Sowohl der Palmar- (in der Hand) als auch der Plantar-Reflex (am Fuß, der hier nicht weiter behandelt werden soll; Anm. d. Vlg.) werden als Rest einer früheren Stufe der menschlichen Evolution angesehen, als es für das Neugeborene noch notwendig war sich an der Mutter festzuklammern, da ihm dieses Sicherheit bot. Es besteht auch eine direkte Verbindung zwischen dem Palmar-Reflex und dem Stillen in den ersten Lebensmonaten. Der Palmar-Reflex kann durch Saugbewegungen ausgelöst werden; diese Saugbewegungen können dazu führen, dass das Neugeborene im Rhythmus des Saugens knetende Bewegungen mit den Händen macht (Babkin-Reaktion). Sowohl der Mund als auch die Hände sind für das Neugeborene die wichtigsten Mittel sich auszudrücken und seine Umwelt zu erforschen. Eine fortgesetzte Aktivität dieser Reflexe kann bleibende negative Auswirkungen auf die feinmotorische Koordination, Sprache und Artikulation haben, sofern sie nicht zum richtigen Zeitpunkt gehemmt werden.
Die Auswirkungen der neurologischen Zusammenhänge von Handflächen und Mund des Neugeborenen können häufig beobachtet werden, wenn das Kind beginnt, schreiben oder zeichnen zu lernen. Bis ihm diese Aufgabe wirklich leicht fällt, wird das Kind sich die Lippen lecken oder auf die eine oder andere Weise den Mund verziehen. Von Lehrern mag dann oft die Ermahnung „Du schreibst doch nicht mit der Zunge!“ zu hören sein. Optometristen, die entwicklungsbezogen arbeiten, bezeichnen dies als „Overflow“; sie werten es als Fortschritt in der Sehfähigkeit des Kindes, wenn dieser Overflow schwindet.
Bleibt der Palmar-Reflex erhalten, kann das Kind die nachfolgenden Stadien des Loslassens und der Fingerbeweglichkeit nicht durchlaufen. Gesell (1939) beschrieb diesen Prozess so:
„Willkürliches Greifen (zum Beispiel um einen Gegenstand zu erreichen) bezeichnet einen proximo-distalen Entwicklungsverlauf. Frühes Greifen geschieht in groben Bewegungen der Handflächen, bei denen die drei Ulnar-Finger dominieren, während der Daumen praktisch inaktiv bleibt. Diese Form des Greifens wird später von einem verfeinerten Greifen mit den Fingerspitzen abgelöst, die vor allem durch die Opposition des Daumens, der Dominanz des Zeigefingers, Aktionsbereitschaft und die Anpassung des Fingerdrucks an das Gewicht des zu greifenden Gegenstandes charakterisiert wird.“
Dieses kann nur geschehen, wenn der Palmar-Reflex gehemmt wird.
Proximo-distal bezeichnet die Entwicklung der kindlichen Muskelkontrolle vom Zentrum nach außen.
Ulnar-Finger sind die ersten drei Finger (vom kleinen Finger aus gezählt).
Langzeitwirkungen eines beibehaltenen palmaren Greifreflexes
1. Geringe manuelle Geschicklichkeit. Der Palmar-Reflex wird unabhängige Bewegungen von Daumen und Fingern verhindern.
2. Fehlen des Pinzettengriffes, was die Stifthaltung beim Schreiben beeinflussen wird.
3. Sprachschwierigkeiten; die durch die Babkin-Reaktion bedingte fortgesetzte Beziehung zwischen Handbewegungen und Mundbewegungen wird die Entwicklung unabhängiger Muskelkontrolle an der Mundvorderseite verhindern, was sich wiederum auf die Artikulation auswirken wird.
4. Die Handfläche bleibt eventuell überempfindlich für taktile Reize.
5. Schreiben und Zeichnen werden von Mundbewegungen begleitet.
Ein Palmar-Reflex, der über das Alter von vier bis fünf Monaten hinaus beibehalten wird, wird die manuelle Geschicklichkeit und sogar die Fähigkeit zu jeglicher manueller Betätigung behindern. Die Handschrift wird betroffen sein, da das Kind nicht in der Lage sein wird, auf reife Art einen Stift zu halten. Das Sprechen wird eventuell ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen, da die fortgesetzte Beziehung zwischen Handbewegungen und Mundbewegungen die Entwicklung der unabhängigen Kontrolle über die Muskeln an der Vorderseite des Mundes verhindern kann. Eine undeutliche Aussprache ist vielleicht nur eine von mehreren Folgen.
