„Da vorne ist irgend etwas“, sagt der Fahrer. Am Straßenrand parkt ein VW-Bus, ein deutscher Schäferhund ist mit einem Strick am Griff der Hintertür angebunden. Als wir vorbeifahren, bellt er. Dann kommen weitere Autos und Busse. In manchen halten sich Leute auf, die meisten sind aber auf der Straße, gehen in kleinen Gruppen, tragen Schlafsäcke, Segeltuchrucksäcke und Babys oder führen noch mehr große, hässliche Hunde mit sich herum. „Steigen wir aus“, sagt Keith. „Verlieren Sie uns nicht“, trägt Mick dem Fahrer auf, der noch fragt: „Wo gehen Sie hin?“ Aber da sind wir fünf schon auf und davon, Ron „The Bag Man“, Tony „The Spade Heavy“, der „Okefenokee Kid“ und natürlich Mick und Keith, ihres Zeichens Rolling Stones. Die anderen in San Francisco verbliebenen Bandmitglieder schlafen inzwischen im Huntington Hotel, mit Ausnahme von Brian, der tot ist und deshalb, so sagen manche, niemals schläft.
Die Straße fällt zwischen welligen Buckeln mit trockenem Gras ab. Es ist eine kahle Landschaft wie in den Szenen von Science-Fiction-Filmen der 50er Jahre, in denen Außerirdische den Teenager und seine vollbusige Freundin im geparkten Hot-Rod-Schlitten heimsuchen. Jetzt aber wimmelt es hier von jungen Leuten mit meist langen Haaren, die warme Kleidung, Jeans, schwere Army-Jacken anhaben – wegen der kühlen Luft der Dezembernacht, die uns wieder etwas belebt, während wir gehen. Mick trägt einen langen, burgunderfarbenen Überrock, und Keith hat einen vor lauter Schimmel grün angelaufenen Nazi-Wintermantel aus Leder an. Morgen, oder genauer gesagt heute, in ungefähr sechzehn Stunden, wird er ihn in wahnsinniger, blinder Panik zurücklassen, um diesen Ort schnell zu verlassen, zu dem wir jetzt leichthin stolzieren. Mick und Keith lächeln. Es macht ihnen Spaß, dass sie die Macht haben, diese Menschenansammlung Wirklichkeit werden zu lassen, nur indem sie ihren dementsprechenden Wunsch artikulierten. Und noch mehr gefällt ihnen, dass sie die Freiheit besitzen, genau wie jeder andere diesen starkfrequentierten, ausgedörrten Weg entlangspazieren zu können. Man hört Gelächter und leise Gespräche innerhalb einzelner Grüppchen, aber kaum Konversation darüber hinaus, obwohl es scheint, dass niemand von uns ein Fremder ist. Jeder trägt die Zeichen, die Insignien der geschlagenen Schlachten, die uns an diesen verlassenen Ort am westlichen Abhang der Neuen Welt verschlagen haben, lange bevor die meisten von uns dreißig geworden sind.
„Tony, besorg uns einen Joint“, bittet Keith, und bevor wir zwanzig Schritte weiter sind, hat sich der schwarze, hünenhafte Tony zurückfallen lassen und zu einem paffenden Jungen gesellt, der ihm den Joint gibt und sagt: „Behalt ihn.“ Also rauchen wir und folgen dem Pfad in einen Talkessel hinunter, wo die Buckel sich zu niedrigen Hügeln strecken, die schon von Tausenden Menschen bevölkert sind, die sich um Lagerfeuer versammeln. Manche schlafen, manche spielen Gitarre, manche reichen etwas zum Rauchen und große, rote Krüge mit Wein herum. Für einen Augenblick stocken wir; das Ganze hat die traumartige Beschaffenheit tiefstempfundener Wünsche nach dem Zusammensein mit allen guten Leuten, mit der ganzen Familie, mit allen, die man liebt, in irgendeinem privaten Land der Nacht. Es ist so vertraut wie unsere frühesten Täume und doch so überwältigend und endgültig mit den Lagerfeuern, die wie weit entfernte Sterne flackern, soweit das Auge reicht, dass es schon wieder ehrfurchtgebietend ist. Und als wir den Hügel links von uns besteigen und dabei auf Schlafsäcken und Decken gehen, wobei wir versuchen, niemandem auf den Kopf zu treten, sagt Keith, es sei wie in Marokko, außerhalb der Tore von Marrakesch. Hört ihr die Flöten?
