Das späte Tageslicht fiel ins Zimmer, Staub tanzte auf den Sonnenstrahlen. Sie sah sich um, auf dem Tisch stand eine Tonschale mit getrockneten Kräutern. Sacht nahm sie einige Blättchen, zerrieb sie zwischen den Fingern und roch daran, es war Wachholder zum Räuchern. In einer Nische war eine flache Feuerstelle im Boden eingelassen. Daneben standen je zwei Tassen, Schalen und Teller auf einem Holzbrett. Ein vergilbtes Rollbild hing an der Wand, darauf tanzte eine nackte kraftvolle Frau mit wildem Löwenkopf im Feuerkreis, ein fast zur Neige abgebrannter Kerzenstumpf stand darunter. Als es hinter ihr raschelte, wandte sich Özel erschrocken um. Eine schwarze Krähe saß auf dem Fensterrahmen, streckte neugierig den Kopf ins Zimmer und wippte den gedrungenen Körper vor und zurück. Behutsam streckte sie ihre Hand nach dem Vogel aus, doch der hüpfte meckernd vom Fensterbrett und flog auf eine knorrige Eberesche neben der Hütte. Özel setzte ihre Betrachtungen fort. In einer Ecke der Hütte lag ein Strohsack, daneben einige mit Brokatstoff umwickelte Textblätter. Wohnte ein Weiser an so einem unwirtlichen Ort? Vielleicht war er ja längst weitergezogen, so verlassen wie die Hütte wirkte. Doch nach dem stundenlangen Wandern bergauf war Özel viel zu erschöpft, um über ihre Entdeckung allzu enttäuscht zu sein. Wie eine müde Katze rollte sie sich unter dem Bildnis der löwengesichtigen Frau mit dem blauen Körper zusammen und schob ihren Beutel unter den Kopf. Binnen Sekunden schlief sie tief und fest.
Eine furchterregende nackte Gestalt trampelte auf ihr herum, sie lag auf der Erde, hilflos, gelähmt vor Angst. Dunkle Schreie stieß sie aus, die löwenmähnige wilde Frau, sie drangen durch Mark und Bein, rissen ihr Inneres auf. Ihre schweren, üppigen Brüste wippten im Takt des Tanzes, als schlügen sie den Rhythmus. Um ihren Hals baumelte eine lange Kette aus Schädelknochen, in der Linken schwang sie ein gebogenes Messer. Özel Li keuchte und wand sich, versuchte, der hereinbrechenden Gewalt auszuweichen. Jeder Fußtritt zielte mitten ins Herz. Aber es war nicht Schmerz, was sie fühlte, es war Leere, immer größer werdende Leere, die sie zu verschlingen drohte. Özel schrie und kämpfte um ihr Leben. Sie wollte nicht vernichtet werden, nein, das wollte sie nicht.
Wie ein gehetztes Tier fuhr sie auf, fasste sich ans Herz, ihr Atem ging wild. Die Haare hingen ihr schweißnass ins Gesicht. Es war stockdunkel. Wo war sie? Plötzlich fiel es ihr wieder ein, sie befand sich in der Hütte auf dem Berg. Welcher hässliche Geist hatte sie da im Traum heimgesucht? Erleichtert, dem Trugbild entronnen zu sein, drehte sie sich weg von der Wand auf die andere Seite – und erstarrte. Im schalen Licht des jungen Mondes saß eine schemenhafte Gestalt auf dem Boden, stumm wie ein Geist, die Hände im Schoß. Aufrecht, die Augen reglos auf sie gerichtet.
Özel Li wäre am liebsten im Erdboden versunken. Ohne Erlaubnis war sie gedankenlos in ein fremdes Haus eingedrungen. In der Nacht war der Meister zurückgekehrt und hatte in seiner Einsiedelei ein fremdes Mädchen vorgefunden. Wie konnte sie nur so unbedacht handeln? Langsam wie eine Schildkröte setzte sie sich auf, entschlossen, sich so respektvoll wie nur möglich aus der Hütte zu entfernen. Vor dem Mann auf dem Boden liegen zu bleiben war ein Ding der Unmöglichkeit. Ihre Gedanken überschlugen sich, ihr Herz sprang fast aus der Brust, als der Alte seine Hand hob und sie heranwinkte. Wortlos gehorchte Özel. Stumm saßen sie im Dunkel neben-einander und schauten auf die Wand. Nur langsam fand Özels Atem zum gewohnten Rhythmus zurück, die Augen machten sich mit der Nacht vertraut. Wie ein Blitz durchzuckte sie ein Gedanke, als ihr Blick das Rollbild an der Wand streifte: Die nackte Frau aus ihrem Traum war kein böser Geist, die blaue Dakini, die Himmelstänzerin, war auf ihrem Herzen herumgetrampelt. Sie war in ihrer Höhle, im Heiligtum der Löwin. Özel schaute und erschauderte.
Noch lange saßen der Alte und das Mädchen nebeneinander in der Dunkelheit, der Raum der kleinen Hütte weitete sich. Irgendwann fielen Özel Li vor Müdigkeit die Augen zu und sie verkroch sich zum Schlafen in die hinterste Ecke der Hütte, der Meister verharrte reglos auf seinem Platz.
