Auch jetzt saß sie hier mit ihren besten Freundinnen. Ihre Schwester und ihre Tante waren schon gegangen, nun gab es um sie her nur noch überspannte Leute. Tief in die Polster einer Causeuse zurückgelehnt, lauschte Renée ihrer Freundin Adeline, die ihr mit katzenhaften Gebärden und jähen Lachanfällen allerlei Vertraulichkeiten ins Ohr flüsterte. Viele umringten Suzanne Haffner; sie behauptete sich erfolgreich gegen eine Gruppe junger Leute, die sich recht nahe an sie herandrängten, ohne daß sie dabei ihre deutsche Ruhe verloren hätte, ihre herausfordernde Keckheit, die unverhüllt und kalt war wie ihre Schultern. Abseits in einer Ecke belehrte Frau Sidonie leise eine junge Frau mit mädchenhaft gesenkten Wimpern. Etwas weiter weg plauderte Louise, hochaufgerichtet, mit einem großen schüchternen Jüngling, der immerfort errötete, während Baron Gouraud, mitten im hellen Licht in seinem Sessel eingenickt, sein welkes Fleisch, seine farblose Elefantengestalt neben der zerbrechlichen Anmut der Damen und der seidigen Zartheit ihrer Toiletten zur Schau stellte. Und über das ganze Zimmer, über die seidenen Kleider, deren Falten hart und glänzend waren wie Porzellan, über die milchweißen Schultern, auf denen sternengleich die Diamanten funkelten, fiel wie Goldstaub ein feenhaftes Licht. Irgendein feines Stimmchen, ein girrendes Lachen erklang hell und klar wie Kristall. Es war sehr warm. Langsam, wie Flügel, regten sich die Fächer und warfen mit jeder Bewegung die Moschusdüfte der Korsagen in die drükkende Luft.
Als Maxime auf der Türschwelle erschien, erhob sich Renée, die der Marquise nur mit halbem Ohr zugehört hatte, mit großer Lebhaftigkeit und tat, als riefen sie ihre Hausfrauenpflichten. Sie ging in den großen Salon, wohin der junge Mann ihr folgte. Hier teilte sie lächelnd Händedrücke aus, zog aber nach einigen Schritten Maxime beiseite.
„Sieh da“, sagte sie halblaut in ironischem Ton, „der Frondienst ist also leicht, es ist gar nicht mehr so albern, jemandem den Hof zu machen.“
„Ich verstehe nicht ganz“, antwortete der junge Mann, der sich für Herrn de Mussy einsetzen wollte.
„Aber mir scheint, ich habe gut daran getan, dir Louise nicht vom Halse zu halten. Ihr beide geht ja recht schnell drauflos.“
Und etwas unwillig fügte sie hinzu: „Ihr habt euch bei Tisch reichlich unpassend benommen.“
Maxime fing an zu lachen.
„Ach ja, wir haben einander Geschichten erzählt. Ich habe die Kleine vorher gar nicht gekannt. Sie ist drollig. Sie wirkt wie ein Junge.“
Und da Renée immer noch mit gereiztem Gesichtsausdruck die Sittenstrenge spielte, fuhr der junge Mann, der Entrüstung solcher Art bei ihr nicht kannte, mit seiner gewohnten lächelnden Vertraulichkeit fort: „Glaubst du etwa, liebe Stiefmama, ich hätte sie unter dem Tisch ins Knie gekniffen? Zum Teufel, ich weiß doch, wie ich mich einer Braut gegenüber zu benehmen habe! Übrigens habe ich dir Wichtigeres zu sagen. Hör mal zu . . . Du hörst doch, nicht wahr?“
Er sprach noch leiser.
„Nun also, Herr de Mussy ist tief unglücklich, wie er mir soeben gesagt hat. Du wirst begreifen, daß es nicht meine Sache ist, eure etwaigen Streitigkeiten beizulegen. Aber du weißt ja, ich kenne ihn vom Gymnasium her, und da er ein ehrlich verzweifeltes Gesicht machte, habe ich ihm versprochen, bei dir ein gutes Wort für ihn einzulegen.“
Er hielt inne.
Renée sah ihn mit einem Ausdruck an, aus dem er nicht klug wurde.
„Du antwortest nicht?“ fuhr er fort. „Das kann mir gleich sein, meinen Auftrag habe ich ausgeführt, macht nun, was ihr wollt . . . Aber, nimm mir’s nicht übel, ich finde dich grausam. Dieser arme Junge hat mir leid getan. Ich würde ihm an deiner Stelle wenigstens ein freundliches Wort ausrichten lassen.“
Renée hatte nicht aufgehört, Maxime mit starrem Blick anzusehen, in dem eine helle Flamme brannte; sie entgegnete: „Sage Herrn de Mussy, daß er mich langweilt.“
Und sie mischte sich wieder unter die Gäste, ging langsam zwischen den Gruppen hindurch, lächelte, grüßte, schüttelte hier und dort eine Hand. Maxime war mit erstauntem Gesicht stehengeblieben, dann überkam ihn ein lautloses Lachen.
