Die Tür des Krankenzimmers öffnete sich langsam. Auf das zaghafte Klopfen hatte Jenny nicht reagiert. Erschrocken zuckte sie zusammen, als Thea an ihrer Seite stand und ihre Hand auf Jennys Schulter legte. Mit geschwollenen Augenliedern und vom Weinen gerötetem und nassem Gesicht blickte Jenny auf. Bestürzt wich Thea einen Schritt zurück und fragte besorgt: „Was ist denn mit dir, Jenny? Ich dachte, du schläfst.“
Jenny konnte keinen Ton aus der von Trauer abgedrückten Kehle hervorbringen. So sehr sie auch dankbar über die Anwesenheit eines Menschen war, dem sie noch vertrauen konnte, so sehr sehnte sie sich auf eine einsame Insel. Niemandem wollte sie in die Augen schauen, niemandem auch nur irgendetwas von sich erzählen. Dennoch brachte sie ein gequältes „Mein Kopf“ hervor und verbarg ihr Gesicht hinter beiden Händen. Thea reagierte sofort und verließ umgehend das Zimmer, um nach einer Krankenschwester zu suchen. Nach einigen Minuten erschien sie besorgt, in Begleitung einer Pflegekraft, zu ihrer immer noch wie ein Igel zusammengerollten Freundin.
Schwester Mona reagierte nicht sonderlich erfreut auf die Unterbrechung ihrer soeben begonnenen Rundtour durch die Zimmer der am Knochengerüst erkrankten Patienten. Besucher wie Thea waren ihr ein Graus. Kaum erschienen sie erstmalig auf der Station, schon nörgelten sie an irgendeiner Kleinigkeit herum und meinten, das Beste für den Erkrankten rausschlagen zu müssen. Als wenn sie sich nicht sowieso schon den Hintern für diese oft verwöhnten und nicht selten wehleidigen Erkrankten aufreißen würde. Diese Jenny Hilgers schätzte sie ähnlich ein. Die konnte doch froh sein, so glimpflich mit einem Knochenbruch davongekommen zu sein. Manch anderer, der sich schwungvoll um einen Baum wickelte, landete im Himmel. Vielleicht auf Wolke sieben oder acht, keine Ahnung.
Und diese Besucherin …
Mit ihren Klapperschuhen war ihr die Dringlichkeit ihres Gesuches schon von Weitem anzuhören. Nun folgte Mona dieser gewollt feinen Dame in Seidenstrumpfhose und bester Markenkleidung. Diese Frau kannte sicherlich nichts vom wirklichen Leben, meinte aber ohne Zweifel, die Weisheit gepachtet zu haben. Bestimmt war sie Lehrerin oder Juristin. Vor denen musste man sich besonders in Acht nehmen. Ein falsches Wort und schon hatte man eine Beschwerde bei der Stationsleitung am Hals. Mona machte diesen Job nun bereits seit sechs Jahren und hatte gelernt, sich nichts von ihrer eigentlichen Ablehnung anmerken zu lassen. Außerdem war ihr heutiger Dienst in absehbarer Zeit beendet und sie wollte keinen Ärger mehr haben.
„Was hat denn unsere Frau Hilgers?“, fragte sie mit deutlich uninteressiertem Ton beim Eintritt in Jennys Zimmer.
„Sie scheint schreckliche Schmerzen zu haben. So aufgelöst habe ich Jenny noch nie gesehen.“
Thea redete ungezwungen mit fremden Personen, denn auch sie arbeitete, wie ihre alte Studienkollegin Jenny, als Grundschullehrerin. In Köln hatten sie sich vor fast zwanzig Jahren in den gemeinsamen Vorlesungen kennengelernt und mit einer weiteren Kommilitonin eine Wohngemeinschaft in Ehrenfeld gegründet. Als sie nun die Stimme erhob, klang diese brüchig, denn der Zustand, in dem sie ihre Freundin vorgefunden hatte, war für Thea besorgniserregend.
