Auch ohne Kind war nun alles durcheinandergebracht. Von Jennys Auto waren nur noch die Einzelteile auf dem Schrottplatz übrig geblieben und die angedachte Hochzeit schien annulliert. Jennys Eltern hatten erzählt, dass sie mit Nick telefoniert hatten, als in der Wohnung nach dem Unfall niemand zu erreichen gewesen war. Er war von der Nachricht, dass Jenny schwer verletzt war, schockiert gewesen, doch hatte er einen Besuch auf der Intensivstation abgelehnt. Er ließ anklingen, Jenny am Abend des Unfalls von seinen Trennungsabsichten berichtet zu haben. Er mache sich zwar Vorwürfe, aber seine Entscheidung sei klar.
„Was für ein Idiot“, murmelte Thea leise bei dem Gedanken, dass man die Frau, die man heiraten wollte, noch nicht einmal auf der Intensivstation besuchte.
Jenny öffnete die Augen und blickte Thea direkt an. Thea errötete leicht, denn die Worte waren ihr unbewusst herausgerutscht.
„Wen meinst du?“, fragte Jenny in fast beiläufigem Ton.
„Ach …“, Thea druckste und suchte nach einer Rechtfertigung. „Ich meinte die Schwester gerade. Die war ja nicht wirklich zuvorkommend, oder?“
Jenny schloss mit einem erleichterten Seufzer die Augen und erwiderte: „Ach, Mona ist schon in Ordnung.“ Mit einem zufriedenen Lächeln sagte sie noch: „Pfleger Andreas auf der Intensivstation war ein richtiger Schatz.“
Um die unangenehme Situation aufzulösen, berichtete Thea Jenny ungefragt von einigen Erlebnissen mit Schülern ihrer Grundschule. Zudem erzählte sie von den Entwicklungsfortschritten ihrer Tochter Klara und teuren Anschaffungen für ihre neue Eigentumswohnung. Ihre Fragen rund um den Unfall gingen Thea aber nicht aus dem Kopf. Sie passte einen geeigneten Moment ab, in dem Jenny entspannt den Berichten lauschte und die Tablette bereits wundervolle Wirkung erzielt hatte. Wie beiläufig fragte sie: „War Nick eigentlich schon da?“
Jennys Gesichtsmuskeln zogen sich blitzartig zusammen und schwungvoll drehte sie sich auf die linke Seite. Demonstrativ streckte sie Thea ihr mit einem Schlafanzug bedecktes Hinterteil entgegen und schwieg.
Beschwichtigend sagte Thea: „Ich weiß, dass du es schwer hast, Jenny. Aber magst du nicht erzählen, was vor einer Woche passiert ist?“
„Ich hatte einen Unfall, weil mir ein verdammtes Reh über den Weg gelaufen ist. Sonst nichts.“ Fast patzig wirkte Jennys Antwort und da Thea keinen Ton von sich gab, sagte Jenny noch: „Und Nick ist für mich gestorben. Mehr möchte ich darüber jetzt nicht sagen.“
Thea war erleichtert über das „jetzt“. Jetzt wollte Jenny nicht darüber sprechen, aber hoffentlich bei einem der nächsten Besuche. Thea spürte, dass es besser war, den Besuch zu beenden, denn Jenny war zu keinem Gespräch mehr bereit. Immerhin konnte sich Thea davon überzeugen, dass sich ihre Freundin auf dem Weg der Besserung befand.
„Ich rufe dich morgen an. Vielleicht fühlst du dich dann schon etwas stärker.“
Thea verabschiedete sich von Jenny mit einem Streicheln ihres Hinterkopfes und verließ, bedacht darauf, mit ihren Absatzschuhen nicht zu laute Geräusche zu produzieren, das Krankenzimmer.
Die Abenddämmerung eines späten Novembertages legte sich über die Zimmer der chirurgischen Station des Universitätsklinikums und hier und da wurden die ersten Lichter angemacht. Die aufsteigende Dunkelheit und das schwache Licht passten zu Jennys Gefühlen. Es gab nichts, was ihr Gemüt im Moment aufheitern konnte. Jenny fror und fühlte sich einsam. Selbst bei ihrer langjährigen Freundin Thea war sie sich der Solidarität nicht mehr sicher. Konnte sie überhaupt noch einem Menschen vertrauen? Konnte Thea überhaupt etwas von dem, was Jenny durchmachte, verstehen oder nachfühlen? In diesem Moment weilte Thea bereits wieder in der wohligen Wärme ihres trauten Heimes, einer modernen und gehoben ausgestatteten Eigentumswohnung in Münster Gievenbeck. Jennys Ziel, als sie sich vor einer Woche nach der tragischen letzten Zusammenkunft mit Nick und Marla ins Auto gesetzt hatte. Sie konnte sich des Gedankens nicht erwehren, obwohl sie wusste, dass er wie Gift für sie war. Auch konnte sie die Tragweite der Tatsachen immer noch nicht erfassen und versuchte, die Geschehnisse zu rekonstruieren. Ekelschauer erschütterten sie, als sie daran dachte, dass Nick nun endlich das bekam, wonach er sich immer gesehnt hatte. Ein Kind.
