Das Schicksal von Dobyns’ ist unglücklicherweise kein Einzelfall. Es besteht ein Missverhältnis zwischen der Arbeit der Männer im Einsatz bzw. der Notwendigkeit, riskante Entscheidungen zu fällen, und der Erwartungshaltung der Vorgesetzten hinsichtlich der Ergebnisse. Da die Männer Monate, manchmal sogar Jahre in eine kriminelle Unterwelt eintauchen, haben sie Schwierigkeiten, sich wieder in das Durchschnittsleben eines US-Amerikaners einzufügen. Ähnlich wie Gefängnisinsassen oder Militärpersonal werden sie in eine in sich geschlossene Welt „verfrachtet“. Und plötzlich finden sie sich dann wieder in ein „normales“ Leben zurückversetzt, werden mit ihren Erfahrungen alleingelassen und ihrem einstigen Doppelleben, mit dem sie sich arrangierten.
Durch diese Ausnahmesituation leiden einige der Männer an posttraumatischen Belastungsstörungen, während sie verzweifelt versuchen, sich wieder in die „Normalität“ zu integrieren. Andere kehren zu der einzigen ihnen bekannten Rolle zurück und nehmen erneut Undercover-Aufträge an. Doch es gibt auch Beamte, die sich in der Hoffnung, Hilfe und Trost zu finden, der Öffentlichkeit zuwenden, jedoch häufig zurückgestoßen werden. Man kategorisiert sie als „Problemfälle“ oder Sündenböcke für eigentliche Führungsfehler, abgesehen von dem Fall, dass die Ermittlung einen weitreichenden Erfolg erzielte.
Konsequenterweise führen Undercover-Agenten oft ein isoliertes und einsames Leben und ziehen es vor, soziale Kontakte untereinander zu pflegen, statt mit Familienmitgliedern oder nahen Freunden. Einige der Männer führen ein von Wut bestimmtes Leben, andere müssen die Demütigung ertragen, dass man sie in den hinteren Bereich eines Restaurants setzt und schräg ansieht, da sie optisch Kriminellen ähneln. Viele Agenten müssen sich mit einem ungewöhnlichen Problem herumschlagen – dem Verrat, denn sie haben brutale Männer, mit denen sie einst Freundschaft schlossen, auch wenn es nur eine vordergründige war, ans Messer geliefert.
Den Erfahrungen der Agenten eine Stimme zu verleihen ist eine kathartische Geste und gleichzeitig Anerkennung ihrer Opfer. Stunden um Stunden der Langeweile, zerrissen durch Augenblicke höchster Not, und ein Leben voller Unsicherheit prägen das Dasein der Undercover-Agenten.
Kerrie Droban
April 2008
„Kriegsanstrengungen“ – April 2002
Undercover-Informant „Rudy“ war der Katalysator für die Ermittlung, die später als Operation Black Biscuit in die Kriminalgeschichte einging: So bezeichnete man den ausgeklügelten Plan des Department of Treasury’s Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives (ATF), um die Arizona Hells Angels zu unterwandern und schließlich zu zerschlagen. Die Idee, ausgerechnet Rudy, rechtmäßiges Mitglied des in Tijuana ansässigen Solo Angeles Motorcycle Club (SAMC), einzusetzen, um die Arizona Hells Angels (HAMC) zu infiltrieren, stammte vom ATF-Agenten Joseph Slatalla (alias „Slats“ oder „Beef“) aus Phoenix.
Der forsche und durch nichts zu beeindruckende Italiener ähnelte dem Schauspieler Ray Liotta auf eine nahezu unheimliche Art. Während seiner Karriere verbrachte er fünf Jahre in Detroit und sechs in Phoenix. In Miami nahm er zögerlich eine Beförderung zum Supervisor an, doch er kehrte ein Jahr darauf, genervt von den administrativen Aufgaben und dem Papierkram, nach Phoenix zurück. Beef war ein rastloser Charakter. Die Leidenschaft für seine Arbeit trieb ihn schon bald wieder auf die Straße und ins Zentrum der gewalttätigen Biker-Subkultur Arizonas. Vor der Versetzung nach Miami im Jahr 2001 hatte er 1997 bereits den Versuch unternommen, die Untiefen der Szene auszuloten.
