Und Mrs Peary machte sich nützlich. Denn als ihr Gatte am 6. Juni 1891 zu seiner zweiten Grönland-Reise aufbrach, stand sie ebenso auf der Teilnehmerliste wie der Farbige Matthew Alexander Henson, Pearys Faktotum auf Jahre hinaus, und der New Yorker Arzt Dr. Frederick Albert Cook. Aber mochte an diesem Nachmittag um fünf, als die »Kite« in Brooklyn die Leinen kappte, seine Gemütsverfassung noch so heiter und das vielstimmige »Farewell thee well« noch so ermutigend sein: Zur selbigen Stunde begann ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Cook und Peary, dessen Ausgang bis heute unbekannt ist.
Wer konnte es ahnen? Verlief doch die Expedition äußerst erfolgreich. Peary und seine Crew errichteten eine Hütte am McCormick-Fjord am oberen Zipfel der Baffin-Bai, »Red Cliff House«; sie befreundeten sich mit einigen Eskimos, die in der Nähe siedelten; und lernten, in der Arktis zu überstehen und sich zu bewegen – vor allem Hunde-Schlitten zu führen. Gut vorbereitet gelang Peary mit dem Norweger Eivind Astrup zwischen dem 3. Mai und dem 6. August 1892 eine mehr als zweitausend Kilometer lange Hin- und-Rücktour bis zu der – von ihnen so getauften – Independence-Bai, einer Bucht im Nordwesten Grönlands, die als solche ein Argument für den Inselcharakter von dessen Landmasse liefert.
Als die Depeschen im September Pearys Heimkunft meldeten, setzte sich in Kristiania – dem heutigen Oslo – Fridtjof Nansen an den Schreibtisch und gratulierte dem Kollegen zu seinem Erfolg. Er selbst sei schließlich »einer von denen, die ein bisschen vom Inlandeis gesehen haben«. Daher könne er die Leistungen Pearys beurteilen und ihn mit Fug und Recht als sein »Bewunderer« grüßen.
Nach diesem Ritterschlag durch einen der prominentesten Polarexperten seiner Zeit fühlte sich Peary umso mehr dazu befähigt, der von ihm selbst an sich ergangenen Berufung zu folgen. Das Marineministerium stellte ihn abermals unter voller Beibehaltung seiner Bezüge von seinen Dienstpflichten frei. Was gleichwohl fehlte, war Geld zur Finanzierung der nächsten Expedition. Die Mitwirkung an George Eastmans etwas verwegen betitelter Werbebroschüre The Kodak at the North Pole (»Die Kodak [-kamera] am Nordpol«, 1892) brachte nicht allzu viel ein. Daher ging Peary zusammen mit Henson ein Engagement als Showstar ein. Windmaschine an! Und Vorhang auf! Eingemummelt in einen dicken Pelz arbeitete sich Peary wie durch einen Schneesturm zur Mitte der Bühne vor, woraufhin Henson unter Peitschenknallen mit einem Hundegespann folgte. Dann legten sich die Huskys vor die Füße des immer ärger ins Schwitzen geratenden Vortragskünstlers, bis sie auf ein verstohlenes Zeichen zum Eisberg- oder Steinerweichen ein gespenstisches Geheul anstimmten. Vorhang zu! Und Windmaschine aus! There’s no business like snowbusiness ...
Denn es lohnte sich: Als Peary am 23. Juni 1893 auf der »Falcon« zu seiner dritten Grönland-Fahrt von Philadelphia abdampfte, war er vorbereitet, zwei Jahre auszubleiben. Trotzdem stand das Ganze vom Anfang bis zum Ende unter einem fatalen Omen – nicht zuletzt, weil Dr. Cook es abgelehnt hatte, sich erneut dem monomanen Habitus des Chefs zu unterwerfen. Er, dessen »Professionalität« noch vor einem Jahr nach Pearys Zeugnis maßgeblich zum Gelingen der zweiten Grönland-Mission beigetragen hatte, fehlte nun in einem Trupp, dem einfach nichts mehr glücken wollte.
Die neuerliche Rekognoszierung der Nordkante von Grönland scheiterte zunächst; und als sie dann 1895 gelang, brachte sie nichts anderes als das Wiedersehen mit etwas Bekanntem. Ein Lichtblick war zwar die Geburt von Pearys Tochter Marie Ahnighito am 11. September 1893 in der »Anniversary Lodge« oberhalb des 77. Breitengrades gewesen – nur: Musste man für dergleichen eine Expedition ins Polarmeer abhalten? »Dieses Satanszeug arktische Forschung«, das Peary jetzt verfluchte, wurde auch dadurch bloß geringfügig aufgewertet, dass er bei seiner Heimkehr im Sommer 1895 zwei vermeintliche Meteoriten präsentieren konnte, die er in Grönland ausgegraben hatte.
