Zwei kleine Jungen hätte man eigentlich ohne Weiteres mit ein paar Schlägen vertreiben können. Aber diese beiden waren so selbstsicher, dass dem Fremden doch mulmig wurde. Und schließlich waren ja auch Bauern in der Nähe. Wenn die beiden schreien würden, dann könnte schon etwas geschehen. Also zog der Mann doch lieber seinen Sack aus der Hecke und gab ihnen den Truthahn zurück. „Ich wollte doch bloß einen Scherz machen“, sagte er. „Ein anständiger Mann macht keinen solchen Scherz“, gaben die beiden zurück.
Am Abend berichteten sie den Vorfall wie immer der Mutter. „Da seid ihr aber ein Risiko eingegangen“, sagte sie. „Wieso denn?“ „Erstens wart ihr ja gar nicht sicher, ob er es gewesen ist, und dann seid ihr noch klein. Er dagegen war ein erwachsener Mann. Wenn er euch etwas angetan hätte?“ „Dann hätten wir uns also den Truthahn einfach wegnehmen lassen sollen?“ „Mutig zu sein ist schon recht“, erklärte Margherita. „Aber es ist doch besser, einen Truthahn zu verlieren, als übel zugerichtet zu werden.“ „Hm“, murmelte Giovanni nachdenklich. „Es wird schon so sein, wie Ihr sagt, Mama. Aber es war schon ein recht großer Truthahn.“
Margherita war eine gütige, aber doch zugleich auch strenge Mutter. Ihre Kinder wussten genau: Wenn sie einmal etwas gesagt hatte, dann hielt sie sich auch daran. In einer Ecke der Küche stand die „Rute“, ein kleiner, biegsamer Stock, eine Gerte. Wirklich benutzt wurde sie nie. Aber Margherita nahm sie auch nicht weg.
Eines Tages leistete sich Giovanni etwas. Wahrscheinlich aus lauter Eile, um zum Spielen zu kommen, ließ er den Kaninchenstall offen. Alle Kaninchen liefen über die Wiesen. War das eine Arbeit, bis sie wieder eingefangen waren! Als die Mutter mit ihren Kindern wieder in der Küche war, zeigte sie in die Ecke: „Giovanni, bring mir mal diese Rute!“ Der Kleine zog sich bis zur Tür zurück.
„Bring sie mir, dann wirst du schon sehen, was geschieht.“ Der Ton Margheritas war entschlossen. Giovanni nahm die Rute und legte sie weit weg von der Mutter auf den Boden: „Ihr werdet mich doch nicht damit schlagen?“ „Warum denn nicht, wenn du solche Dinge lieferst?“ „Mama, ich tus nie wieder!“ Margherita musste lächeln, und Giovanni auch.
An einem heißen Sommertag kamen Giovanni und Giuseppe einmal vom Weinberg zurück und waren fast am Verdursten. Margherita ging zum Brunnen, zog einen Eimer frischen Wassers herauf und gab mit einem Schöpflöffel zuerst Giuseppe zu trinken. Giovanni zog ein langes Gesicht. Diese Bevorzugung hatte ihn gekränkt. Als die Mutter dann auch ihm zu trinken geben wollte, tat er so, als wolle er nichts mehr. Margherita sagte kein Wort, trug den Eimer in die Küche und schloss die Tür.
Nur einen Augenblick war sie drinnen, da stand Giovanni schon hinter ihr: „Mama …“ „Was gibts?“ „Bekomm ich auch etwas zu trinken?“ „Ach so, ich dachte, du hättest keinen Durst mehr.“ „Verzeih, Mama!“ „So ist es gut.“ Dann reichte sie auch ihm einen Schöpflöffel voll Wasser.
Inzwischen war Giovanni acht Jahre alt geworden, ein richtiger Junge, und er konnte schallend lachen. Er war etwas klein gewachsen, aber kräftig, hatte dunkle Augen und dichtes, gelocktes Haar wie die Lämmer. Eine besondere Vorliebe zeigte er für Abenteuer und Wagnis. Über aufgeschlagene Knie jammerte er nicht.