André-Thomas und seine Mitarbeiter (1954) fanden heraus, dass es möglich sei, durch Stimulation des Palmar-Reflexes den Moro-Reflex zu hemmen. Wenn der Moro-Reflex durch eine plötzliche Veränderung der Kopfhaltung aktiviert wird, strecken sich Arme, Hände und Finger. Wenn zuerst der Palmar-Reflex aktiviert wird, indem ein Gegenstand in die Handfläche nur einer Hand gelegt wird, läuft die Moro-Reaktion lediglich auf der Armseite mit der geöffneten Hand ab. Wenn in beide Hände zugleich jeweils ein Gegenstand gelegt wird, scheint die Moro-Reaktion auf beiden Armseiten gehemmt zu werden. Unbewusst nutzen wir manchmal diesen Effekt: Wenn wir vor einer unangenehmen oder schwierigen Aufgabe stehen oder uns innerlich auf einen kurzzeitigen schmerzhaften Stimulus (etwa eine Injektion) vorbereiten, öffnen und schließen wir häufig unsere Hände. Kleine Knetbälle zum Stressabbau mögen aus demselben Grund effektiv sein. Diese Beobachtungen sind ein Hinweis darauf, dass frühe Reflexe in zwei Richtungen wirken: entweder in einer Kettenreaktion nacheinander oder derart, dass ein Reflex einen anderen hemmt. Auf diesen Mechanismen bauen die Behandlungsprogramme zur Reflexausreifung und -hemmung auf.
Der Asymmetrische Tonische Nackenreflex
Entstehung: 18. Schwangerschaftswoche.
Bei der Geburt: Vollständig vorhanden.
Hemmung: Etwa 6 Monate nach der Geburt.
Kopfbewegungen des Babys zu einer Seite führen zu einem gleichzeitigen reflexhaften Ausstrecken eines Armes und eines Beines zu der Seite, in die es den Kopf dreht, außerdem zu einer Beugung der okzipitalen Gliedmaßen.
Okzipitale Gliedmaßen sind Arm und Bein auf der Hinterhauptseite.
Der Asymmetrische Tonische Nackenreflex spielt vom Zeitpunkt seines Erscheinens im Mutterleib bis zum Alter von ungefähr sechs Monaten nach der Geburt eine aktive Rolle. Während der Zeit im Mutterleib sollte er Bewegungen bahnen (Mütter spüren dann Stöße oder Tritte), den Muskeltonus entwickeln und vestibuläre Stimulation bieten.
Im Mutterleib hilft der Asymmetrische Tonische Nackenreflex Bewegungen zu unterstützen, wodurch das Gleichgewichtssystem und die vermehrte Bildung neuraler Verbindungen angeregt werden.
Zu dem Zeitpunkt, zu dem der Fötus bereit für die Geburt ist, sollte der Reflex vollständig entwickelt sein, so dass er seine Rolle beim Geburtsprozess einnehmen kann. Die Wehen sollten erst einsetzen, wenn der Fötus ausgereift ist, denn dann können sich Mutter und Baby als Partner gemeinsam durch den Geburtsvorgang arbeiten. Wenn das zweite Stadium der Wehen erreicht ist, sollte das Baby mithelfen sich im Rhythmus der Wehen der Mutter durch den Geburtskanal nach unten zu arbeiten. Man geht davon aus, dass der ATNR zusammen mit dem Halsstellreflex auf den Körper und zusammen mit dem Spinalen Galantreflex den Schultern und Hüften des Kindes im Geburtsprozess die notwendige Flexibilität und Beweglichkeit verleiht. Die aktive Teilnahme des Kindes dabei hängt vom Vorhandensein eines vollständig entwickelten ATNR ab. Der Geburtsprozess wiederum verstärkt den Asymmetrischen Tonischen Nackenreflex (und weitere Reflexe), so dass sie für die ersten Lebensmonate fest etabliert und aktiv sind.
Der Asymmetrische Tonische Nackenreflex stellt nicht nur eine Hilfe beim Geburtsvorgang dar, sondern wird durch diesen auch verstärkt. Das mag ein Grund dafür sein, dass für Kinder, die durch einen Kaiserschnitt auf die Welt gebracht werden, ein größeres Risiko für Entwicklungsverzögerungen besteht. Während der Neugeborenenphase sichert der Asymmetrische Tonische Nackenreflex, dass die Luftröhre frei zum Atmen ist, wenn das Kind auf dem Bauch liegt. Er verstärkt den Streckmuskeltonus, wobei er jeweils eine Seite des Körpers trainiert und so die Grundlage für spätere gezielte Greif- und Streckbewegungen bildet.
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