Berlin war um 1900 – nach damaligen Maßstäben – von besonders modernen Industriezweigen geprägt: die Maschinenbauindustrie, für die der preußische Staat, der »Lokomotivenkönig« Borsig und andere die Grundlagen gelegt hatten; die Elektroindustrie mit den bald zu internationalen Großkonzernen aufgestiegenen Berliner Gründungen AEG und Siemens; schließlich die Chemie- und Pharmaindustrie, noch heute mit Schering als Teil des Bayer-Konzerns prominent in Berlin vertreten. Diese damals »neuen Industrien« profitierten von der vorherigen staatlich geförderten technisch-naturwissenschaftlichen Forschung, für die insbesondere Peter Christian Beuth als Direktor der »Technischen Deputation für das Gewerbe« als wichtigster preußischer Industrieförderer verantwortlich gezeichnet hatte.
So richtete er unter anderem eine Technische Schule ein, später umbenannt in Technische Gewerbeschule, an der ein Großteil der frühen Berliner Ingenieur-Unternehmer ausgebildet wurde. Aus dieser ersten technischen Bildungsstätte ging die heutige Technische Universität Berlin hervor. Berlin entdeckt sich erst gerade als Wissenschaftsstandort wieder und kann dabei auch auf dieses frühe Erbe zurückgreifen. Die Bezüge zwischen damals und heute lassen sich sogar anhand des materiellen und erinnerungskulturellen Erbes der Stadt nachverfolgen. So ist das letzte Überbleibsel der Borsig’schen Lokomotivenfabrik an der Chausseestraße 1 vor dem Oranienburger Tor – ein Arkadengang – auf dem Gelände der Technischen Universität aufgestellt. Ein Denkmal an die rasante industrielle Entwicklung, die erst durch die Teilung der Stadt als Folge von nationalsozialistischer Diktatur und dem von ihr begonnenen Zweiten Weltkrieg einen herben Rückschlag erlitt. Den Unternehmen der »Insel West-Berlin« fehlte das Umland, zudem war die politische Situation unsicher. So verlegten zuvor in Berlin beheimatete Großkonzerne, beispielsweise Siemens, ihre Zentralen nach Westdeutschland. Auch die großen deutschen Banken und Versicherungen, deren Hauptsitze zuvor meist in Berlin lagen, verließen die »Frontstadt«. Zwar wurden die verbleibenden Betriebe von Seiten der Bundesregierung großzügig subventioniert, das hatte aber auch eine stetige Überalterung der West-Berliner Industriestruktur zur Folge. Als die Subventionen nach dem Fall der Mauer eingestellt wurden, erwiesen sich viele als nicht konkurrenz- und überlebensfähig. 1
Im Ostteil der Stadt erschwerten die Demontagen seitens der Sowjetunion den Wiederaufbau. Der Neuanfang unter planwirtschaftlichen Vorzeichen war mit zahlreichen Schwierigkeiten versehen: Nicht immer funktionierten Materialversorgung und Produktionszeiten so, wie in den Papieren der Planer vorgesehen. Trotzdem gelang auch in der DDR zunächst ein »kleines Wirtschaftswunder«, ehe der wirtschaftliche und industrielle Niedergang der DDR spätestens seit den 1970er Jahren begann. Nach dem Mauerfall mussten die meisten Ost-Berliner Industriebetriebe mangels Konkurrenzfähigkeit, auch wegen des raschen Zusammenbruchs ihrer Absatzmärkte in Ost- und Mittel-Ost-Europa, die Produktion einstellen. Ost- und West-Berlin vereint bis heute die aus diesem Erbe der Teilungszeit entstandene hohe Arbeitslosenquote. Nach 1990 fielen innerhalb weniger Jahre hunderttausende von Arbeitsplätzen in der Industrie weg. Vergeblich hoffte man, dass Konzerne wie Siemens ihren Sitz wieder in die neue Hauptstadt zurückverlegen würden. 2
Inzwischen gibt es einen neuen Aufbruch in der Stadt. Große Hoffnungen werden auf Kunst, Kultur und Wissenschaft gesetzt. Aber auch die stolze industrielle Tradition Berlins wirkt bis heute fort: Siemens produziert weiterhin in der Siemensstadt in Spandau, Berlin wächst als Standort der Chemie-, besonders der Pharmaindustrie. Und auch der Maschinen- und Automobilbau ist ein wichtiger Faktor der Berliner Wirtschaft bzw. der des angrenzenden Umlands: Mercedes lässt weiterhin am traditionellen LKW-Produktionsstandort in Ludwigsfelde fertigen, das Bombardier-Werk in Hennigsdorf ist ein führender Produzent von Eisenbahnzügen, U- und Straßenbahnen, um nur einige Beispiele zu nennen. Ein Blick zurück in die Vergangenheit ist also durchaus hilfreich, um diese spezielle Situation des heutigen industriellen Bildes Berlins zu verstehen.
