume auf, deren dünne, gerade Stämmchen merkwürdige Säulenbündel bildeten. Rechts hatten die Gebüsche und der niedrige Wald aufgehört; der Bois hatte sich zu breiten Wiesen aufgetan, zu unendlichen Grasteppichen, auf denen hier und da Gruppen alter Bäume standen; die grünen Flächen folgten einander in leichten Wellen bis zur Porte de la Muette, deren niedriges Gitter, das einem Stück dicht über dem Boden ausgespannter schwarzer Spitze glich, man von sehr weit her sehen konnte; und an den Hängen, dort, wo sich die Bodenwellen vertieften, war das Gras ganz blau. Renée starrte vor sich hin, als brächten ihr dieser weiter gewordene Horizont, diese weichen, von der Abendluft durchhauchten Wiesen die Leere ihres Daseins noch schmerzlicher zum Bewußtsein.
Nach einem Stillschweigen wiederholte sie im Ton dumpfen Zorns: „Oh, ich langweile mich, ich langweile mich zum Sterben.“
„Weißt du auch, daß du nicht gerade amüsant bist?“ sagte Maxime ruhig. „Du bist wieder einmal gereizt, soviel ist sicher.“
Die junge Frau warf sich in die Wagenkissen zurück.
„Ja, ich bin gereizt“, erwiderte sie trocken.
Dann wurde sie mütterlich.
„Ich werde alt, mein liebes Kind; ich bin bald dreißig. Das ist schrecklich! Ich habe an nichts mehr Spaß . . . Du mit deinen zwanzig Jahren kannst nicht wissen . . .“
„Hast du mich etwa mitgenommen, um mir eine Beichte abzulegen?“ unterbrach sie der junge Mann. „Das würde verteufelt lange dauern.“
Sie nahm diese Frechheit mit einem leichten Lächeln hin, wie die Unart eines verzogenen Kindes, dem alles erlaubt ist.
„Du hast allen Grund, dich zu beklagen“, fuhr Maxime fort, „für deine Toiletten gibst du jährlich mehr als hunderttausend Francs aus, du bewohnst ein fürstliches Haus, hast herrliche Pferde, deine Launen werden zu Gesetzen, und die Zeitungen berichten über jede deiner neuen Roben wie über ein Ereignis von höchster Wichtigkeit; die Frauen beneiden dich, und die Männer würden zehn Jahre ihres Lebens hingeben, um dir auch nur die Fingerspitzen küssen zu dürfen . . . Stimmt’s?“ Sie nickte zustimmend, ohne zu antworten. Die Wimpern gesenkt, hatte sie von neuem begonnen, sich die Haare des Bärenfells um die Finger zu wickeln.
„Geh, sei nicht bescheiden“, sprach Maxime weiter, „gib rundweg zu, daß du eine der Stützen des zweiten Kaiserreichs bist. Unter uns können wir ja von diesen Dingen reden. Überall, in den Tuilerien, bei den Ministern, bei den simplen Millionären, von oben bis unten regierst du als unumschränkte Herrscherin. Es gibt kein Vergnügen, das du nicht in vollen Zügen genossen hättest, und wenn ich es wagte, wenn der Respekt, den ich dir schulde, mich nicht zurückhielte, würde ich sagen . . .“
Er schwieg einige Augenblicke und lachte; dann vollendete er ritterlich seinen Satz: „Dann würde ich sagen, du hast bereits alle Früchte gekostet.“
Sie verzog keine Miene.
„Und dabei langweilst du dich noch!“ begann der junge Mann erneut mit spaßhaftem Eifer. „Aber das ist ja eine Sünde! Was willst du eigentlich? Wovon träumst du?“
Sie zuckte mit den Achseln, um anzudeuten, daß sie es selber nicht wisse. Obwohl sie den Kopf gesenkt hielt, sah Maxime ihr Gesicht jetzt so ernst, so traurig, daß er schwieg. Er betrachtete die Wagenreihe, die, am Ende des Sees angelangt, sich auseinanderzog und die breite Straßenkreuzung füllte. Die Fahrzeuge, nun weniger beengt, schwenkten in prachtvollen Kurven ein; der raschere Hufschlag der Gespanne hallte auf dem harten Boden.
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