Der Chansonnier, der während der deutschen Besetzung von Paris wie die Kollegen Edith Piaf und Maurice Chevalier auch Wehrmachtsoffiziere unterhielt, war stets elegant gekleidet, oft mit Pullover oder Weste, so, als wollte er in Longchamp oder Chantilly auf Pferde wetten. Er versäumte nie, mir und anderen Gästen ein „Bonjour“ zuzuwerfen oder sogar „A bientôt“. Bis bald also, aber dabei blieb es in all jenen Jahren. Bald war er gestorben, und außer einem sozialistischen Verteidigungsminister, Pierre Joxe, dessen Familie hochherrschaftlich am Platz residierte, konnten Paparazzis hier selten einen Prominenten ausmachen. François Mitterrand bettete seine Geliebten in anderen Breitengraden. Das heimliche Liebesleben des Valéry Giscard d’Estaing füllte in einer von meinem Freund Olivier Todd verfassten Biografie ein Kapitel. Monsieur Holland, einer seiner Nachfolger, ließ sich gelegentlich, wir erinnern uns, für ein „Frühstück d’amour“ von einem Leibwächter in die Élysées, nahe Rue de Cirque transportieren. Auf einer Vespa. Was folgte war ein Zirkus „à la croissant“ – der Staatschef reduziert zum Clown, der einen Sturzhelm trug und auf sein Amt wegen Misserfolgs und entsprechender Ablehnung der Bürger vorzeitig verzichtete.
Mit meinem Nachbarn, einem Pianisten, oder einer der davon träumte es zu sein, kommunizierte ich auf Trappistenebene. Wie Schweigemönche existierten wir über Jahre auf der ersten Etage nebeneinander. Mein Nebenan lehnte es ab, mit Unbekannten zu reden, selbst jenen, die ihm tagtäglich begegneten. Allerdings meldete sich der Anrainer jeden Morgen, gegen 8 Uhr, musikalisch. Seine Fenster öffnete er wie den schweren Velour-Vorhang einer Opernbühne. Die Pianoklänge schallten über den Platz. Gewaltig. Nie gelang es mir zu klären, ob der Künstler sich als Rubinstein oder Horowitz wähnte. Er intonierte jeden Morgen, 30 Minuten lang, stets dieselben, undefinierbaren Stücke. Sein Flügel war arg verstimmt. Und die Kompositionen, falls es welche waren, mindestens unvollendet. Ein wenig Schubert also. Ohne dessen Genialität. Meinen Nachbarn konnte ich nicht fragen, weil er, wie erwähnt, jedwede Unterhaltung ablehnte. Ich habe den Namen des Musikers nie erfahren, zumal der auch am Briefkasten fehlte.
Ich bin mir nicht sicher, ob der Pianist Selbstgespräche geführt hat. Er hustete häufig, zuweilen röchelte er. In solchen Sekunden fürchtete ich, seine Zahnprothese sei verrutscht und er drohte zu ersticken. Seinen Briefkasten hat er nie geleert, das scheint verbürgt. Über Monate quollen dieselben Drucksachen heraus. Der Hauswart hatte irgendwann einen Karton unter die Postfächer gestellt und den „postier“ angehalten, die Sendungen für den schweigsamen Bewohner dort hineinzuwerfen. Sobald der Kasten gefüllt war, entsorgte der Concierge die gesamte Post im Müll. Der Pianist beklagte sich nicht, verriet mir der Verwalter. Er schien erleichtert, dass ihm diese Arbeit abgenommen wurde.
Beifall für ein unerträgliches Frühkonzert
Täglich punkt 9 erschien der Anonyme auf dem Platz, als wollte er sich den Beifall für sein unerträgliches Frühkonzert abholen. Maestoso. Gravitätisch. Ich schätzte ihn auf 1,88. Er war hager bis mager, eingefallen, blass. Er versuchte seine Glatze zu verbergen, indem er die verbliebenen Haare bis in den Nacken wachsen ließ und sie dann, von hinten gegelt, bis an die Stirn führte. Er hätte es mit einem Hut einfacher gehabt. Nur klassische Pianisten spielen offenbar nicht mit Mütze, nur Jazzer. Seine Hosen entsprachen der Haarfarbe: grau. Seinem blauen Blazer fehlten mehrere der goldgefärbten Knöpfe. Der Hemdkragen, vielleicht war es das einzige Hemd, das er besaß, war zerlöchert und an den Rändern zerfressen. Von den schwarzen Lackschuhen, die der Gentleman vergangener Epochen zum Smoking oder Frack schätzte, hatte sich der Lack abgemeldet; nur einige wenige Bereiche der Schuhe glänzten wie in früheren Zeiten. Hose, Hemd und Jacke fehlte jede Form. Sie waren einem Bügeleisen seit Langem entkommen. Womöglich schlief mein Nachbar in seiner Kleidung, weil ihm ein Schrank fehlte. Oder eine Daunendecke für den Winter.
