„Auf deine eigene, besonnene und abwägende Art bist du das. Und es ist genau das, was wir hier brauchen“, erklärte sein Vater. „Jemand, der noch Schlimmeres verhindert und eher bedächtig vorgeht.“
„Und wenn ich das nicht will?“
Ganz ruhig erwiderte seine Mutter: „Dann lässt du es bleiben. Niemand kann und wird dir das verübeln. Ganz bestimmt nicht. Jeder muss die Dinge so tun und lassen, wie es ihm gefällt. Außerdem bist du erst vierzehn Jahre alt.“
„Bald fünfzehn.“
„Ja. Bald.“
Er schaute seine Eltern an: Sein Vater Dirk war als Steuerberater in einer Kanzlei tätig. Nicks Mutter Michaela war Grundschullehrerin, weil der Lehrberuf angeblich Tradition in ihrer Familie war und sie gern mit Kindern arbeitete.
Nick hatte nie einen ernsthaften Streit zwischen ihnen mitbekommen und ihm gegenüber zeigten sie sich meist großzügig und verständnisvoll. Außerdem hatten sie bisher keines seiner Konzerte oder Fußballspiele versäumt.
Er fragte sich, was aus ihnen werden würde, wenn ihm, Nick, jemals etwas zustoßen würde. Und er fragte sich, ob es normal war, sich in seinem Alter solche Dinge zu fragen.
„Nick?“
Er schaute auf, direkt in die Augen seines Vaters.
„Ich überlege es mir“, antwortete er.
Und das tat er.
Nick verbrachte eine nachdenkliche halbe Stunde auf dem Klo, ohne zu lesen, was ihm jedoch nicht weiterhalf. Danach lag er mit hinter dem Kopf verschränkten Händen auf seiner Schlafcouch und starrte die Decke an, als würde sich dort demnächst in Großbuchstaben ein guter Rat manifestieren.
Doch da war nur das bewegte Licht- und Schattenspiel der Sonnenstrahlen und Bäume.
Er verzichtete auf das nachmittägliche Daddeln an der Spielekonsole, weil er sich sowieso nicht hätte konzentrieren können. Und er verspürte auch keinen Bock zu chatten.
Ich meine, grübelte er, was kann ich für den ganzen Bockmist? Was habe ich mit der Sache zu tun?
Nichts, bereitwillig sprang ihm eine stichelnde Gedankenstimme bei. Rein gar nichts! Es ist wirklich nicht dein Problem.
Na also! Wie kam Marion nur auf diese saublöde Idee? Und seine Mutter?
Kei-ne Ah-nung!, echauffierte sich die Gedankenstimme mit einem Stöhnen. Mal ehrlich: Was verstehst du schon von Mädchen? – Aber Marion! Die war selbst mal eins. Und deine Mutter ebenfalls. Oder etwa nicht? Sollen die beiden sich selbst um diese Lina kümmern. Sollen sie doch versuchen, an sie heranzukommen.
Aber, dachte Nick, die Betonung liegt auf „sie waren“. Jetzt sind sie keine Mädchen mehr, sondern erwachsene Frauen.
„Aller Voraussicht nach hat ein Erwachsener ihre seelische Erschütterung verursacht, indem er ihr den Bruder genommen hat. Daher traut sie keinem von ihnen.“ Das hatte seine Mutter gesagt.
Diese Erschütterung, das schien im sicher, die rührt von einem Verbrechen her. Ganz klar. Entführung. Mindestens. Vielleicht mehr. Totschlag. Womöglich Mord.
Das Opfer, ein Junge.
Der Täter. Ein Mann?
Oder eine Frau?
Nick versuchte sich vorzustellen, wie es war, wenn man keinem Erwachsenen mehr traute. Nicht den Eltern und Großeltern, Tanten und Onkeln. Keinem Lehrer. Keinem Trainer. Nicht mal Gott, weil der ebenfalls erwachsen war.
Es gelang ihm nicht.
Er stand auf, ging hinaus auf die Terrasse, setzte sich in einen der Gartenstühle und dachte an das stumme Mädchen. An Lina Soundso, deren Zwillingsbruder spurlos verschwunden war.
Im Grunde, überlegte er, ist es bloß Zufall, dass ich als Nick und nicht als Jan geboren wurde. Dass Lina seine und nicht meine Schwester ist. Dass nicht ich, sondern er verschwunden ist. Purer Zufall. Glück! Sonst wäre ich es, nach dem die Hundertschaften Wälder und Felder absuchen und der möglicherweise schon längst …
Er hielt inne, wollte diesen Satz nicht zu Ende denken und war heilfroh, als seine Mutter nach ihm rief, weil sie mit ihm die Koffer fertig packen wollte. Aber der Gedanke hatte nach ihm gegriffen und ließ ihn nicht mehr aus den Fängen.
