„Gestern Abend hatten Sie mit Ihrem Auto einen Unfall auf dem Horstmarer Landweg in Münster Gievenbeck. In einer Kurve sind Sie ins Schleudern geraten und vor einen Baum geprallt.“ Andreas wartete auf eine Reaktion und konnte erkennen, wie sich Jennys Augenbrauen zusammenzogen. Nach einiger Zeit öffnete Jenny die Lippen und sagte gequält: „Ein Reh, in der Kirche.“
Andreas rechnete mit allem. Viele seiner Patienten brauchten Tage bis Wochen, um wieder alle Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen richtig zeitlich einordnen zu können. Aber scheinbar hatte Frau Hilgers seinen Wortlaut verstanden. Denn es konnte durchaus sein, dass bei einem Unfall auf der ländlichen Straße ein Reh Ursache für den Verlust der Fahrzeugkontrolle war. Aber wieso seine Patientin eine Kirche mit dem Reh in Verbindung brachte, war spekulativ. Wahrscheinlich vermischte sie verschiedene Erlebnisse und konnte ihre Gedanken noch nicht sortieren.
Andreas fragte nach: „Ist Ihnen ein Reh vor das Auto gelaufen, Frau Hilgers?“
Jenny konnte nicht antworten, denn in ihr stieg eine Traurigkeit empor, die ihren Hals wie mit einem Kloß füllte und abdrückte. Tränen rannen über ihre Wangen und verliefen sich hinter den Ohren in ihren Haaren. Gedanken überschlugen sich und unterschiedlichste Erinnerungen reihten sich wild aneinander. Eine laute Sopranstimme donnerte ein „Ave Maria“ und Bilder von den roten Schuhen ihrer besten Freundin Marla mischten sich mit ausdruckslosen Gesichtern ihr bekannter Menschen. „Es ist Schluss“, hörte sie ihren Freund Nick sagen und plötzlich erschallte ein lauter „Heil Hitler“-Ruf.
„Nein!“, schrie Jenny und stöhnte auf vor Schmerzen. Sofort reagierte Andreas und rief über Funk den diensthabenden Arzt.
Ein großer schlanker Mann in weißem Kittel erschien nach kurzer Zeit neben Jennys Bett, die erneut in einen unruhigen Schlaf gefallen war. Nachdem Andreas die Unterhaltung zwischen ihm und der Patientin wiedergegeben hatte, ordnete der Arzt an, Jenny eine höhere Dosis Schmerzmittel sowie eine weitere beruhigende Substanz zu verabreichen. Außerdem müsse sie so schnell wie möglich erneut zur Computertomografie, um mögliche Hirnblutungen auszuschließen. All dies ließ Jenny wie im Schlaf über sich ergehen. Zum Glück konnten keine Blutungen festgestellt werden. Die Medikamente bewirkten zudem eine Linderung der Schmerzen und lösten Jennys wirre Gedanken.
Mittlerweile war auch ein Kontakt zu Angehörigen aufgebaut worden. Der Vater der Patientin hatte sich telefonisch über den Zustand seiner Tochter informiert und angekündigt, gemeinsam mit seiner Frau innerhalb der nächsten zwei Stunden in Münster einzutreffen. Er schien sehr gefasst am Telefon und berichtete, von der in Münster lebenden Freundin seiner Tochter über ihre Nichterreichbarkeit informiert worden zu sein. In Jennys Wohnung habe man dann den Anrufbeantworter abgehört und die Mitteilung des Pflegers entgegengenommen. Alles wäre unbegreiflich, aber man wäre dankbar, dass es der Tochter den Umständen entsprechend gut ginge. Ob man denn den Verlobten der Tochter nicht erreicht hätte? Auf diese Frage konnte die Krankenschwester, die den Anruf entgegennahm, keine Antwort geben.
Die ärztliche Anordnung zur Veränderung der Medikamentendosierung hatte Wunder bewirkt. Der stechende Schmerz in Jennys Kopf hatte sich in ein leichtes Druckgefühl gewandelt und alles hatte seine Bedrohlichkeit verloren. Vielleicht lag es an der Tatsache, dass Jenny nun Geräusche und andere verwirrende Reize einordnen konnte. Sie befand sich nach einem schweren Autounfall auf der Intensivstation der Uniklinik Münster und lebte. Sie genoss diese Erkenntnis und wusste, dass es nun das Beste war, alles auf sich zukommen zu lassen. Die beängstigenden Gedankenausschnitte waren für einen Moment vergessen und für eine Analyse ihrer Situation verursachten die verabreichten Medikamente eine zu große Gleichgültigkeit. Pfleger Andreas versorgte eine weitere Patientin, die – nur durch einen hellblauen Vorhang von ihr getrennt – im selben Zimmer untergebracht war. Durch die sie umgebenden bunt blinkenden und rhythmisch tönenden Geräte wähnte Jenny sich in Sicherheit. Die Stimme des kleinen, muskulösen Pflegers Andreas zu vernehmen, der hinter dem Vorhang all seine Handgriffe mit freundlicher und ruhiger Stimme ankündigte, beruhigte Jenny zudem. Alles um sie herum war wie eine Symphonie. Es bereitete Jenny Freude, diesen Klängen mit geschlossenen Augen ohne willentliche Anstrengung zu lauschen.