Er schlurfte nicht etwa auf den Platz, sondern trat erhaben auf, selbstbewusst. Der Künstler blickte hinauf auf die wunderschönen Fenster in den historischen Gebäuden, so, als vermute er dort die Logen seiner Oper, seine Fans sowie Claqueure. Oder den Kommissar Jules Maigret. Den hat Romancier Georges Simenon nämlich zum Stammgast des Restaurants „Au trois Marches“ werden lassen, auf dem Place.
Der Pianist verneigte sich, nur einmal, vielleicht setzte ihm die Bandscheibe zu. Danach setzte er sich auf die Bank im Zentrum. 9 Uhr, täglich. Bis 11. Der Kunstschaffende las weder ein Buch noch eine Zeitung. Stattdessen fütterte er Tauben und Spatzen mit Brot, einem dieser geschnittenen Toastsorten, die nach einem versehentlichen Fall auf den Boden hochschnellen wie ein Basketball.
Zwei Stunden lang. Sieben Tage pro Woche. Womöglich hörte er aus der Ferne die Stimme Montands, der in seiner Parterrewohnung täglich mit einem Pianisten übte. Vielleicht machte ihn dieser Musiker neidisch.
Mein Nachbar war ein Greis, 80, 90, vielleicht auch ein frühzeitig zerfallener Sechzigjähriger. Selbst an Regentagen verfolgte er seinen Tages-Wochen-Monats-Jahresplan. An solch düsteren Tagen war er von einem übergroßen Regenmantel umhüllt, grau wie Hose, Haare und Gesicht. Er hockte auf einem gefalteten, grünen Badetuch. Gewitter schreckten ihn nicht. Wenn die Blitze zuckten, flüchteten Tauben und Spatzen, der Pianist blieb auf seiner Bank im Zentrum des Place Dauphine. Allerdings öffnete der enigmatische Entertainer einen übergroßen, karierten Golfschirm, dem einige der Drahtstützen fehlten und der deshalb wie ein zusammengerutschtes Zelt wirkte. Darunter hockte er wie eine Skulptur, eine kopflose. Magritte hätte ihn als Modell nutzen können. Zumindest den Hals, der schwanenähnlich gebogen war.
Plötzlich sprachen die Nazis französisch
Dreimal wöchentlich hörte ich seine hohe Stimme, die sich in Kastratennähe bewegte. Eine bezopfte ältere Frau, deren Strickstrümpfe gummibandverstärkt unterhalb der Knie endeten, belieferte den Greis mit Lebensmitteln. Da mein Nebenan keine Klingel oder selbige abgestellt hatte, klopfte die Frau, dreimal wöchentlich, zunächst behutsam nachsichtig, an die Tür. Nach einigen Minuten verlor sie, dreimal wöchentlich, die Geduld und hämmerte mit ihren Fäusten. Vielleicht war der Musiker schwerhörig, was seine klägliche Musik und das ungestimmte Piano forte erklären würde. Oder er litt an Alzheimer, erste Symptome, denn wie anders war es zu deuten, dass er über Jahre die Rendezvous mit seiner einzigen Kontaktperson vergaß? Der Alte, das konnte ich hören, begrüßte seine Lebensmittellieferantin nicht etwa mit einer Entschuldigung, sondern rügte sie: „Sie sind zehn Minuten verspätet.“ Sie reagierte nicht, reichte ihm eine Rechnung. Er zahlte und schlug die Tür zu. Seine Kommunikation des Tages.
Der Pianist besaß weder ein Radio noch einen Fernseher, wie mir der Concierge verriet; lediglich ein Feldbett, ein verstimmtes Steinway-Piano und die Einsamkeit. Angeblich las er die rechtsextreme Postille „Minute“.
Der stumme Monsieur hatte sich eben auf seiner Bank niedergelassen und die ersten Tauben besetzten seine Knie, als die Nazis den Place Dauphine stürmten. Hitlers Handlanger. Der Künstler rührte sich nicht, allerdings sah ich von meinem Fenster aus, wie er die nun nachrückenden Panzerspäh- und Kübelwagen, allesamt an den Hakenkreuzen erkennbar, beobachtete, vor allem die Kradfahrer, die Wehrmachtsstahlhelme trugen. Und die Männer in schwarzen Ledermänteln, die Frauen und Männer an eine Wand drängten, unweit des Cafés, in dem Yves Montand Stammgast war.
Zugegeben, für einige Sekunden war ich irritiert, verwirrt ob dieser Szenen meiner Kindheit. Kriegskind in alle Ewigkeit. An der Zufahrtsstraße zum Pont Neuf machte ich Pariser Polizisten aus, die auf ihren Hochglanz geputzten BMW-Motorrädern saßen und die chaotischen Szenen auf dem Place verfolgten – Dreharbeiten. Hollywood an der Seine. Monsieur X rührte sich nicht. Er fütterte seine Tauben.
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