Einmal bekam er den ganzen Tag kein Essen, weil er zu einer Untersuchung musste, die dann aber auf den nächsten Tag verlegt worden war. Er sagte, er habe Hunger, traute sich aber nicht nachzufragen. Ich klingelte, erklärte und klingelte noch einmal. Dann bekam er sein Essen. Er sagte Danke, ohne mich anzusehen. Dann aß er, drehte sich in seinem Bett zur Seite und weinte. Arme Sau.
Ich möchte jetzt einschlafen. Genug Melancholie genossen. Möchte nicht, dass sie kippt, so wie frischer Wein kippt, wenn man ihn zu lange lagert. Umkippt in tintenschwarze Traurigkeit. Die Melancholie, nicht der Wein. Oder noch schlimmer, in Angst. Im Krankenhaus ist es ganz superleicht Angst zu bekommen. Da muss man sich gar nicht anstrengen und schon hat man sie im Kopf. Jeder eine für sich. Meine heißt: Amputation. Ist zwar nur eine dicke, heiß-rote Entzündung im Fuß, aber das Wort ist im Kopf, kam gleich bei der Einlieferung, quasi mitgeliefert: Amputation. Ist hartnäckig, schwer zu vertreiben, gerade nachts. Aber geht schon wieder. Muss. Mach dich nicht verrückt, sag ich mir dann immer. Eine Übung in Geduld und Demut.
Notgedrungen eingedrungen
Es ist mir noch nicht passiert, aber die Vorstellung, jemand dringt in meine Wohnung ein, mit Gewalt oder mit Geschick, egal, jemand dringt in meine Wohnung ein, schaut sich um, schnüffelt herum, öffnet Schränke und Schubladen, wühlt in meiner Wäsche, liest meine Tagebücher und Briefe, diese Vorstellung erschreckt mich, jagt mir Angst ein, macht mich wütend. Es würde mich aus meiner Ruhe bringen, mein Menschenvertrauen ankratzen, meine Seele verletzen. Auch wenn der Eindringling nichts stiehlt, nichts verwüstet, nichts schändet.
Nun ja, es ist mir bisher auch nicht passiert, habe Glück gehabt, bis jetzt, darf mich sicher fühlen in meinem Zuhause.
Nur: Jetzt sitze ich hier, schon seit anderthalb Stunden, und warte. Ich warte darauf, dass jemand eindringt. In mein Haus? In meine Wohnung? In mein Zimmer? Nein! In mein Herz!
Ich habe sogar mit ihm gesprochen, mit dem Eindringling, mit dem Einbrecher. Er hat mir auch noch erklärt, wie er hineinkommt, in mein Herz. Durch die Kellertür, eine Vene in meiner Leiste. Scheißfreundlich hat er’s mir beschrieben, wie er das Schloss aufbohrt, mit einer Nadel, direkt neben meinen Hoden. Wieso soll ich dem vertrauen, ich kenne ihn doch gar nicht. Nur, weil er einen weißen Kittel anhat? Den kann er sich besorgt haben. Ich sag nur: Berufsbekleidungsgeschäft! Vielleicht bohrt er sie ja an, meine Eier, bläst sie aus und hängt sie bunt bemalt an einen Strauch blühender Forsythien in seinem Garten. Und lacht sich tot, die Schweinebacke, erzählt seiner Frau und seinen Kindern: „Das da sind die Eier von Herrn T. Der hat doch tatsächlich geglaubt, ich würde ihm seine Stromleitungen im Herzen reparieren. Ich bin doch kein Elektriker, ich bin ein Eierdieb.“
Halt! Stopp! Meine Fantasie geht mit mir durch. Auf dem Teppich bleiben, die Kirche im Dorf lassen, ruhig durchatmen. Freud würde sich freuen über meine Fantasien: Klassischer Fall von Kastrationsängsten, würde er sagen.
Nein, der Einbrecher in Weiß mit dem Doktortitel, hoffentlich nicht durch Plagiat, will in mein Herz, mit einem langen Katheder will er es durchsuchen. Und der Durchsuchungsbefehl trägt meine Unterschrift. Er hat sie mir abgepresst, der Gauner. Wenn ich die Erlaubnis verweigert hätte, hätte er mich für verrückt erklärt und mein Über-Ich hätte mich in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen: Klapse zu, Seele tot.
Nach zwei Stunden und fünfzehn Minuten werde ich aufgerufen. Mein Feind in Weiß gibt mir die Hand. Ich muss freundlich tun. Jetzt erläutert er mir seinen Einbruch noch einmal, der Sadist, in allen Einzelheiten, der Hund. Er nennt seinen Übergriff Ablation , das hört sich vornehmer an, klingt ein wenig nach Absolution, der Zyniker. Er wird in mein Innerstes einbrechen, in dem für ihn kein Platz ist, wird die Bewohner stören, die ich liebe, die mir ans Herz gewachsen sind.
