»Wie sagt man?«
Sie hob den Kopf und zwinkerte Wasser und Tränen aus den Augen. Der Mann stand nun in der Zelle, ragte vor ihr auf wie der Zyklop vor Odysseus.
Einige atemlose Sekunden lang suchte sie nach Worten, wusste nicht einmal, ob sie zu sprechen in der Lage sein würde, dann hob der Zyklop den Arm mit der Peitsche.
»D-danke!« Ihre Stimme kam ihr fremd vor. »Danke!«
Der Arm sauste herab, so schnell, dass sie die Bewegung nur ahnte. Eine zweite Feuerspur raste über die andere Pobacke. Diesmal schrie sie laut auf.
» Herr! Hast du das vergessen?«
»Herr!« Sie schluchzte das Wort. »Danke, Herr! «
Etwas wie eine innere Befriedigung erfüllte sie mit einem Mal, so tief, dass sie beinahe erschrak. Was hatte diese Befriedigung ausgelöst? Das Aussprechen dieser beiden Worte?
Der Mann ging wieder in die Knie, doch sie wagte nicht, ihm ins Gesicht zu blicken. Seine linke Hand erschien in ihrem Sichtbereich. Sie war gepflegt, ohne Schmutzränder unter den sauber geschnittenen Nägeln, und das Handgelenk zierte eine teuer aussehende, silberne Uhr. Er stellte einen weiteren Napf vor ihr ab, dessen Inhalt ihren Magen aufgrollen ließ: Brot und Fleisch, in mundgerechte Bissen geschnitten.
»Danke, Herr!«, wiederholte sie aus Angst vor der Peitsche, und abermals spürte sie diese seltsame Befriedigung.
Er stieß einen knurrenden Laut aus, der Ärger ebenso wie Genugtuung ausdrücken mochte, wandte sich um, bückte sich und verließ die Zelle. Die Tür schlug zu, das Schleifen eines schweren Riegels war zu vernehmen.
Die Gefangene atmete mehrmals tief ein und wieder aus, während die Schmerzen auf ihrem Po abklangen. Schließlich robbte sie zu dem Fressnapf, presste ihren Oberkörper ins Stroh und packte die erste Brotkrume mit den Zähnen. Sie schluckte sie fast unzerkaut hinunter. Als sie das nächste Stück packen wollte, hielt sie mitten in der Bewegung inne. Die Worte des Mannes – des Wärters? – rollten durch ihr Gehirn wie das Echo eines fernen Donners.
›Herr‹! Hast du das vergessen?
Wer war dieser Mann? Sollte sie ihn kennen?
Diese Frage führte zwangsläufig zu weiteren Fragen, die sie sich bereits nach ihrem Erwachen gestellt hatte:
Wo bin ich?
Wie komme ich hierher?
Wenn sie es je gewusst hatte, so hatte sie es vergessen. Doch sie hatte noch etwas vergessen, etwas viel Grundlegenderes …
Ein einsamer Schrei klang auf, kurz und abgehackt, als sie den vollen Umfang ihrer Unwissenheit erkannte.
Wer bin ich?
2
STUNDEN VERGINGEN. Zumindest kam es ihr so vor, denn es gab in der winzigen Zelle keine Möglichkeit, den Ablauf der Zeit zu messen. Das Licht jedenfalls änderte sich nicht.
Sie sehnte sich danach, den Arm unter den Kopf zu legen und so ein behelfsmäßiges Kissen zu bilden, doch die Ketten hielten ihre Handgelenke unbarmherzig auf der Höhe ihres Schritts. Schließlich legte sie sich auf den Rücken – die Schmerzen dort klangen allmählich ab –, mit angezogenen und leicht gespreizten Beinen, um wenigstens etwas Spielraum für die Hände zu gewinnen. Doch allzu bequem war diese Position auch nicht, da dann die schwere Verbindungskette zwischen Hand- und Fußfesseln auf ihrem nackten und haarlosen Geschlecht zu liegen kam. Immerhin legten sich ihre Kopfschmerzen.
So kroch die Zeit dahin, bis unvermittelt ein tiefer, hallender Gongschlag ertönte. Die Gefangene schrak auf und blinzelte in die Scheinwerfer. Was hatte das zu bedeuten?
Sie lauschte und wagte kaum Luft zu holen, als ob ein zu tiefer Atemzug eine schlafende Bestie wecken könne.
Nichts geschah.
Sie entspannte sich wieder. Vielleicht war das die Art, wie hier die Zeit gemessen wurde? Ein Gongschlag entsprach einer Stunde – oder einem Tag?
Sie ließ den Kopf in das feuchte Stroh zurücksinken, richtete sich jedoch sofort wieder auf: Der Gongschlag wiederholte sich! Diesmal jedoch, das war zumindest ihr Eindruck, klang er tiefer und drängender. Drohender.