Marla war im dritten Monat schwanger, das hatte Jenny an vergangenem Freitag erfahren. Und Nick war der Erzeuger. Konfrontiert mit dieser Nachricht und Nicks Entschluss, umgehend aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen, war sie in einen Schockzustand gefallen. Nachdem das glückliche Paar die Wohnung verlassen hatte, bewegte sie sich traumatisiert und innerlich erstarrt ruhelos durch die Wohnung. An Nicks Geburtstag, am 20. September, musste es in ihrer Wohnung passiert sein. Welche Erniedrigung, welch unglaublicher Verrat. Wie schon einige Jahre zuvor verbrachte Marla zu dieser Zeit eine Woche bei ihnen in Dortmund. Tagsüber besuchte sie dann die Kunstmesse in Köln. Erstmalig wurde es ihr in diesem Messejahr ermöglicht, selbst dort Bilder auszustellen. Am 20. September hatte Marla mit Nicks Geburtstagsgästen ausgelassen ihren Erfolg gefeiert. Auch Jenny hatte fröhlich mit Marla angestoßen. Die Vorstellung, dass Nick und Marla umeinandergeschlungen in der Badewanne … vielleicht während sie die Spülmaschine eingeräumt hat …
Ein erneuter Ekelschauer überfiel Jenny und ließ sie würgen. Kurz flackerte erneut die Traumszene mit Nick und Marla in der ersten Bankreihe der Kirche vor ihren Augen auf. Deutlich erkannte sie Marlas rote hochhackige Schuhe, die sie auch bei besagter Party getragen hatte. Wie konnte ihre beste Freundin Jenny so etwas antun? Selbst im Feierrausch gab es für so ein Verhalten keine Entschuldigung. Und verzweifelt musste Jenny sich gestehen: Es gab auch keine Bestrafung. Marla zog lachend davon. Mit ihrem Verlobten und dem Glück im Bauch, von dem Nick immer geträumt hatte. Kurz machte sie sich selbst Vorwürfe und verfluchte ihre Antihaltung gegenüber eigenen Kindern. Aber nein. Nick hatte zugestimmt, sie zu heiraten. Mit oder ohne Kind. Er hatte sich bewusst für eine kinderlose Ehe entschieden. Er war der Ehebrecher. Jenny selbst musste nun alles Weitere ertragen und konnte ihn nicht mehr zurückgewinnen. Es war aus. Für immer.
Jenny versank in Erinnerungen an die schlimmste Nacht ihres Lebens, in der ihr Lebensgerüst gesprengt wurde. In ihrer Not hatte Jenny den Entschluss gefasst, zu ihrer Freundin Thea nach Münster zu fahren. Zwei Stunden hatte sie bis dahin laut heulend auf dem Sofa gelegen und Fotos von ihr und Nick zerrissen, die sie zuvor an unterschiedlichen Stellen der Wohnung gefunden hatte. Sie war erschöpft gewesen, aber hatte panische Angst bei dem Gedanken daran verspürt, eine Nacht alleine in der Wohnung verbringen zu müssen. Schnell hatte sie das Notdürftigste zusammengepackt und fluchtartig den Ort des Grauens verlassen. Die Strecke nach Münster war sie wie im Schlaf gefahren, da sie den Weg gut kannte. Thea war, direkt nach ihrem gemeinsamen Studium, mit Achim dorthin gezogen und Jenny hatte sie dort schon unzählige Male besucht. Theas Eltern lebten in Greven, einer Kleinstadt in der Nähe Münsters, wo Thea aufgewachsen war. Ihre Freundin hatte stets betont, waschechte Westfälin zu sein, und legte nicht ohne Stolz immer wieder dar, dass Münster für sie die eigentliche Hauptstadt Deutschlands war. Den Weg nach Münster Gievenbeck also war Jenny ohne Navigationsgerät gefahren. Die sonore Stimme der Ansagedame wäre wohl auch kaum zu Jennys Ohren vorgedrungen, denn die gesamte fast einstündige Fahrt durch verregnete Dunkelheit hatte Jenny immer wieder das gleiche Lied gehört. „Ave Maria“, gesungen von Jessye Norman, einer dunkelhäutigen Sopranistin. Die CD mit verschiedenen von dieser Sängerin interpretierten Liedern war ein Erinnerungsstück an ihre verstorbene Oma. In ohrenbetäubender Lautstärke hatte sich der emotional aufheizende Gesang bis zum Horstmarer Landweg wiederholt. Nach der Abfahrt von der Autobahn hatte sich Jenny kurz vor Erreichen ihres Ziels befunden. Aufgelöst und in der Annahme, dass sie die Veränderungen der Zukunft nicht ertragen könne, hatten Regen und Tränen ihren vorausschauenden Blick verhängt. Wie durch Nebelschwaden hatte sie lediglich den hellsten Lichtkegel, der die Straße direkt vor ihr ausleuchtete, gesehen. Das Reh, das wie aus dem Nichts kommend, von links über die Straße rannte, war mit einem eleganten Satz ins Münsterländer Feld gesprungen. Jenny war reflexartig nach links ausgewichen, hatte kurz die Mittellinie überquert und vor Schreck das Lenkrad stark in die entgegengesetzte Richtung gerissen. Auf der regennassen Straße waren die Hinterräder ins Rutschen geraten und hatten nicht mehr auf Jennys verzweifelte Bremsversuche reagiert. Wie auf einer spiegelglatten Eisfläche war sie unaufhaltsam dem Baumstamm entgegengeschlittert, dem sie auch mit einem erneuten Herumreißen des Lenkrades nicht mehr hatte ausweichen können. Sie vernahm nur noch einen harten Stoß auf den Kopf und das Zersplittern von Glas sowie das laute Hupen ihres Autos. Dieses war, mit dem Heck im gepflügten Acker steckend, im Straßengraben zum Stillstand gekommen. Durch die völlig zerstörte Frontfensterscheibe hatte sich über ihr die Krone des stark beschädigten Baumes wie im Karussell gedreht. Jennys Kreislauf brach zusammen und sie verlor das Bewusstsein.
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