Der freundliche Feind sagt, wenn er käme, werde ich gar nichts merken, werde ich gar nicht zu Hause sein, weil er mich auf eine Reise schicken werde. Aber das stimmt gar nicht. Ich werde mich schlafend stellen und mit einem halben Auge auf meine Lieben aufpassen, damit er ihnen nichts tut. Er soll nur das defekte Kabel suchen und stilllegen, sonst nichts. Er sagt „veröden“ dazu. Unverschämtheit, als hätte Ödnis Platz in meinem Herzen! In seinem vielleicht! Er schaut mich an, als habe er meine Gedanken lesen können und sagt: „Keine Bange, Herr T., ich schau nur nach dem Sinusknoten, nicht in Ihre Schubladen und bin in einer Stunde wieder weg. Versprochen.“
Jetzt muss ich lächeln, ob ich will oder nicht, und antworte: „Na, dann reparieren Sie mal schön. Und grüßen Sie meine Lieben von mir.“ Nach vier Stunden und dreißig Minuten werde ich in den OP geschoben. Gut Ding muss Weile haben.
Sie steht neben mir an der roten Ampel. Sie schaut herüber. Kurz. Lächelt nicht. Ist klar. Hab sie links überholt, bevor sie die Spur wechseln konnte. Jetzt muss sie gleich hinter mir links rüber wegen der parkenden Autos da vorne. Da dürfen die gar nicht stehen, zwischen vier und sechs, blockieren die rechte Spur jetzt in der Rushhour. Es gibt so wenig Rücksicht im Verkehr.
Hätte sie auch reinlassen können, in die Lücke, gentlemanlike, aber ich wollte nicht. Nicht sie. Sie, mit ihrem kleinen Ford KA, mit der Aufschrift „Seniorenglück – ambulante Pflegehilfe“ . Das hat sie davon! Sie, die alte Leute tot pflegt, von einem zum nächsten rast, mit ihrem kleinen Auto. Treppe rauf, rein in die Wohnung, „Wie geht’s uns denn?“, Windel ab, mit dem Lappen drüber, Windel drum, Mund auf, Pillen rein, Schluck Wasser drauf, und immer schön viel trinken, schönen Tag auch, Oma Schulze.
Und jetzt guckt sie noch einmal rüber, mit ihrem Blick ohne Lächeln, der sagt: „Warte, nicht mehr lange, dann pflege ich auch dich!“
Sie mag Ende zwanzig sein, Anfang dreißig, höchstens. Sie, mit ihrer unverschämten Jugend, mit ihrer dreisten Gesundheit.
Letzte Woche hatte ich den letzten Arbeitstag meines Lebens. War schon komisch. Da bin ich ausgeschieden, letzte Woche, aus dem Rennen um Karriere, Macht und Ruhm. Hatte schon was erreicht in der Abteilung. Mit meiner Erfahrung, meinen Kenntnissen, meinen Kontakten. Hat ja auch der Direktor gesagt in seiner Rede, bei meinem Abschied. Die goldene Uhr gab es nicht. Das war früher mal. Jetzt beim Sparkurs gibt’s Blumen und ein Buch: „Mit Elan ins leichte Leben – ein Ratgeber für rüstige Rentner“. Der Blumenstrauß hielt nicht lange. Das Buch liegt auf dem Klo, gut gegen Verstopfung.
In den letzten Jahren lief ich eher außer Konkurrenz, war kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Bei dem Tempo, das angesagt war, wurde ich reihenweise überholt. Saus-die-braus, links wie rechts, von jungen, intelligenten und dynamischen Kindern, die alles wussten von Innovation, Management und Cashflow, aber noch die Tränen in den Augen hatten vom ersten Liebeskummer. Sie kämpften mit Ellenbogen, dabei hätte ich sie gerne auf den Arm genommen und ins Bett gebracht, vielleicht noch eine Geschichte vorgelesen, von dem, der auszog, um das Fürchten zu lernen. Sie wussten alles von Produktpositionierung und Finanzkalkulation, aber nichts vom Leben. Na ja, das ist ja jetzt vorbei für mich, Gott sei Dank.
Den Wagen kriegt mein Sohn Max. Aber vorher mache ich ein paar Spritztouren. Lange Jahre hatte ich die Idee im Kopf, aber nie die Zeit. Jetzt bin ich endlich aus der Tretmühle raus und kann mit meinem alten Benz noch einmal die geliebten Städte abfahren: Amsterdam, Prag, Berlin, Brügge, Dresden, Weimar, Den Haag und natürlich Paris. Die Städte, die ich mit ihr verbinde, mit meiner Lebensliebe. Alles hat ein Ende, nur der Mensch hat zwei: Das eine ist der Tod, das andere das Vergessen. Dich vergesse ich nie.
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