Den dritten und massigsten Eisenklumpen zu bergen gelang ihm erst 1897. Da hatte Peary schon zwei weitere Exkursionen nach Grönland unternommen, die so belanglos waren, dass sie sein penibler Biograf Wally Herbert in The Noose of Laureis (»Die Lorbeerschlinge«, 1989) in einem Halbsatz abtut.
Robert Edwin Peary war jetzt einundvierzig Jahre alt, ein Medienstar, zweifellos, »The Hero of Heroes«, als der er vor jedem Auftritt angekündigt wurde – und gestresst. Denn seine Zugkraft schwand: Vier der sechs Eskimos, die er – Menschen, Iglus, Sensationen! – exportiert hatte, waren in New York an Lungenentzündung gestorben, die ›Meteoriten‹ hatte »Jo« dem American Museum of Natural History verkauft, im eigentlichen Sinne entdeckt hatte er nichts (nicht einmal die himmlischen Gesteinsbrocken: die kannte schon John Ross 1818) und keinen Rekord aufgestellt; vom Skandal seines Ehebruchs mit der Eingeborenen Aleqasina war noch nichts verlautet. Kurzum: Das hoch geschätzte Publikum erwartete eine neue Attraktion.
Also gab der Äquilibrist – die Wendung sei erlaubt – dem Affen Zucker, indem er kundtat, dass der Hauptzweck aller seiner Anstrengung die Einnahme des Nordpols sei. Und damit auch jeder, Yankee oder Südstaatler, den Stellenwert ermaß, den er der Sache zuschrieb, verließ er 1898 den Hafen von New York am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag.
Die Parole für das Bevorstehende hatte er – in Abwandlung auf die eigene Person – der Tragödie Hercules furens (um 50 n. Chr.) des römischen Dramatikers Lucius Annaeus Seneca entnommen: »Inveniam viam aut faciam« ... »Ich werde einen Weg finden oder mir einen bahnen.«
Der Ausspruch sollte in einer Weise bedeutsam werden, die niemand in ihrer Zweideutigkeit voraussehen konnte.
DAS BASTA EINES SÜCHTIGEN
Sein Basisdepot legte Peary diesmal circa vier Breitengrade nördlich von »Red Cliff House« und »Anniversary Lodge« an. Denn nachdem er mit der »Windward« Mitte August am Westufer des Smith-Sunds festgemacht und dort die ersten Monate tatenlos verbracht hatte, war er im Dezember mit seinem »Negerdiener«, seinem treuen Sancho Pansa, und vier Eskimos – »Jo« nannte sie in handfestem Rassismus seine »Huskys« – an der Ostseite der Ellesmere-Insel nach »Fort Conger« marschiert, in jenes Camp, das Adolphus Washington Greely 1881 angelegt hatte. Peary zerstörte es und benutzte die dabei gewonnenen Vorräte zur Bestückung des eigenen Lagers.
Zum einen war er da vierhundertfünfzig Kilometer näher am Pol. Zum anderen hatte er die nervös machende Nachbarschaft Otto Sverdrups, des alten Gefährten Fridtjof Nansens, hinter sich gelassen, der mit der »Fram« im Smith-Sund so dicht bei Pearys Quartier ankerte, dass sich die beiden Teams eines Tages zufällig begegnet waren.
Das Opfer, das Peary für den gewonnenen Abstand sowie den Vorsprung vor einem imaginären Rivalen bringen musste – tatsächlich wollte Sverdrup das Kartenmaterial der Arktis präzisieren –, war hoch: Er hatte sich auf dem Weg nach »Fort Conger« die Füße erfroren und war daher gezwungen, zur »Windward« zurückzukehren. Dort wurden ihm am 13. März 1899 alle Zehen amputiert. Zu Henson sagte er: »Na und – was sind schon ein paar Zehen als Preis dafür, zum Pol zu kommen?«
Aber er kam nicht zum Pol. Weder in diesem Jahr noch im nächsten noch im übernächsten. Und als er es dann am 6. April 1902 energisch wieder versuchte, wieder mit Henson und wieder mit vier Eskimos, geriet er in ein solches Labyrinth von tiefen Waken und verkeilten Schollen, dass er das Ganze am 21. April bei 84° 17’ abbrach. Achtzig Meilen waren sie in sechzehn Tagen gegangen, einhundertfünfzig Kilometer – das heißt: nicht einmal zehn Kilometer pro Tag. Da gab sich der ausgebremste Berserker geschlagen und retirierte im August 1902 nach Hause. »Das Spiel ist aus«, erklärte er.
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