Sie fuhr aufgeregt fort: „Sie hat sich den Kopf gehalten und verzweifelt ‚mein Kopf‘ gesagt. Kann das noch etwas mit dem Schädel-Hirn-Trauma zu tun haben?“
Auch wenn Mona diese Person nicht wirklich mochte, hatte sie grundsätzlich Nachsehen mit Menschen, die noch nie wirkliches Leid erfahren hatten. Für eine groß angelegte psychologische Studie fehlte Mona die Zeit, aber ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr, dass diese Frau wahrscheinlich bisher meistens Glück mit ihrem durchgeplanten Leben gehabt hatte. Sie war eindeutig gut gebaut und gekleidet und sicherlich recht wohlhabend. Im Grunde empfand Mona sogar etwas Mitleid, denn wenn Kopfschmerzen einen Menschen so in Aufregung versetzten, war der unsichere Kern nicht weit hinter der äußeren Fassade versteckt. Sie bahnte sich einen Weg an der nun energisch blickenden Wohlstandsdame vorbei zum Bett ihrer Patientin. Diese lag, alle Muskeln angespannt, zitternd und sich den Kopf haltend, auf der rechten Körperseite und schluchzte. Diesen Zustand hatte Mona wirklich nicht erwartet und plötzlich regte sich in ihr echtes Mitleid. Sanft berührte Schwester Mona Jennys Schulter und fragte mit einfühlsamer Stimme: „Frau Hilgers? Was ist mit Ihnen?“
Da keine Antwort zu hören war, fragte sie: „Tut Ihnen der Kopf weh?“
Eine minimale Kopfbewegung, die wie ein Nicken zu deuten war, ließ Mona erkennen, dass die schmerzgekrümmte Frau im Bett vor ihr ansprechbar war.
„Brauchen Sie ein Schmerzmittel, Frau Hilgers?“, fragte Mona freundlich.
Jenny nickte etwas deutlicher und sofort setzte sich Mona in Bewegung zum Schwesternzimmer, wo in einem verschließbaren Schrank die starken und betäubenden Medikamente gelagert wurden. Mona kannte die Behandlungspläne ihrer Patienten und wusste, dass sie Frau Hilgers bei Bedarf Schmerzmittel verabreichen durfte. Trotzdem war ihr die Sache etwas mulmig und über Funk kontaktierte sie den diensthabenden Arzt. Sie war gerade dabei, die hoch dosierte Tablette aus der Packung zu drücken, als das Diensttelefon klingelte. Doktor Behler meldete sich aus einer Chefarztbesprechung. Nachdem Mona ihm kurz die Situation geschildert hatte, bestätigte Dr. Behler die Gabe des Schmerzmittels. Von ärztlicher Seite abgesichert, kehrte sie mit der Tablette zurück ins Einzelzimmer der sichtbar leidenden Frau. Etwas unsicher stand die hübsche Besucherin neben dem Bett und hielt die erschöpfte Hand von Frau Hilgers.
Jenny hatte ihre Hände vom Gesicht gelöst und war dankbar, einen Grund für ihre desolate Verfassung genannt bekommen zu haben. Wirkliche Schmerzen kannte sie anders, doch fühlte sich ihr Kopf nach der Gedankenverknotung und dem Gefühlsausbruch dröhnend leer an. Sie wusste, dass eine Schmerztablette ihren Zustand ebenso wenig verändern würde wie die Einnahme eines Stück Apfels, doch wollte sie unter keinen Umständen erklären, wieso sie tränenüberströmt im Bett lag. Nachher würde ihr noch ein psychischer Schaden unterstellt. Und wer wusste schon, ob die Tablette ihr nicht doch Erleichterung brachte. Schwester Mona wies sie an, den Kopf etwas zu heben, steckte ihr die Tablette zwischen die Lippen und reichte ihr ein Glas Wasser, an dem Jenny unbeholfen nippte. Bereits das Schlucken der Tablette belebte Jennys Körper und auch ihr Geist freute sich über die Ablenkung.