„Wann sollte ich eigentlich zu Marion und Thomas? Wie immer, in den letzten beiden Ferienwochen?“, wollte Nick wissen. Er stopfte seine Socken in den Koffer. „Nur mal so, falls ich Ja sage.“
„Nein. Morgen.“
„Morgen schon?“
„Ja. Eine Beziehung zu jemandem herzustellen, braucht seine Zeit. Papa und ich würden dich absetzen und weiter nach Bernau fahren. Wir haben die Ferienwohnung ja längst bezahlt. Und wir können den Urlaub nicht so kurzfristig verschieben. Andernfalls kommst du wie geplant mit uns.“
Nick, die Antwort in die Länge ziehend: „Okay.“
Ihm kam eine Idee, eine, die ihn erleichtert aufatmen ließ.
„Mama?“
„Hm?“
„Was wäre, wenn der Junge gar nicht verschwunden ist? Wenn Jan einfach nur abgehauen ist, wie Lina es gemacht hat? Dann will er nicht gefunden werden. Und bestimmt wird Lina ihn nicht verraten.“
„Nein. Er ist nicht abgehauen.“
„Woher weißt du das?“
Sie schloss den Kofferdeckel und ließ die Schlösser einrasten. „Die Polizei glaubt das nicht. Alles spricht dagegen. Sie sagen, die meisten Kids hauen zwar planlos von zu Haus ab. Aber sie gehen nicht zu weit weg von ihrer vertrauten Umgebung. Meistens übernachten sie heimlich bei Freunden. Oder sie packen ihre Klamotten, nehmen ihre Ersparnisse, trampen irgendwohin und kehren nach Hause zurück, wenn die Kleider dreckig sind oder das Geld aufgebraucht ist.
Jan hätte bestimmt sein Portemonnaie, sein Handy und das Fahrrad mitgenommen. Und Lina. Die beiden stehen sich unheimlich nah. Außerdem haut niemand ohne Grund ab – und Jan, nun, er hatte keinen Grund.“
„Sagt wer?“
„Einfach jeder. Nachbarn. Die Lehrer. Seine Eltern. Seine Mutter und sein Vater sind völlig verzweifelt.“
„Du hast gesagt, er wäre sein Stiefvater.“
„Macht das einen Unterschied? Sein leiblicher Vater schert sich keinen Deut um ihn.“
Nick zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Was meinen Jans Freunde? Und die Schulkollegen?“
„Dass er keine Probleme erwähnt hat, soviel ich weiß.“
Seine Mutter trat dichter an Nick heran. Sie schlang die Arme um ihn und er um sie. Manchmal mochte er das noch sehr gern, wenn sie ihn umarmte. Nicht immer. Aber jetzt.
„Meine Fantasie reicht nicht aus, um mir auszumalen, wie ich mich fühlen würde, wenn du verschwunden wärst. Allein bei der Vorstellung könnte ich schreien! Diese furchtbare Ungewissheit muss einen Menschen auffressen.“
Nick erwiderte nichts.
„Und wenn sie Jan finden und er tot ist? Oder wenn sie ihn niemals finden? Ich würde lieber sterben, als dich zu verlieren, Nick.“ Sie umklammerte ihn.
„Hör auf damit, Mama.“ Er befreite sich und schaute in ihr gequältes Gesicht. Diese Sache nahm sie wirklich mit. Und das machte es auf eine eigenartige Weise zu etwas, womit er durchaus doch zu tun hatte.
Mist.
Sie strich ihm das Haar aus der Stirn. „Pass immer gut auf dich auf.“
Nick grinste schief. „Ich tue mein Bestes.“
„Gut“, sie lächelte zurück. „Ich fahre mit Papa zur Tankstelle, damit wir gleich morgen früh los können. Bis gleich.“
„Bis gleich.“
„Nick?“
„Hm?“
„Hab dich lieb.“
Und er, mit Drachenohren: „Hm.“
Später, als Nick allein in seinem Zimmer war, stand er eine Weile grübelnd am Fenster. Er beobachtete die tief stehende Sonne.
Er hatte keine Geschwister. Es gab nur seine Eltern. Aber der Gedanke, dass einer von den beiden eines Tages einfach spurlos verschwinden würde, war so unvorstellbar, als wenn man ihm gesagt hätte, dass die Sonne verschwunden wäre.
Und wenn sie niemals vom Tanken zurückkämen? Er würde sich den Rest seines Lebens fragen, was geschehen war. Ob er es hätte kommen sehen müssen, ob möglicherweise irgendwelche Vorzeichen oder Anhaltspunkte darauf hingedeutet hätten.
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