Jetzt konnte er auch schon auf so manche Bäume klettern und Vogelnester ausrauben. Einmal erging es ihm übel dabei. Ein Kohlmeisennest steckte tief in einer Spalte. Giovanni hatte den Arm bereits bis über den Ellbogen hineingesteckt, da merkte er, dass er ihn nicht mehr herausbrachte. Immer wieder versuchte er es, aber dabei schwoll der Arm an. Giuseppe, der von unten aus zuschaute, musste die Mutter holen. Margherita kam mit einer kleinen Leiter. Aber auch ihr gelang es nicht, den Arm zu befreien. Sie musste einen Bauern suchen, der mit einem Stemmeisen zu Hilfe kam. Giovanni stand der Schweiß in dicken Perlen auf der Stirn. Von unten rief Giuseppe, der noch mehr Angst hatte als Giovanni selbst: „Halt dich fest, sie kommen!“
Der Bauer wickelte den Arm des Jungen in Margheritas Schürze. Dann begann er, mit Hammer und Stemmeisen zu arbeiten. Sieben oder acht Schläge genügten, und der Arm rutschte wieder heraus. Margherita hatte nicht mehr den Mut, Giovanni zu schimpfen. Er stand da wie ein begossener Pudel. Sie sagte nur: „Stell doch nicht immer wieder etwas Neues an!“
Der „Teufel“ auf dem Dachboden
An einem Herbstabend war Giovanni zusammen mit seiner Mutter beim Großvater in Capriglio. Die große Familie saß beim Abendessen um den Tisch. Das kleine Öllämpchen vermochte das Dunkel kaum zu durchringen. Da – plötzlich ein verdächtiges Geräusch über den Köpfen. Es wiederholte sich ein-, zwei-, dreimal. Alle schauten nach oben und hielten den Atem an. In der Stube wurde es mäuschenstill. Und wieder kam vom Dachboden das geheimnisvolle Geräusch, gefolgt von einem langen, dumpfen Schleifen. Die Frauen machten das Kreuzzeichen, die Kinder drückten sich an ihre Mutter.
Eine alte Frau begann mit verhaltener Stimme zu erzählen, wie früher einmal auf dem Dachboden ein lang gezogenes Geräusch, ein Ächzen und entsetzliche Schreie zu hören gewesen waren. „Das war der Teufel – und jetzt kommt er zurück“, murmelte sie und bekreuzigte sich dabei. Dann trat wieder Stille ein. Giovanni aber brach das Schweigen und sagte gelassen: „Ich glaube, dass das ein Marder ist und nicht der Teufel.“
Wieder herrschte Stille. Da – noch ein dumpfer Schlag und ein lang gezogenes Schleifen. Die Zimmerdecke, zu der alle ängstlich aufschauten, war aus Holz. Über ihr befand sich der Dachboden, der als Getreidespeicher diente.
Giovanni sprang plötzlich hoch und rief: „Schauen wir doch nach!“ „Du bist verrückt! Margherita, halt ihn zurück! Mit dem Teufel ist nicht zu scherzen!“ Aber Giovanni war schon auf den Beinen, nahm eine Laterne, zündete sie an und griff nach einem Stock. Margherita meinte: „Wäre es nicht besser, bis morgen früh zu warten?“ Er entgegnete nur: „Mama, habt vielleicht auch Ihr Angst?“ „Nein“, sagte sie darauf, „gehen wir zusammen.“
Sie stiegen die Holztreppe hinauf. Auch die anderen folgten mit Laternen und Stöcken. Giovanni stieß die Tür auf und hob die Laterne hoch, um besser sehen zu können. Schon hörte man den ängstlichen Schrei einer der Frauen: „Da, in dieser Ecke, schaut!“
Alle schauten. Ein umgestürzter Getreidekorb schwankte und bewegte sich umher. Giovanni trat einen Schritt vor. „Nein, Vorsicht! Das ist ein verhexter Korb!“, warnten sie ihn. Giovanni aber packte den Korb mit einer Hand und hob ihn hoch. Eine große, zerzauste Henne, die wer weiß wie lange darunter gefangen gewesen war, schoss wie eine Gewehrkugel heraus und gackerte heftig.
Um Giovanni herum lachte alles schallend. Der Teufel hatte sich als Henne entpuppt. Der leichte Korb, der an der Wand gelehnt hatte, war dort nicht festgemacht gewesen. In seinem Geflecht hatten noch einige Weizenkörner gesteckt, die die Henne hatte herauspicken wollen. Dabei war der Korb über sie gestürzt und hatte sie gefangen gesetzt. Das arme Tier hatte sich zu befreien versucht und war dabei hin- und hergerannt, sodass der Korb an Gegenstände gestoßen war und das Gepolter verursacht hatte.
Jeden Donnerstag ging Margherita zum Markt nach Castelnuovo. Sie nahm zwei Bündel mit Käse, Hühnern und Gemüse mit, um es zu verkaufen. Zurück kam sie mit Leinen, Kerzen, Salz und einigen kleinen Geschenken für die Kinder, die ihr immer entgegenliefen, sobald die Sonne unterzugehen begann.
An solch einem Donnerstag, während des Lippa-Spiels, landete einmal der Stock auf dem Dach. „Auf dem Küchenschrank gibt es noch einen,“ sagte Giovanni, „ich hole ihn.“ Er rannte in die Küche. Der Schrank aber war zu hoch für ihn. Deshalb stieg er auf einen Stuhl, griff mit dem Arm auf den Schrank und – krach! – lag der Ölkrug in Scherben auf dem Boden.
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