Thea atmete innerlich auf und versprach sich zeitnahe Besserung des beängstigenden Zustandes ihrer Freundin. Schwester Mona beobachtete kurz die sich lösenden Gesichtszüge ihrer Patientin und wies Thea an, sich bei Verschlechterung des Zustandes bei ihr zu melden. Der Vorfall löste in den beiden so unterschiedlichen Frauen eine gewisse Achtung aus. Thea mochte keine Frauen mit Piercings und beim ersten Blick in Monas Gesicht wusste sie, dass diese Frau, deren Augenbraue ein silberner Ring zierte, nur auf Konfrontation aus war. Solche Menschen kannte sie aus der Schule zur Genüge. Die Grundschule, in der sie mit reduzierter Stundenzahl arbeitete, lag in einem sozial stark durchmischten Wohnviertel Münsters. Eltern mit Tattoos und Piercing gab es hier viele. Ständig fühlten sie sich benachteiligt und auf einer sachlichen Ebene war keine Unterhaltung möglich. Schwester Mona war auch so eine, aber immerhin hatte sie auf die Problemsituation professionell reagiert.
Thea richtete ihre Aufmerksamkeit auf Jenny, die wesentlich entspannter als noch vor wenigen Minuten mit geschlossenen Augen auf dem Rücken lag. Eine Weile beobachtete sie ihre Freundin und stellte sich innerlich die Fragen, die sie sich laut zu fragen nicht traute. Was war an dem regnerischen Freitagabend vor einer Woche wirklich passiert? Jenny war eine sichere und vorsichtige Autofahrerin und es passte nicht zu ihr, sich ohne Absprachen auf den einstündigen Weg zu ihr nach Münster zu machen. Nick, Jennys Verlobter, war nicht zu erreichen, aber Thea hatte nie viel Kontakt zu ihm gehabt. Vielleicht lag es daran, dass Theas Ehemann Achim, der als Internist in einer Praxis in Münster arbeitete, keinen besonders guten Draht zu Nick hatte. Zum Ende ihrer gemeinsamen Studienzeit in Köln, Nick hatte dort Architektur studiert, waren sie im Sommer oft zu viert in den Urlaub gefahren. Während sie mit Jenny und Achim gerne aktiv war oder die Gegend und Kultur ihrer Reiseziele erkundete, verbrachte Nick den Urlaub am liebsten am Strand oder an der Hotelbar. Unterschwellig lagen diese ungleichen Bedürfnisse in jeglicher Kommunikation zwischen Jenny und Nick. Einer von beiden schien immer unzufrieden mit den Wünschen und Forderungen des anderen oder fühlte sich missverstanden. Achim wurden die kleinen Machtkämpfe der beiden schnell zu anstrengend, sodass man nach vier gemeinsam verbrachten Reisen Abstand davon nahm, die Urlaubstage miteinander zu gestalten. Thea fand Nick soweit akzeptabel. Er sah vor allem gut aus und war gesellig und sportlich. Nicht sonderlich tiefgründig, aber irgendwie nett und, trotz nicht zu stillender Partylust, auch häuslich. Wie oft hatte Thea am Telefon von diversen Diskussionen gehört, die sich um das Thema Kinderwunsch drehten? Selbst als ihre nun bereits siebenjährige Tochter Klara geboren wurde (der Anblick eines Babys konnte für manch gewollt Kinderlose durchaus Auslöser für erhöhten Zeugungswillen darstellen), konnte Nick seine Freundin nicht von den Vorteilen der Gründung einer richtigen Familie überzeugen. Jenny argumentierte immer, dass sie als Lehrerin bereits einen großen Beitrag zur Kinderfreundlichkeit des Landes beitrug und ihre Nerven einfach nicht für ein eigenes Kind angelegt worden waren. Sie machte auch keinen Hehl daraus, dass sie froh über den Lebensstandard war, für den sie hart gearbeitet hatte. Diesen wollte sie unter keinen Umständen aufgeben. Ein Kind würde doch alles verändern und vor allem würde es alles durcheinanderbringen. So meinte jedenfalls Jenny.
Читать дальше