Andreas erhob sich und spannte die vom Sitzen und Schreiben ermüdeten Glieder an. Durch seine regelmäßigen Trainingseinheiten an Kraft- und Ausdauergeräten hatte er einen muskulösen Körper, was ihm in der Pflege zunutze kam. Sein Rücken war bisher von der Beanspruchung der täglichen Pflege oft lebloser, bewegungsunfähiger Körper verschont geblieben. Viele Kollegen klagten über immer wiederkehrende Rückenleiden. Andreas jedoch hoffte, dass er seine Arbeit noch viele Jahre uneingeschränkt ausüben konnte.
Mit einem kraftvollen Händedruck begrüßte er die verschüchtert wirkenden Eltern der neuen Patientin. Der Vater, ein etwa 1,90 Meter großer grauhaariger Mann mit gepflegtem Dreitagebart, stand einen Schritt vor seiner zusammengesunkenen Frau und blickte Andreas durch eine schwarzumrandete Lesebrille freundlich entgegen. Er wirkte gefasst, im Gegensatz zu seiner Frau, die mit geröteten Augen nur kurz aufblickte, als Andreas ihre schlaffe Hand zur Begrüßung drückte. Sie schien sich unter dem hellgrünen Besucherkittel verstecken zu wollen, und so folgte sie auch nur sehr langsam den beiden Männern ins Zimmer drei. Andreas ging vorweg und steuerte auf Jennys Bett zu. Diese wirkte sehr entspannt und hatte die Augen geschlossen. Ob sie wirklich schlief oder nur ruhte, war nicht auszumachen und so berührte Andreas sanft ihren rechten Arm und flüsterte: „Frau Hilgers? Jenny? Sind Sie wach?“
Kurz schaute er auf und bemerkte, dass nun Frau Hilgers Senior die Führung übernommen hatte und mit tränengefüllten Augen am Fußende des Bettes ihrer Tochter stand. Herr Hilgers hatte sich in einiger Entfernung an die Fensterscheibe gegenüber dem Fußende gestellt. Hinter ihm war der Blick ins Nachbarzimmer durch Metallrollläden verbaut. Trotz der gewünschten Transparenz und Überschaubarkeit aller Zimmer wurde somit ein wenig die Intimsphäre der Kranken gewahrt. Herr Hilgers inspizierte das Zimmer und die an seine Tochter angeschlossenen Geräte. Um Jennys Mutter einen Einstieg in die Kontaktaufnahme mit ihrer Tochter zu erleichtern, sprach Andreas in ruhigem Ton weiter: „Jenny. Hier sind Ihre Eltern. Können Sie uns ein Zeichen geben, ob Sie wach sind?“
Die junge Frau rührte sich nicht, doch hatte der aufmerksame Pfleger den Eindruck, dass sich der entspannte Gesichtsausdruck in leichten Unmut gewandelt hatte. Er wandte sich ab und munterte Frau Hilgers auf, den Arm ihrer Tochter zu berühren, um sie dann begrüßen zu können.
„Melden Sie sich bitte, wenn Sie mich brauchen“, sagte Andreas beim Verlassen des Krankenzimmers. Dann begab er sich wieder ins Dienstzimmer, schaltete aber zur Vorsicht das Überwachungsbild von Zimmer drei ein. Es war gut möglich, dass aufgewühlte Angehörige die Genesung der Schwerstkranken durch ihre Anwesenheit und unkontrollierte Emotionen störten.
Als Jenny die zaghafte Stimme ihrer Mutter vernahm, war sie sofort hellwach. Die beruhigende Symphonie hatte ihren letzten Ton erklingen lassen, und es stellte sich wieder die beängstigende Realität ein. Jenny wagte es nicht, die Augen zu öffnen, konnte aber die Worte ihrer Mutter uneingeschränkt erfassen.
„Jenny, wie kannst du uns so etwas antun?“, schluchzte ihre um Fassung ringende Mutter. „Wir haben uns solche Sorgen gemacht“, sagte sie durch ein zerknittertes Taschentuch, mit dem sie sich die Nase putzte.
Jenny zeigte keine äußere Reaktion, aber Pfleger Andreas bemerkte in seinem Dienstzimmer, dass der Puls der Patientin auf Zimmer drei eine erhöhte Frequenz aufwies. Er betrachtete das Überwachungsbild, konnte aber nichts Beunruhigendes erkennen. Vielleicht freute sich die Tochter über den Besuch der Eltern, was ihr Herz schneller schlagen ließ.
