Khaled wurde in das Hirtenberger Laura-Gatner-Haus eingewiesen, eine Unterkunft für jugendliche alleinstehende Flüchtlinge. Die Mehrheit der Asylsuchenden stammte aus Syrien, dem Irak und aus Afghanistan.
Hirtenberg liegt zwischen Wien und Wiener Neustadt. Kerstin wohnte damals schon in Bromberg, einer verwunschenen Ansiedlung der wildromantischen Buckligen Welt. Von hier aus fuhr sie mit dem Auto nach Wiener Neustadt und nach Hirtenberg, eine halbe Stunde beziehungsweise vierzig Autominuten entfernt von Bromberg.
Über verschneite und vereiste Serpentinen beförderte Kerstin ihren Schützling nach Hohe Wand zum Chefarzt Dr. Arany, damit dort die Unterhaltungen stattfinden konnten. Während Khaled beim Doktor zur Gesprächstherapie weilte, schlürfte Kerstin in unmittellbarer Nachbarschaft auf der Terrasse des Alpengasthofs Postl ihren gewohnten Cappuccino. Der Nebel hatte sich schon verflüchtigt, sodass sich dem Blick des Betrachters ein herrliches Panorama darbot.
Kerstin wusste sehr wohl, dass Doktor Arany Khaleds Kindheit interessierte. Kindheitserinnerungen hat jeder Mensch. Doch es bleibt sich nicht gleich, welcher Art solche Erinnerungen sind. Auch Kerstin hätte viel zu erzählen. Keineswegs nur schöne Dinge. Der Weg nach Bromberg, bevor sie in einer schmucken Siedlung der Buckligen Welt ein Zuhause gefunden hatte, war ein langer. Ursprünglich stammte sie von norwegischen Eltern ab, genauer gesagt, von einer norwegischen Mutter und einem deutschen Vater. Geboren wurde sie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Januar 1946.
Norwegen nahm unter den skandinavischen Ländern einen besonderen Platz ein. Schon 1940 war es von den Deutschen besetzt worden. Und die Besatzung dauerte bis zum Kriegsende. Zeitweise waren dort drei- bis vierhunderttausend Wehrmachtsoldaten stationiert. Angesichts ihrer blauäugigen blonden Kinder wurden die Norweger für Arier gehalten.
Himmlers „Lebensborn“-Plan war darauf ausgerichtet, für einen ständigen Nachwuchs der arischen Rasse zu sorgen. In den skandinavischen Ländern, so vor allem in Norwegen, waren die SS-Angehörigen dazu angehalten, mit norwegischen Frauen Kinder zu zeugen. Im Europa der Nazis, so auch in Frankreich und Österreich, erblickten überall arische Nachkommen der Besatzer das Licht der Welt. Gemäß verschiedenen statistischen Erhebungen betrug die Zahl der während des Krieges und unmittelbar danach in Norwegen geborenen „Lebensborn“-Kinder zwölftausend. Zu ihnen gehörte auch Anni-Frid Lyngstad, eine der späteren Sängerinnen von ABBA, geboren 1945 nach Kriegsende als Tochter einer norwegischen Mutter und eines deutschen Vaters. Als kleines Kind emigrierte Anni-Frid zusammen mit ihrer Mutter nach Schweden, wo sie von ihrer Großmutter großgezogen wurde.
Nach dem Krieg verwandelte sich das privilegierte Dasein der „Lebensborn“-Kinder von einem Tag auf den anderen in eine Hölle. Überall im Land wurden ihre Mütter als Verräterinnen, Nazinutten und die Kinder selbst als Bastarde, Ratten und Hurenkinder beschimpft. „Vater Deutscher“, diese beiden Wörter genügten, um die „Lebensborn“-Kinder zu diskriminieren. Viele von ihnen wurden in psychiatrischen Anstalten weggesperrt. Die Ächtung der Kinder war allgemein verbreitet. Vielen von ihnen wurden Jahrzehnte später vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Entschädigungszahlungen zugesprochen. 1998 bat der Ministerpräsident Norwegens die Betroffenen im Namen des norwegischen Volks um Entschuldigung. Allerdings war dieser Akt der Gerechtigkeit für die erlittene Unbill der vorangegangenen, vierzig Jahre währenden Diskriminierung keine wirkliche Wiedergutmachung.
Zur Schicksalsgemeinschaft norwegisch-deutscher Kinder gehörte auch Kerstin. Als kleines Mädchen wusste sie lediglich, dass der Vater noch vor ihrer Geburt im Krieg den „Heldentod“ gestorben sei.