Berlins ungehobener Kulturschatz
Lange war es unbestrittener Konsens: Fabrikgebäude, die ihre Funktion als Produktionsstätten verloren hatten, wurden abgerissen. Wozu sollte man sich mit überflüssig gewordenen Zweckbauten beschäftigen? Nostalgische Gefühle hatte kaum jemand. Selbst für ehemalige Arbeiterinnen und Arbeiter waren diese Orte oft mit unangenehmen Erinnerungen verbunden: schwere, teilweise sogar gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung, Ohnmachtsgefühle beim Verlust des Arbeitsplatzes. Der langsame Abschied von der Industrie seit den I960er/I970er Jahren, das Abwandern vieler Produktionszweige ins Ausland, die Rationalisierung, Automatisierung und der folgende Arbeitsplatzabbau ließen allerdings industrielle Relikte in steigenden Zahlen anfallen und neue Nutzungskonzepte notwendig erscheinen.
So regte sich langsam Widerstand gegen die umfassenden Abrisspläne in vielen Industrieländern, in Deutschland seit Ende der 1960er Jahre. Denn viele Städte drohten ihr Gesicht zu verlieren. Im Ruhrgebiet fehlten plötzlich die Zechentürme und -gerüste als Landmarken im flachen Terrain, in anderen Städten vermisste man schmerzlich die charakteristischen Schornsteine, Fassaden und die beeindruckenden »Kathedralen der Arbeit«. Industriebauten wurden zunehmend für ihre architektonischen Qualitäten geschätzt und als Kulturphänome wahrgenommen, als Ausdruck der Geschichte und des Geistes einer die Gesellschaft stark prägenden Epoche.
In Deutschland war zweifellos das Ruhrgebiet in den 1970er Jahren der industriekulturelle Vorreiter. Schon früh wurden hier Fabrik- und Zechengebäude unter Denkmalschutz gestellt und erhalten oder Industriemuseen in stillgelegten Industrieanlagen eingerichtet. Der Montanregion wurde damit eine eigene kulturelle Identität zugestanden. Andere Städte und Regionen folgten – oder entwickelten zur gleichen Zeit eigene Herangehensweisen an die Zeugnisse des Industriezeitalters. Die Industriekultur ist heute stärker angesagt denn je: Das Ruhrgebiet mit Essen als Zentrum ist 2010 europäische Kulturhauptstadt. 3
Ungehobene Schätze, vernachlässigtes Industrieerbe: AEG-Halle in Berlin-Oberschöneweide
In Berlin wurde und wird dieses Erbe vergleichsweise wenig beachtet, was mit der besonderen Situation durch die Teilung der Stadt leicht erklärbar wird.
Viele Fabrikgebäude wurden hier in Ost wie West relativ lange weiter genutzt. Zudem hatte man vor und nach dem Mauerfall andere Probleme, die politische Situation stand hier stärker im Vordergrund. Und in einer Stadt mit dem kulturellen Reichtum wie der Spreemetropole hatte und hat es die Industriekultur schwer gegen andere Kulturbereiche: seien es hochkarätige Museen und Sammlungen, Galerien, Theater, Opern, eine vielfältige Subkulturszene oder die Welt des Films. Um sich seiner eigenen Identität zu vergewissern, ist Berlin längst nicht so stark auf die Industriekultur angewiesen wie beispielsweise das Ruhrgebiet.
Dennoch prägt das Fabrikzeitalter die alte und neue deutsche Hauptstadt ganz besonders. Außerdem ist hier ein viel größerer Teil alter Industriegebäude als in den meisten deutschen Städten noch erhalten – ein wahrer Glücksfall angesichts der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts mit seinen zahlreichen Brüchen. Wo gibt es schon solch ausgedehnte und auch ästhetisch beeindruckende Stadt- und Industriequartiere wie das ehemalige AEG-Gelände am Humboldthain, die Siemensstadt in Spandau oder die AEG-Stadt in Oberschöneweide?
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