Eine Stunde war vergangen und Pfleger Andreas hatte sich der Dokumentation seiner getätigten Pflege zugewandt. Eine Arbeit, die immer mehr Zeit in Anspruch nahm, und die er widerwillig tat. Lieber packte er an und nutze seine Arbeitszeit für das Umsorgen seiner Schäfchen. Wohl oder übel saß er nun doch am Schreibtisch des Dienstzimmers, das mit mehreren Monitoren zur Überwachung der Patienten ausgestattet war. Jeder Monitor zeigte die Vitalfunktionen der Kranken durch die Messgeräte und auf Knopfdruck konnte er das Bild einer Überwachungskamera einstellen. Jenny Hilgers und Hannelore Buchner, seine beiden Patientinnen von Zimmer drei, lagen ruhig in ihren frisch bezogenen Betten und zeigten keinerlei Auffälligkeiten. Frau Buchner würde nach ihrer Aneurysma-Operation morgen sicherlich auf die Neurologie verlegt werden. Bei der dreißig Jahre jüngeren Frau Hilgers war er sich nicht sicher. Ihre Verwirrtheit machte ihm etwas Sorgen, aber da er ein optimistischer Mensch war, hoffte er, dass Frau Hilgers „Reh“ und „Kirche“ beim nächsten Erwachen auseinanderbringen konnte. Ganz geklärt war aus ärztlicher Sicht noch nicht, ob der offene Tibiabruch am rechten Unterschenkel seiner jungen Patientin doch noch operativ versorgt werden musste. In ihrem Zustand war eine Operation nicht zu empfehlen, aber für eine konservative Behandlung mussten die Wunden schnell heilen, damit die Anlage einer Gipsschale möglich war. So vermerkte er in seiner Dokumentationsakte unter „Behandlungsziele“: Förderung der Vigilanz (was soviel hieß wie Reh und Kirche auseinanderhalten zu können) und Förderung der Wundheilung, damit einer Gipsversorgung des Unterschenkelbruchs nichts im Wege stand. Andreas wurde von dem Klingelton, der Besucher ankündigte, aus seinen Gedanken gerissen. Er hörte seine Lieblingskollegin Manuela zur Stationstür gehen. Der Besuchsempfang gehörte heute zu ihrem Dienst. Mit ihrer gewohnt zuvorkommenden Art und gewinnendem Lächeln begrüßte sie das Ehepaar Hilgers; die Eltern seiner jüngeren Patientin. Manuela war geschult im Umgang mit aufgelösten Angehörigen. Oft waren die Emotionen der nahen Bekannten der Menschen, die sich in einem Hochrisikozustand befanden, das eigentlich Belastende ihrer Arbeit auf der Intensivstation. Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Ängste und Verzweiflung mischten sich mit Erkenntnissen über die Ungerechtigkeit des schicksalhaften Lebens. Mittlerweile waren viele Intensivstationen darauf eingerichtet, dass Angehörige Tag und Nacht vor Ort blieben. Das Universitätsklinikum zumindest war mit einem Besucherzimmer ausgestattet. Vor allem nach lebensbedrohlichen Unfällen wurde dieses Angebot dankend angenommen. Natürlich brauchte es eine gewisse professionelle Distanz, um all den Belastungen langfristig Stand zu halten. Andreas war aber froh, bis heute emotional nicht abgestumpft zu sein. Gerade das Einfühlen in die Situation der Beteiligten schaffte eine wertvolle Basis für eine erfolgreiche Genesung.
Martina schaute durch die immer geöffnete Tür ins Dienstzimmer und erklärte: „Hier sind die Eltern von Jenny Hilgers. Sie haben sich bereits die Kittel übergezogen und würden jetzt gerne ihre Tochter sehen.“
Sie blickte zurück in den Flur, wo Jennys Eltern unsicher standen und machte eine Handbewegung ins Dienstzimmer.
„Das ist Pfleger Andreas. Er hat Ihre Tochter gestern aufgenommen und ist am besten über ihren Zustand informiert“.
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