Die Leute lagern bis direkt vor einem Sturmzaun, der oben mit Stacheldraht versehen ist. Und während wir den Eingang suchen, nähern sich von hinten die „Maysles Film Brothers“ mit gleißenden, bläulichweißen Quarzlampen, die sie auf die schlafenden Körper richten. Mick schreit, sie sollen die Scheinwerfer ausmachen, aber sie stellen sich taub und kommen näher. Die Kids, die „Hi, Mick!“ riefen, als wir vorbeigingen, schließen sich uns an; bis wir das verschlossene Tor erreicht haben, hat sich eine Karawane von Kids gebildet, die durch die Scheinwerfer irritiert sind. Drinnen sehen wir das Clubhaus der Altamont-Speedway-Rennbahn, vor der Leute herumstehen, die wir kennen. Mick ruft: „Könnten wir hinein, bitte?“ Einer kommt herüber, erkennt uns und geht jemand holen, der das Tor öffnen kann. Das dauert eine Weile, und die Kids wollen Autogramme und mit uns hineingehen. Mick sagt ihnen, dass wir bis jetzt nicht einmal selber reinkommen. Keiner außer mir hat einen Kugelschreiber, aber ich habe gelernt, ihn nicht aus der Hand zu geben, weil sich die Leute im Taumel ihrer glückseligen Heiterkeit mit der Unterschrift und mit meinem Werkzeug davonmachen. So stehen wir also fluchend in der Kälte herum, von einem Fuß auf den anderen tretend, und keiner kommt, um uns einzulassen. Das windschiefe Tor scheppert, als ich daran rüttle, und ich sage, wir könnten es doch ziemlich leicht niederreißen. Und Keith bemerkt: „Der erste Akt der Gewalt.“
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Etwas über die wundersamen Wanderungen dieser Griots genannten Hüter der Tradition durch die gelbe Wüste nach Norden in das Maghrebinische Land, oftmals eine einsame Wanderung; ihre Vorstellungen in arabischen Camps auf dem langen Weg, als die schwarzen Sklaven herauskamen, um zuzuhören und Tränen zu vergießen; dann die gefährliche Reise nach Konstantinopel; wo sie alte Kongo-Melodien für die großartige schwarze Bevölkerung von Stamboul spielen, die keine Gesetze oder Gewalt in ihren Häusern halten kann, wenn der Klang von Griot-Musik in den Straßen erklingt. Dann würde ich davon berichten, wie die Schwarzen ihre Musik nach Persien und sogar ins mysteriöse Hadramaut mitnehmen, wo ihre Stimmen von arabischen Meistern hoch geschätzt werden. Dann würde ich auf die Transplantation der Negro-Melodie auf die Antillen und nach den beiden Amerikas eingehen, wo ihre eigenartigsten schwarzen Blüten von den Alchemisten der musikalischen Wissenschaft gesammelt werden und Zauberer daraus ein Parfum extrahieren … (Wie ist das für den Anfang?)
Lafcadio Hearn in einem Brief an Henry E. Krehbiel
sie sass auf einer cremefarbenen Couch und hatte den Kopf mit den hellblonden Haaren über ein Buch mit rotem Umschlag gebeugt. Ihre Beine waren übereinandergeschlagen und ein Absatz ruhte auf der Marmorplatte des Kaffeetisches. Im Panoramafenster hinter ihr war eine üppige grüne Hecke zu sehen und in der Entfernung, weit unten gelegen, die Stadt der Engel mit ihren knochenweißen Gebäuden bis hin zum Pazifischen Ozean. An einigermaßen klaren Tagen wie diesem konnte man ihn durch den giftigen Nebel, zu dem Land und Himmel am Horizont verschmolzen, hindurchschimmern sehen. Auf den farblich aufeinander abgestimmten Polstermöbeln in der Lobby dieses motelartigen Gebäudes hatten noch andere Leute Platz genommen – aber sie schaute nicht auf, nicht einmal, als ich „Entschuldigung“ sagte und über ihr ausgestrecktes Bein stieg, um mich neben ihren Gatten Charlie Watts, einen der Rolling Stones, zu setzen.
„Erinnerst du dich an ihn, Shirley?“ fragte er.
Ein kurzer Blick. „Nein.“
„Ein Schriftsteller. Du weißt doch.“
„Ich hoffe, er ist nicht so wie der, der uns zu Hause aufgesucht hat“, sagte sie. Dann schaute sie mich noch einmal an und irgend etwas ging in ihren grünen Augen vor. „Ach, Sie sind das.“ Sie klappte das Buch zu. „Sie haben über mich in der Küche geschrieben.“
„Ein anderer“, sagte ich. „Sie lesen Priestley? ‚Prince Of Pleasure.‘ Kennen Sie die Bücher von Nancy Mitford?“
„Sie haben behauptet, ich hätte das Geschirr abgewaschen. Ich wurde noch nie so beleidigt.“
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