Die Berufung Frauen zu helfen, begleitet mich seit meiner Kindheit. Als ich ein kleines Mädchen war, war meine Urgroßmutter Mud (ein Spitzname der Familie – eine Abkürzung des deutschen Wortes Mutter, der haften blieb) aus Kalifornien zu Besuch bei uns in Maryland. Wir waren eine typisch amerikanische Familie der 1970er, wohnten in einem Vorort, sahen „Drei Engel für Charlie“ im Fernsehen an und wir Kinder aßen natürlich gerne auch mal Süßigkeiten. Mud hatte ganz andere Vorstellungen. Sie kreuzte bei uns auf, ohne die Süßigkeitendose, die die Oma meiner besten Freundin immer mitbrachte, sondern mit Weizenkörnern, Fischöl, Carob-Chips, Weizenkeimen und Meyer-Zitronen (angeblich eine Kreuzung zwischen Zitronen und Mandarinen oder Orangen; Anm. d. Übers.). Es erübrigt sich, zu sagen, dass ich sie für äußerst seltsam hielt.
Doch meine Verwirrung schlug rasch in Neugier um. Mud sah 25 Jahre jünger aus als ihre über siebzigjährigen Altersgenossinnen. Sie war drahtig und forsch und ging aufrecht wie eine Königin, hatte perfekte Zähne und unterhielt uns mit Geschichten über mehrere Ehemänner und Verehrer. Ich sah Mud selten ohne ein Glas warmes Wasser mit frischer Zitrone in der Hand, sie bewegte sich mit einer Vitalität und Anmut, die für ihr Alter ungewöhnlich waren. Sie hatte eine strahlende Haut. Sie mied weißen Zucker, und zwar schon Jahrzehnte, bevor Oprah Winfrey die „Kein-weißes-Zeug-Diät“ zu einem Trend machte. Sie schief buchstäblich auf einem Brett. Jahre vor Lilias, Bikram und Lululemon (Yoga-Gurus) praktizierte Mud Yoga und konnte den Fuß mühelos hinter den Kopf bringen. Beim Essen erzählt sie uns immer: „Ich mag Wein, aber er mag mich nicht.“
Meine exzentrische Urgroßmutter faszinierte mich. Durch das, was sie tat, und durch das, was sie sagte. Es dämmerte mir, dass Ernährung und Lebensweise ein ganzes Universum von Vorbeugung, Heilung und Wiederinstandsetzung darstellten, dass die Antwort auf gesundheitliche Probleme nicht allein in einer Flasche rezeptpflichtiger Pillen zu finden war, dass eine vollwertige Ernährung die Grundlage einer robusten Gesundheit ist, dass regelmäßiger Sport und Meditation den Körper in Bestform halten können.
Als ich zwölf Jahre lang das Wissen brillanter Professoren an den Universitäten von Harvard in Massachusetts und San Francisco in Kalifornien studierte, um Fachärztin für Frauenheilkunde zu werden, war ich immer noch von Muds Gedanken bezüglich der Gesundheit durchdrungen, und sie gaben den Weg vor, wie ich Medizin praktizieren wollte. Ihr Beispiel motivierte mich, den Stress an der Uni mit Yoga zu bewältigen und die Tatsache zu hinterfragen, dass in all den Jahren der Ausbildung dem Thema Ernährung nur ganze 30 Minuten gewidmet worden waren. Mud brachte eine Saat aus, die zu meiner Lebensaufgabe aufging. Mein Entschluss wuchs mit der Strenge meiner schulmedizinischen Ausbildung und ermutigte mich, kreativ zu denken und alles Dogmatische infrage zu stellen.
Mit 96 Jahren tanzte Mud auf meiner Hochzeit. Sie hatte vier Ehemänner überlebt und flirtete mit meinen 60 Jahre jüngeren Kollegen auf dem Tanzparkett. Damals befand ich mich mitten in der Facharztausbildung und arbeitete in einem auf Krankheit und Schmerzen ausgerichteten Gesundheitssystem, in dem alte Menschen im Krankenhaus einen würdelosen Tod sterben mussten. Mud starb mit 97 friedlich im Schlaf, konnte bis zuletzt ohne fremde Hilfe leben und ihren Fuß immer noch in die Nähe des Kopfes bringen.
Obwohl ich eine klassisch schulmedizinisch ausgebildete Ärztin war, fiel mir auf, dass hier irgendetwas ganz fürchterlich falsch lief.