Unter nun kaum noch zu unterdrückenden Tränen flüsterte Frau Hilgers: „Was ist mit Nick? Ihr wolltet doch heiraten. Warum lässt du ihn so einfach gehen?“
Nun schaltete sich der zunächst ruhig an der Scheibe stehende Vater ein und trat neben seine Frau, um sie zu beschwichtigen: „Elisabeth. Nun ist es wirklich genug. Jenny hatte einen schweren Unfall und es ist nicht an der Zeit, alle Probleme der Welt zu diskutieren.“ Er streichelte Jennys Hand und sagte weich: „He, mein Mädchen. Hörst du mich?“
Aber Jenny reagierte nicht und hielt ihre Augen geschlossen. Erneut überfiel sie eine Traurigkeit und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Frau Hilgers entdeckte eine Träne, die langsam die Wange ihrer Tochter hinunterlief, und aufgeregt sagte sie: „Siehst du, Harald. Sie hat mich verstanden. Sie weint.“ Ihre restliche Fassung war gebrochen und schluchzend lief sie aus dem Krankenzimmer. Im gleichen Moment hatte sich Andreas von seinem Stuhl erhoben, denn der Puls seiner Patientin war auf eine belastende Frequenz gestiegen. Er wollte die Eltern bitten, die Tochter kurz ruhen zu lassen, doch kam ihm auf dem Gang bereits Frau Hilgers, tränenüberströmt und geräuschvoll ins Taschentuch schnäuzend, entgegen: „Was hat meine Tochter? Warum sagt sie nichts?“
Andreas nahm die schluchzende Frau in den Arm und führte sie behutsam in eine etwas abgelegene Sitzecke. Auf einem Beistelltisch zwischen zwei Holzstühlen stand ein bunt blühender Blumenstrauß und an der Wand darüber hing ein farbenfrohes großformatiges Bild. Hier war der richtige Ort, um wieder etwas Abstand zu gewinnen, fand Andreas. Frau Hilgers setzte sich und bemühte sich um aufrechte Haltung. Nach kurzer Zeit der Stille, in der Andreas einfach nur neben ihr stand, kam auch Herr Hilgers zu der kleinen Sitzecke und nahm mit einem tiefen Seufzer auf dem noch freien Stuhl Platz. Er stellte die Ellenbogen auf die Knie und hielt sich mit beiden Händen die Stirn. Er fand als erster Worte und fragte ausdruckslos: „Was ist nun mit unserer Tochter? Ist sie schwer verletzt?“
Andreas antwortete behutsam, aber er wusste, dass Beschwichtigungen ebenso unangebracht waren wie weit vorausschauende Vermutungen.
„Ihre Tochter hatte wirklich Glück. Sie hat sich bei dem Autounfall auf regennasser Fahrbahn eine schwere Unterschenkelfraktur, also einen Bruch, zugezogen. Zudem ist sie vermutlich hart mit dem Kopf auf das Armaturenbrett geknallt und hat sich dabei ein Schädel-Hirn-Trauma zugezogen.“ Andreas bemerkte, dass beide Eltern nervös auf den Sitzflächen hin und her rutschten und fügte schnell hinzu: „Aber es sind keine Blutungen im Schädel nachzuweisen, sodass eine baldige Genesung mit großer Wahrscheinlichkeit in Aussicht steht. Alles Weitere müssten Sie aber mit dem diensthabenden Arzt besprechen.“
Nachdem die Eltern keine weiteren Fragen stellten, schlug der Pfleger vor, dass es bestimmt sinnvoll wäre, einen kurzen Spaziergang durch die frische Luft zu machen, um danach noch einmal nach der Tochter zu schauen.
„Aber bitte warten Sie auf Zeichen von Ihrer Tochter. Wir müssen alle Geduld haben.“
Mit diesen Worten verabschiedete er sich von den nachdenklichen Eltern, da seine Kollegin Manuela seine Hilfe anforderte.
Das Ehepaar Hilgers folgte dem Rat des sympathischen Pflegers und fand, nach einigen Irrwegen durch die unzähligen Gänge des riesigen Universitätsklinikums, einen Weg um das Zentralklinikum. Etwas erfrischt und der größten Last enthoben, trafen sie nach gut einer halben Stunde wieder auf der Intensivstation ein. Wie es Andreas empfohlen hatte, traten sie ohne große Worte an das Bett ihrer Tochter, umfassten fest ihre Hände und streichelten sanft ihre Wangen. Jenny behielt ihren nun wieder entspannten Gesichtsausdruck und als das Ehepaar Hilgers sich mit gegenseitigen Blicken zum Aufbruch bewegen wollte, öffnete Jenny die Augen und sagte leise: „Danke. Es tut gut, dass ihr da seid.“
Frau Hilgers wandte sich vom Bett ab, denn ihr standen erneut die Tränen in den Augen. Jennys Vater beugte sich vor, um Jenny in die Augen zu sehen und erwiderte: „Jenny, ruh dich gut aus. Bald geht es dir besser und dann können wir über alles reden.“ Liebevoll kniff er seiner Tochter leicht in die rechte Wange und endete: „Sei stark, mein Mädchen, ja? Wir kommen morgen wieder.“
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