Noch während sie überlegte, wie sie sich verhalten sollte, ertönte ein Klicken, gefolgt von einem Summen und einem Schaben, als ob irgendein Mechanismus in Gang gesetzt worden wäre. Sie sah auf: Das Gitter am Kopfende der Zelle glitt nach oben. Die entstehende Öffnung maß höchstens 50 Zentimeter im Quadrat, wobei die oberen Kanten abgerundet waren.
Dann verstummte das Summen, das Gitter rastete ein. Der schwarze Vorhang dahinter bewegte sich wie in einem leichten Luftzug.
Die Gefangene setzte sich auf und starrte die dunkle Öffnung an. Es war offensichtlich, was von ihr erwartet wurde. Aber konnte sie sich wirklich dort hindurchzwängen? War das überhaupt möglich mit den Ketten? Und was befand sich jenseits des Vorhangs?
Sie schauderte. So trostlos ihr Dasein in dieser nach ihren eigenen Exkrementen stinkenden Zelle auch war, das Unbekannte war noch schlimmer. Nein, sie wollte nicht durch dieses Loch kriechen, wohin auch immer!
Ein neues Geräusch ließ ihren Kopf herumrucken: das Schaben eines Riegels, begleitet von einem unterdrückten Fluch. Die Tür am anderen Ende der Zelle schwang knirschend auf, dahinter wurde der Zyklop sichtbar. Er ging in die Hocke und musterte sie mit seinem großen Auge und zusammengekniffenen Brauen.
»Was ist heute los mit dir? Brauchst du für alles eine besondere Einladung?«
Er schob einen meterlangen Metallstab mit feuerroter, keilförmiger Spitze in ihre Richtung. Sie stieß einen Laut kreatürlicher Furcht aus und versuchte, aus der Reichweite des Stocks zu kriechen. Irgend-woher wusste sie, dass eine Berührung der Spitze schrecklich weh tun würde.
Der Zyklop lachte hart und machte eine blitzschnelle Bewegung in ihre Richtung. Das Ende des Stabes traf sie am rechten Oberschenkel. Ein Blitz, eine knatternde Entladung, und der reißende Schmerz eines Elektroschocks raste durch ihren Körper. Sie heulte auf und machte einen Satz in die andere Richtung, der sie mit rasselnden Ketten ins Stroh warf, wo sie um Atem ringend liegen blieb.
»Hopp!«, kommandierte der Zyklop. »Oder brauchst du’s noch mal?«
Stöhnend hob sie den Kopf. Durch einen Tränenschleier erblickte sie die Öffnung mit dem Vorhang, nur wenige Zentimeter vor sich. Sie stemmte die Hände ins Stroh, spannte die Beine an und robbte, so schnell sie dazu in der Lage war, in Richtung der Öffnung, getrieben von Furcht und dem Gelächter des Zyklopen.
Ihr Kopf teilte den Vorhang. Im Dämmerlicht dahinter war kaum mehr zu erkennen als ein langer, aus Gitterstäben gebildeter Gang, der etwa den Querschnitt der Öffnung in der Zellenwand aufwies. Er ähnelte den Käfiggängen im Zirkus, durch die man Raubtiere in die Manege trieb.
Nein, sie wollte keinesfalls durch diesen Gang kriechen, wohin auch immer, aber die Erinnerung an den rasenden Schmerz des Elektroschocks trieb sie vorwärts. Der Boden bestand aus Holzbohlen, mit denen die Gitterstäbe verschraubt waren. Nach dem ersten Meter bereits schmerzten ihre Knie und ihre blanken Brüste, und nach dem zweiten all ihre Glieder, denn durch die Fesseln und den geringen seitlichen Spielraum des Gangs war sie gezwungen, sich wie ein Wurm fortzubewegen: das rechte Knie anwinkeln, sich mit beinahe ihrem ganzen Gewicht draufstützen, den linken Fuß nachziehen und den ganzen Körper die gewonnenen Zentimeter vorwärtsschieben. Dann zur Abwechslung das linke Knie anwinkeln …
Endlich zeichnete sich ein langgestreckter Lichtkegel auf dem Boden vor ihr ab. Mit einer letzten Kraftanstrengung beschleunigte sie ihre Bewegungen, tauchte ein in das Licht und erreichte kurz darauf eine Öffnung, die das Ende des Käfiggangs markierte. Sie zögerte einen Augenblick, dann steckte sie ihren Kopf hindurch.
Nach dem Halbdunkel im Gang blendete sie das Licht. Sie zwinkerte – und riss im nächsten Moment beide Augen weit auf, trotz der schmerzenden Helligkeit.
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