Seine damalige Ermittlung konzentrierte sich auf den Dirty Dozen Motorcycle Club, der 1996 damit begann, sich bei der größten Biker-Gang der Welt einzuschmeicheln – den Hells Angels. Doch Beefs Bemühungen, eine Task-Force mit dem Codenamen AMEN aufzustellen, verpufften im behördlichen Irrgarten aus Fehlinformationen, kleinkarierten Eifersüchteleien und frappanter Richtungslosigkeit. Konflikte innerhalb der Agency und juristische Probleme zwischen dem Büro des Generalstaatsanwalts von Arizona, dem Bezirksstaatsanwalt und dem US-Staatsanwalt für Arizona trugen zum Scheitern der Operation bei. Keines der Büros fühlte sich bemüßigt, Informationen oder Angaben zu Informanten den jeweils anderen Rechtsvertretern zukommen zu lassen.
Die Dirty Dozen wurden schließlich von den Hells Angels absorbiert. Als Beef am Ende nach Phoenix zurückkehrte, bot sich ihm eine Wahlmöglichkeit: Entweder würde er für den Rest seiner Karriere hinter dem Schreibtisch vermodern und auf die Rente warten oder das Risiko eingehen, die Biker-Szene erneut anzugehen. Seine Entscheidung, eine neue Task-Force zur Infiltration der Hells Angels zu bilden, wurde nicht mit Wohlwollen begrüßt, doch Beef entschied sich, das Richtige zu tun und nicht den bequemen Weg einzuschlagen. Obwohl die meisten bei seinen ironischen und sarkastischen Anspielungen flüchteten, hörten sie auf seine Vorschläge. Beef symbolisierte die Stimme der Erfahrung – kein Drumherum-Gequatsche, sondern handfeste Ansätze –, die er in der finsteren Unterwelt der Outlaw Motorcycle Gangs (OMGs) gesammelt hatte, speziell bei den Hells Angels und ihrem „Ableger“, bekannt als die Red Devils (RDMC).
Beef wusste, dass die Solo Angeles hispanische Outlaw-Biker waren, mit der Basis in Tijuana, Mexiko. Sie verfügten über 80 aktive Mitglieder, von denen keines außerhalb von Mexiko oder Südkalifornien lebte. Die meisten Arizona Hells Angels waren zuvor niemals einem Solo Angeles begegnet. Rudy hatte seinen Status als Outlaw-Biker gegenüber den Angels verschwiegen, denn Biker sind für ihr Territorialverhalten berüchtigt. Die Hells Angels zählten zu den sogenannten „Großen 5“, zu denen auch die Pagans, Banditos, Outlaws und Mongols gehörten. Allerdings betrachtete man die Hells Angels als den „großen Club“. Keine andere Gruppierung traute es sich, ihre Clubabzeichen oder „Colors“ ohne Genehmigung der Angels zu zeigen.
Jeder Club besaß für ihn spezifische Colors. Die der Solo Angeles waren Orange und Schwarz, also die Farben von Halloween und zerquetschten, verdreckten Kürbissen. Die Mongols kannte man als „Schwarz und Weiß“ und die Hells Angels als die „Big Red Machine“. Einzelne Clubs waren durch ihre Spitznamen zu identifizieren – eine Bezeichnung, die sie meist auch selbst vorzogen –, wie zum Beispiel die „Phoenix Hot Headz“, die „Graveyard Crew“ (aus Skull Valley) und „Mesa Mob“. Die „falschen“ Solo Angeles (die Agenten, die sich als Solo Angeles ausgaben) nannte man schließlich „Orange Crush“ oder abfällig „die Pumpkins“.
Rudy hatte für Beef eine besondere Bedeutung, denn er führte eine Vertrauensbeziehung mit Robert Johnston Jr. (alias „Mesa Bob“ oder „Bad Bob“), dem Präsidenten des Charters der Mesa Hells Angels.
Oft kannte man nur die Spitznamen der Biker, eine Art Markenzeichen, ähnlich den Colors eines Clubs. Sie verrieten grundlegende Charaktereigenschaften (zum Beispiel „Bad Bob“) und standen für bestimmte Fähigkeiten oder Ansprüche. Beispielsweise pochte Mesa Bob von den Mesa Hells Angels auf Territorialansprüche und unternahm alles in seiner Macht Stehende, um diese zu verteidigen.
Rudy war ein befreundeter Outlaw-Biker, und so nahmen die Hells Angels den als Insider ermittelnden Informanten ohne eine Frage in ihre kriminelle Bruderschaft auf. Sie überwachten unzählige Drogen- und Waffengeschäfte zwischen ihm und Mitgliedern von Support-Clubs der Angels.
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