Die mit ihrer Herkunft zusammenhängenden Erniedrigungen blieben auch ihr nicht erspart. Kerstin begriff nicht, warum sie von ihren Altersgenossen geschnitten wurde, warum man sie anders behandelte. Über den Vater schwieg sich die Mutter aus. Mehr, als dass er im Krieg gefallen sei, konnte Kerstin nicht in Erfahrung bringen. Sobald sie sich nach dem Vater erkundigte, wurde die Mutter nervös und beendete unwirsch das Gespräch, noch bevor es eigentlich begonnen hatte. Auch Kerstins Frage, warum die Mutter nie etwas vom Vater erzähle, wurde kurz abgefertigt.
Kerstins Mutter gehörte der Christengemeinschaft an, einer in Norwegen gegründeten kleinen lutherisch-christlichen Kirche. Ihr vollständiger Name: Brunstad Christian Church. Ihr Sitz befand sich im norwegischen Brunstad, wo Kerstin zusammen mit ihrer Mutter lebte. Die alleinerziehende Mutter wurde zusammen mit Kerstin in den Schoß der Kirche aufgenommen.
Kerstin fühlte sich in der Gemeinde wohl. Die Lichtgestalt des Vaters aber blieb nach wie vor in nahezu undurchdringliches Dunkel gehüllt. Da sie der Mutter keine Informationen entlocken konnte, kamen dem pubertierenden Mädchen die Inspirationen der Altersgenossinnen mehr als gelegen. Sie ermunterten Kerstin, selbst Nachforschungen anzustellen. Insgeheim tastete sie sich in der Tiefe des Wäscheschranks voran. Der Erfolg blieb nicht aus. Unter den Bettlaken entdeckte sie liebevoll von einem Seidenband zusammengehaltene Briefe. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, während sie die offensichtlich nicht für ihre Augen bestimmten Kuverts öffnete. Sie fand darin in Perlschrift geschriebene Briefe, deren Adressatin Berta war, Kerstins Mutter. Als Absender der wohl drei oder vier Briefe entpuppte sich ein Mann namens Heinrich. Der letzte Brief stammte aus dem Jahr 1947. Mehr verrieten ihr die Briefe nicht. Denn sie waren auf Deutsch verfasst, in einer Kerstin damals noch fremden Sprache. Schnell versenkte sie den Briefstoß des Unbekannten wieder unter den Bettlaken. Da sie wegen der gewiss verbotenen Schnüffelaktion ein schlechtes Gewissen hatte, verriet sie sich der Mutter gegenüber mit keinem einzigen Wort. In ihrem tiefsten Inneren aber hoffte sie, dass dieser ominöse Heinrich ihr Vater sein könnte. Vielleicht war er ja gar nicht gestorben, wie man ihr gesagt hatte.
Jedenfalls wurde sie in der Gemeinde auf die Gründung von kleinen Partnerkirchen in anderen Ländern aufmerksam. Ende der fünfziger Jahre entstanden in Dänemark, Schweden und sogar Deutschland Gemeinden, die den Vorstellungen der norwegischen Christengemeinschaften folgten. Kerstin bat ein Mitglied ihrer Gemeinde, den an der Wandzeitung des Gemeindehauses angeschlagenen Aushang zur deutschen Gründung einer Partnergemeinde zu übersetzen.
Der Mann kam der Bitte nach. In dem an die Brunstader Gemeinde gerichteten Schreiben der Hamburger Christengemeinschaft wurde der Freude Ausdruck verliehen, dass man nun gleichfalls die Gedanken und das Leben Jesu Christi verkündigen, das christliche Evangelium und die Bibel verbreiten wolle.
Der Übersetzer war überrascht, mit welcher Begeisterung die Halbwüchsige diese Nachricht zur Kenntnis nahm. Im Stillen stellte er fest, dass es unter den jungen Menschen offenbar noch begeisterungsfähige Gläubige gab.
Von diesem Tag an betrieb Kerstin intensiv das Erlernen der deutschen Sprache. Allmählich verinnerlichte sie die Überzeugung, dass ihr Heinrich irgendwo in Deutschland leben musste und lediglich aus unerfindlichen Gründen von seiner geliebten Familie getrennt worden war. Für sie bestand nicht der geringste Zweifel daran, dass die Briefe Ausdruck nicht enden wollender Sehnsucht nach der innig geliebten Tochter sein mussten. Kerstin wollte sich die deutsche Sprache möglichst schnell aneignen, um die Botschaften des vermeintlichen Vaters zu verstehen. Als sie schließlich das Gefühl hatte, Deutsch schon ein wenig zu verstehen, wühlte sie an einem verregneten Sonntag erneut im Wäscheschrank herum, forschte unter den Bettlaken nach den Briefen. Doch außer den Kadavern einiger Kakerlaken konnte sie absolut nichts finden. In grenzenloser Wut verstreute sie die Bettwäsche auf dem Fußboden. Auf die Geräusche aufmerksam geworden, erschien die Mutter plötzlich im Raum, wo sie Kerstin vorfand, die die Laken auseinanderfaltete und wie wahnsinnig nach etwas zu suchen schien.
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