Da es ihn wenig lockte, Herrn de Mussy die Antwort zu überbringen, schritt er durch den großen Saal. Die Soiree, großartig und banal wie alle Soireen, ging ihrem Ende entgegen. Es war beinahe Mitternacht, und die Gäste verabschiedeten sich nach und nach. Er wollte nicht mit einem unangenehmen Eindruck nach Hause und zu Bett gehen und beschloß deshalb, Louise zu suchen. Als er am Ausgang zum Vestibül vorbeikam, erblickte er dort die hübsche Frau Michelin, die ihr Gatte eben zärtlich in einen blaurosa Abendmantel hüllte.
„Es war reizend, ganz reizend“, sagte die junge Frau, „Während des ganzen Essens war von dir die Rede. Er wird mit dem Minister sprechen, nur hängt die Sache nicht von ihm ab . . .“ Und da ein Lakai neben ihnen im Begriff war, den Baron Gouraud in einen dicken pelzgefütterten Umhang zu verpacken, flüsterte sie ihrem Mann ins Ohr, während er ihr die Kapuze unter dem Kinn zuband: „Dieser Dickwanst könnte die ganze Angelegenheit ins reine bringen. Er erreicht auf dem Ministerium, was er will. Morgen, bei den Mareuils, muß man versuchen . . .“
Herr Michelin lächelte. Er führte seine Frau so behutsam hinaus, als hielte er einen zerbrechlichen und kostbaren Gegenstand im Arm. Nachdem sich Maxime mit einem raschen Blick überzeugt hatte, daß Louise nicht im Vestibül war, ging er geradewegs in den kleinen Salon. Wirklich saß sie noch dort, fast allein, und wartete auf ihren Vater, der, wie es schien, den ganzen Abend mit den Männern der Politik im Rauchzimmer verbracht hatte. Die Marquise und Frau Haffner waren bereits fortgegangen. Nur Frau Sidonie war noch geblieben und erzählte gerade einigen Beamtengattinnen, daß sie eine große Tierfreundin sei.
„Ah, da kommt ja mein kleiner Gatte!“ rief Louise. „Nun setzen Sie sich und sagen Sie mir, in welchem Sessel mein Vater eingeschlafen sein mag. Er glaubt sich wohl schon in der Abgeordnetenkammer.“
Maxime antwortete ihr im gleichen Ton, und bald fanden die jungen Leute in die helle Lachstimmung zurück, in der sie beim Essen gewesen waren. Maxime saß auf einem niedrigen Schemel zu ihren Füßen, ergriff schließlich ihre beiden Hände und scherzte mit ihr wie mit einem Kameraden. Und tatsächlich glich sie in ihrem weißen Foulardkleid mit den roten Tupfen, in der hochgeschlossenen Korsage mit ihrer flachen Brust, dem häßlichen kleinen Kopf eines schlauen Schlingels einem als Mädchen verkleideten Jungen. Zuweilen aber lag etwas wie Hingebung in ihren dünnen Armen, ihrer leicht verkrümmten Gestalt, und blitzartig leuchtete in ihren noch von Kindlichkeit erfüllten Augen Leidenschaft auf, ohne daß sie bei Maximes Getändel auch nur im geringsten errötet wäre. Und so lachten beide, glaubten sich allein und sahen nicht einmal Renée, die, den Blicken halb entzogen, mitten im Wintergarten stand und von weitem zu ihnen herüberschaute.
Schon seit einer kleinen Weile hatte der Anblick von Maxime und Louise die junge Frau plötzlich hinter einem Strauch zurückgehalten, als sie eben einen Weg überqueren wollte. Rings um sie breitete das Treibhaus, das dem Schiff einer Kirche glich und dessen dünne eiserne Säulchen alle nach oben strebten, um das gewölbte Glasdach zu stützen, seine üppige Vegetation aus, seine mächtigen Blätterteppiche, das strahlende Feuerwerk seines Grüns.
In der Mitte, in einem ovalen Bassin, dessen Rand in gleicher Höhe mit dem Erdboden lag, führte die gesamte Wasserflora der heißen Länder das geheimnisvolle meergrüne Dasein der Sumpfpflanzen. Cyclanthus reckte seine grünen Federbüsche empor und umgab in feierlichem Kranz den Springbrunnen, der dem abgeschlagenen Kapitell einer riesigen Säule glich. An beiden Enden erhoben große Monsteras ihr fremdartiges Strauchwerk über das Bassin; ihre trockenen, kahlen Stengel wanden sich wir kranke Schlangen und ließen ihre Luftwurzeln herabhängen wie im Freien aufgehängte Fischernetze. Nahe dem Rand entfaltete ein javanischer Paudanus seine Garben grünlicher, weißgestreifter Blätter, schmal wie Degenklingen, dornig und wie malaiische Dolche gezahnt. Und auf der Oberfläche des lauen, leicht erwärmten stehenden Wassers öffneten Lotosblumen ihre rosigen Sterne, während der Teufelskopf seine runden, warzigen Blätter schleppen ließ, die wie Rücken warzenbedeckter Riesenkröten flach auf dem Wasser schwammen.
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