Es war taghell, als sie erwachte, die Hütte leer. Mit eiligen Fingern ordnete sie Kleidung und Haar und trat ins Tageslicht. Auf einem Felsvorsprung saß der Meister in der Morgensonne. Zu Özels Verwunderung war die schwarze Krähe neben ihm und pickte Krümel von der Erde. Ein Bein untergeschlagen, rührte er in einer Schale, er trug eine braune, knielange Hose unter einem dunkelroten Gewand. Das Haar, locker zum Zopf gewickelt, fiel silbergrau und lang über eine schmale Schulter und sein weißer, langer Bart schimmerte wie ein Rinnsal aus Milch. Er wandte den Kopf und Özel traf, wie schon in der Nacht, das Strahlen seiner durchdringenden Augen. »Möchtest du etwas trinken?«
Er goss dampfenden Buttertee in eine leere Schale und streckte sie ihr hin.
Verlegen setzte sie sich, nahm aber dankbar einen Schluck heißen Tee aus geröstetem Gerstenmehl. Wie sollte sie sich nach dieser Nacht erklären? Beherzt ergriff sie die Flucht nach vorn.
»Ich heiße Özel Li und möchte deine Schülerin werden, Meister. Meine Eltern wollten mich verheiraten, aber ich möchte keinem Mann angehören und habe deshalb mein Zuhause verlassen. Es tut mir wirklich entsetzlich leid, dass ich in deiner Abwesenheit so unbedacht in die Hütte eingedrungen bin.«
»Du meinst, du bist von zu Hause weggelaufen«, stellte der Meister trocken fest und goss Tee nach. »Wie willst du einem Meister gehorchen, wenn du dich nicht einmal deinen Eltern oder einem Ehemann unterordnen kannst?«
Özel kaute auf der Unterlippe. Womöglich hatte der Meister recht und würde sie zurückschicken.
»Wie alt bist du, Özel Li?«
»Siebzehn.«
»Warum suchst du kein Kloster auf und wirst Nonne, wenn du nicht heiraten willst?«
Der Meister schlürfte aus seiner Schale.
Özel schwieg. Sie hatte niemals darüber nachgedacht, Nonne zu werden.
»Ich bin noch jung und weiß nicht viel von der Welt, Meister«, erwiderte sie. »Doch seit meiner Kindheit träume ich davon, ein Wanderleben zu führen. In meinen Träumen fliege ich Nacht für Nacht durch die Welt und es ist wunderbar. Ich glaube, ich wäre eine schlechte Ehefrau, Mutter oder Nonne, ich fühlte mich eingesperrt und erstickt von starren Regeln und Erwartungen. Ich träume davon, frei zu sein. Mein Herz sagt, es will Alles . Aber was ist das: Alles . Sag mir, Meister, warum aber trage ich einen solchen Wunsch in meinem Herzen, wenn es nicht möglich ist, ihn Wirklichkeit werden zu lassen?«
Der Meister schwieg und schaute aufmerksam in den Himmel. Die Krähe streckte sich, breitete die Flügel aus und flog davon.
Nach ihrer offenen Rede war Özel bange ums Herz. Ihr Vater hätte dies nicht geduldet, hätte mit einer steilen Zornesfalte zwischen den Augenbrauen das Zelt verlassen.
»Klug und mutig hast du gesprochen, Özel Li. Ja, warum sollte sich in deinem Herzen ein derartiges Sehnen entfalten, wenn es sich nicht verwirklichen ließe?«, lächelte da der Meister und betrachtete sie freundlich und aufmerksam. Das Mädchen wird von einer eigenartigen Sorglosigkeit getragen, von einem fast selbstgenügsamen Vertrauen in das Wohlwollen des Lebens, dachte er. Das ist eine besondere, eine unschuldige Gabe, die wie ein junger Baum begossen werden wollte. Er nickte wie zur Bestätigung noch einmal vor sich hin. Wie die Krähe, dachte Özel Li.
»In Ordnung. Ich bin Norbu Legpa, du kannst eine Zeitlang bei mir bleiben.«
Özel Li bezog einen leerstehenden Unterstand hinter des Meisters Hütte. Im Morgengrauen standen sie auf und rezitierten im Einklang mit der Bahn des Mondes gemeinsam heilige Texte. War der Mond voll und rund, sangen sie Anrufungen, die das Leben stärkten und lange währen ließen. Unter der schmalen Sichel des Neumondes war es dagegen gut, die Kräfte des Körpers und seine Energie zu erneuern. Meister Norbu lehrte sie jahrhundertealte Melodien. Sogar ihre Schreibkünste waren an diesem Ort willkommen. Der Meister trug ihr auf, alte, verschlissene Gebetstexte auf frische Papierstreifen zu übertragen. Sie lernte begierig und ihr Leben war mit lauter neuen Tätigkeiten ausgefüllt. Özel war so zufrieden auf dem Berg, dass sie nur ganz selten an ihre Familie dachte.
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