Einerseits bietet das Gesundheitswesen der USA Innovationen und wissenschaftlichen Fortschritt, die ihresgleichen suchen. Andererseits leben in den Vereinigten Staaten die meisten fettleibigen Menschen weltweit: 36 Prozent der Bevölkerung gelten als krankhaft übergewichtig (und weitere 34 Prozent sind „nur“ übergewichtig), was zu gravierenden, kostenintensiven und weitgehend vermeidbaren Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Gallensteinen, Schlaganfällen, Schlaf-Apnoe, Herzkrankheiten und Krebs führt. Es ist ganz klar, dass die gegenwärtige Richtung in der Medizin unsere Gesamtgesundheit nicht verbessert.
Meine Arbeit hat keinen richtigen Namen
Mud habe ich zu verdanken, dass ich lernte, welche Kraft und Bedeutung der Blick hinter die Symptome für die Gesundheit des ganzen Menschen hat, und meiner Ausbildung verdanke ich die systemgestützte Methode, die ich als Bioingenieurin am MIT (Massachusetts Institute of Technology) gelernt habe. Wenn ich mich aus diesem Blickwinkel mit Hormonschwankungen befasse, stelle ich oft fest, dass es für ein Problem nicht nur einen einzelnen Grund gibt. Es stimmt, dass hormonelle Schwankungen eine Folge des Alterns sind. Aber sie können auch durch die Lebensweise und die Ernährung verursacht oder verschlechtert werden.
Mud lehrte mich, den Körper als geschlossenes Ganzes zu betrachten; man nennt es auch holistische Gesundheit. Aber auch das ist nicht die richtige Umschreibung dessen, was ich mache. Die Ärzte Dr. Andrew Weil, Dr. Tieraona Low Dog, Dr. Victoria Maizes und ihre Kollegen der Universität von Arizona machten den Begriff „Integrative Medizin“ populär. Andere bezeichnen das, was ich mache, als funktionelle Medizin. Der neueste Name stammt von Dr. Mark Hyman, er wandte den Begriff 4P-Medizin an: prädiktiv (vorausschauend), partizipatorisch (mitbestimmend), präventiv (vorbeugend) und personalisiert (individualisiert). Meine Arbeit ist inspiriert durch die Pionierleistungen von Dr. Christiane Northrup; manche sagen auch holistische Gynäkologie dazu oder natürliche Hormonbalance, um mir einen Begriff von Dr. Uzzi Reiss auszuborgen. Meine Kolleginnen und Kollegen in Silicon Valley bezeichnen es als Biohacking oder Hobby-Biologie, außerhalb der Beschränkungen des traditionellen universitären Campus und der Industrie. (Mit dem sogenannten Biohacking beschäftigt sich eine Szene von Biohackern – so nennen sie sich selbst –, die mit dem genetischen Code ähnlich spielerisch und kreativ umgehen wie Computerhacker. Es geht um das Verändern von Erbgut, z. B. von Regenwürmern und Pflanzen, nicht in den Universitäten, sondern in Heimlabors in Kellern und Küchen; Anm. d. Übers.)
Eine Zeit lang nannte ich meine Arbeit evidenzbasierte Integration und gelegentlich auch biologische Gynäkologie. Die Wahrheit ist aber, dass offenbar kein Mensch versteht, was all das heißt, und welche Bezeichnung diese neue, systembasierte und integrative Methode in der medizinischen Versorgung nun bestenfalls tragen soll.
Ganz klar ist, dass wir einen totalen Paradigmenwechsel brauchen, mit einem Quantensprung in Richtung Vorsorge, Initiative und auf der Grundlage der Lebensweise. Hierbei liegt die Betonung auf der Rolle und der Verantwortung jedes Einzelnen für seine täglichen Entscheidungen, Gewohnheiten und deren langfristigen Konsequenzen.
Und so verstehe ich all das: Ich arbeite mit den Frauen zusammen und wir bringen Ordnung in ihre durcheinandergeratenen Hormone und in die Transmitterstoffe im Gehirn. Mithilfe von Untersuchungen finden wir heraus, ob einer Frau genügend wichtige Bausteine oder Vorläufersubstanzen zur Verfügung stehen, um die benötigten Transmitterstoffe und Hormone überhaupt zu bilden. Ich halte Muds Vorstellung für einen wertvollen Bezugsrahmen: Wie Sie essen, sich bewegen, welche Nahrungsergänzungen Sie einnehmen und wie Sie denken, bestimmt zum großen Teil, wie Sie sich fühlen. Das sind Entscheidungen, die eine große Macht auf Ihr Leben ausüben – und das heißt nicht, dass Sie künftig auf einem Brett schlafen oder sich bei Yoga-Positionen wie eine Brezel verknoten sollen. Ich möchte Ihnen zeigen, wie Sie jeden Tag aufgrund Ihrer individuellen hormonellen Verletzlichkeit das Beste für sich tun können.
Читать дальше